Wir Juden fragen uns jedes Jahr vor dem Pessach-Fest: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen des Jahres? Ich möchte nun fragen: Was unterscheidet den diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Holocausts von allen vorangegangenen? Dass die Luft zum Atmen für Juden weltweit dünner wird, ist leider nichts Neues. Wer jüdische oder israelische Freunde hat, weiß seit Jahren, dass sie unter ständiger Anspannung stehen, wenn sie den Davidstern tragen, oder genau wissen, wo sie besser kein Hebräisch sprechen. Der Holocaust begann nicht in Auschwitz, sondern damit, dass Juden aus dem öffentlichen Raum verdrängt wurden – lange bevor die Nazis dies in Gesetzesform gossen. Und wenn die heutigen Tendenzen anhalten, droht der öffentliche Raum wieder „judenrein“ zu werden. Polizisten für jüdische Kindergärten sind die letzte Verteidigungslinie Doch 2025 hat sich etwas verändert. Von Jom Kippur in Manchester bis Chanukka in Sydney wurden Juden an ihren Feiertagen erschossen, weil sie Juden sind. Allein in den vergangenen Wochen wurden Synagogen von Mississippi bis Gießen in Brand gesteckt. Ich erinnere mich noch, wie nach einem Brandanschlag auf eine Synagoge im Jahr 2000 eine Schockwelle durch die Bundesrepublik ging. Der Kanzler rief den „Aufstand der Anständigen“ aus. Der Anschlag in Gießen hingegen war kaum noch eine Schlagzeile. Auch vor hundert Jahren waren es zunächst Einzeltäter. Lange bevor die Gewalt gegen Juden staatlich organisiert wurde, schritten die Radikalen zur Tat. Das konnten sie nur, weil viele andere dies ignorierten oder tolerierten. Ich fürchte, an diesem Punkt sind wir wieder angelangt. Ich möchte nicht missverstanden werden: 2026 ist nicht 1933. Wir haben einen eigenen Staat, und auch Deutschlands Regierung tritt für jüdisches Leben ein. Doch Polizisten vor jüdischen Kindergärten und der israelischen Botschaft sind bereits die letzte Verteidigungslinie. Was den Boden bereitet hat für den heutigen Judenmord, waren Lügen über Israel. Die Dämonisierung des jüdischen Staates hat Antisemitismus salonfähig gemacht. Und zwar weit in die gesellschaftliche Mitte hinein. Ich rede von denen, die das Abschlachten in Bondi Beach nicht verurteilen können, ohne im selben Atemzug eine Verbindung zu Israel herzustellen. Niemand kann ernsthaft glauben, dieser Hass sei die Folge irgendwelcher Politiken, die Israel unternimmt oder unterlässt. Synagogen werden seit Jahrtausenden in Brand gesteckt. Juden wurden Jahrhunderte bevor der Vorwurf gegen Israel erhoben wurde, als „Kindermörder“ verfolgt. Antisemiten im Nahen Osten wollen uns zurück nach Europa jagen, wo wir angeblich herkommen. Doch in Europa wollten die Antisemiten uns immerfort in den Nahen Osten zurückjagen – wo wir tatsächlich herkamen. Früher hassten sie uns, weil wir keinen eigenen Staat hatten. Heute hassen sie uns, weil wir einen eigenen Staat haben. Es ist die wohl älteste Form des Hasses. Nun gibt es Neunmalkluge, die sagen, es gebe doch auch Juden, die die Abschaffung dieses winzigen jüdischen Staates zur Lösung aller Probleme erklären. Selbstverständlich gibt es diese schrille Minderheit. So wie es selbsthassende Deutsche oder islamfeindliche Muslime gibt. Doch sie repräsentieren nicht die Mitte Israels, sondern die extremen Ränder. Hierzulande werden diese „guten Juden“ – sprich: „israelkritischen“ – wie in einem Spiegelkabinett stark verzerrt dargestellt. Mit ihrer gern gehörten Meinung sind sie permanent in den Medien präsent, gewinnen dafür Preise – und werden dann wiederum dafür herumgereicht. Selbstverständlich kann man die Politik Israels kritisieren Sie alle begehen denselben Fehler: Sie versuchen, die sich aufbauende Welle des Hasses von Juden auf Israel umzuleiten. Doch gegen „schlechte Juden“, die sich weigern, dem eigenen Staat öffentlich abzuschwören, ruft der „Free Palestine“-Mob jetzt schon zu Gewalt auf. Und wenn sich der Antisemitismus Bahn bricht, trifft es auch die „guten Juden“. Antisemiten unterscheiden nicht zwischen religiösen und säkularen Juden, linken oder rechten Israelis. Es war Jean-Paul Sartre, der darauf hinwies, dass es immer die Antisemiten sind, die definieren, wer die Juden sind. In der Tat verfolgten die Nazis auch jene getauften „Vierteljuden“, die sich nie als solche verstanden. Damit keine Missverständnisse entstehen: Selbstverständlich kann man die Politik Israels kritisieren – aber ohne einem ganzen Volk das Existenzrecht abzusprechen. Selbstverständlich kann jeder in seinem historischen Urteil über Israel genauso streng sein wie mit – sagen wir – Frankreich oder der Türkei. Doch bei aller berechtigten oder unberechtigten Kritik sollten wir uns doch einig sein, dass französische Kinder niemals Angst haben sollten, auf der Straße Französisch zu sprechen. Und – es klingt absurd, das auszusprechen – dass Türken nicht vor ihren Moscheen erschossen werden dürfen. Punkt. Doch zu viele akzeptieren heute – aus welchen Gründen auch immer –, dass diese zivilisatorischen Mindeststandards nicht uneingeschränkt für Juden und ihren Staat gelten. Das ist es, was den diesjährigen Gedenktag, 81 Jahre nach dem Holocaust, von vorangegangenen unterscheidet.
