FAZ 05.01.2026
17:52 Uhr

Zum 150. Geburtstag: Am Anfang war Adenauer


Als der vormalige Kölner Oberbürgermeister 1949 der erste Kanzler der Bundesrepublik wurde, brachte er Erfahrungen aus drei Epochen deutscher Geschichte mit. Die vierte Epoche sollte Adenauer prägen wie niemand seither.

Zum 150. Geburtstag: Am Anfang war Adenauer

Zu den historischen Erfahrungen gehört, dass die Wahrnehmung der Bedeutung von Persönlichkeiten in der Regel mit dem Ende ihrer jeweiligen Amtszeit schwindet. In der zweiten deutschen Republik hat es seit 1949 zehn Bundeskanzler, zwölf Bundespräsidenten, viele Parlaments- und Verfassungsgerichtspräsidenten gegeben; Hunderte Ministerpräsidenten und Minister, Tausende Abgeordnete der Parlamente, darunter wichtige Fraktionsvorsitzende, Parlamentarische Geschäftsführer, Ausschuss- und Arbeitsgruppenvorsitzende. Weil sie politische Ämter ausüben, werden sie bekannt und für wichtig gehalten. Mit dem Ende ihres Mandates wird es meist mit der öffentlichen Wahrnehmung weniger, schwindet allmählich der Bekanntheitsgrad und bleibt von der Bedeutung, wenn überhaupt, nur ein bescheidener Rest zurück. Bei Konrad Adenauer verhält es sich anders. Die Wahrnehmung seiner Bedeutung als Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland hat seit der Aufgabe seiner Ämter und seinem Tod im Jahr 1967 nicht abgenommen. In der Beurteilung seiner Bedeutung sind sich Wissenschaft und Öffentlichkeit erstaunlich einig, politische Freunde und Weggefährten wie Gegner und Konkurrenten. Willy Brandt, den Adenauer als politischen Widersacher leidenschaftlich und nicht immer nur fair bekämpft hatte, würdigte ihn nach seinem Tod als „Architekt der Bundesrepublik Deutschland, als Staatsmann von europäischem Rang und Persönlichkeit von geschichtlicher Größe“. Adenauer hat in seiner denkwürdigen politischen Laufbahn fünf herausragende Ämter wahrgenommen. 16 Jahre lang war er Oberbürgermeister von Köln (1917–1933), zwölf Jahre Präsident des Preußischen Staatsrates (1921–1933) und in einer kurzen, aber entscheidenden Phase der Neuformierung dieses Landes nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident des Parlamentarischen Rates, der die Verfassungsordnung für dieses neue Deutschland formulieren sollte. Von 1949 bis 1963 war er Bundeskanzler und von 1950 bis 1966 Vorsitzender der Christlich Demokratischen Union (CDU) Deutschlands. In jedem dieser Ämter setzte er mit seinem Wirken Maßstäbe. Interesse für Europa Darüber hinaus gibt es zwei Rollen, für die Adenauer weder kandidieren noch gewählt werden konnte: die des großen Europäers, eines Gründungsvaters des neuen Europas, sowie des Veränderers und Erneuerers, der Wiederaufbau und Modernisierung miteinander zu verbinden wusste. Das Interesse an Europa und die Einsicht in die zwingende Notwendigkeit einer Neuordnung des europäischen Staatengefüges begleiten die politische Laufbahn Adenauers von Anfang an. Im Juni 1919 rief er als Oberbürgermeister bei der Eröffnungsfeier der Universität Köln dazu auf, „das hohe Werk dauernder Völkerversöhnung und Völkergemeinschaft zum Heile Europas zu fördern“. Im Mai 1924 präzisierte er bei der Eröffnung der Kölner Messe: „Es muss in Europa wieder eine Atmosphäre des Friedens geschaffen werden, und es scheint, dass dabei die Wirtschaft der Politik Wegbereiterin sein muss.“ Seine Vorstellungen einer Verflechtung der europäischen Schlüsselindustrien nahmen den Grundgedanken des Schuman-Plans von 1950 vorweg, über den er 1952 bemerken sollte: „Der Schumanplan, der Vertrag über die EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft) sind […] nur ein Anfang. Sie sind zunächst deswegen nur ein Anfang, weil erst sechs europäische Länder davon erfasst werden. Aber es wäre töricht, wenn ich nicht mit sechs Ländern anfangen würde und erst warten wollte, bis alle kommen. Ich bin überzeugt: Wenn der Anfang mit sechs Ländern gemacht ist, kommen eines Tages alle anderen europäischen Staaten auch hinzu.“ Man muss über ein gewaltiges Maß nicht nur an visionärer Begabung, sondern auch an Gestaltungswillen verfügen, um aus der Perspektive des Jahres 1952 nicht nur das, was gerade begonnen hat, ausdrücklich nur als Anfang zu bezeichnen, sondern auch vorwegzunehmen, dass Zeiten kommen werden, in denen dies ein Europa sein wird, zu dem die westlichen wie die östlichen Länder des Kontinents mit gleicher Selbstverständlichkeit gehören. Adenauers Bemerkung vor der beratenden Versammlung des Europarates im Dezember 1951 könnte fast wie ein aktueller Kommentar zur gegenwärtigen Diskussion über Glanz und Elend Europas und der europäischen Einigungsbemühungen gelesen werden: „Der Zwang zu einer europäischen Vereinigung ist nicht ein Schicksal, das Europa erleidet. Es ist vielmehr ein schöpferischer Impuls, der der Größe der europäischen Tradition würdig ist.“ Wie sehr Adenauer unter dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) gelitten hat, ist oft genug beschrieben und erläutert worden. Zur Begründung der Bedeutung dieses Projektes und seiner Einschätzung dessen Scheiterns sollte man in Erinnerung rufen, dass der Vorschlag von Frankreichs Ministerpräsident René Pleven, eine gemeinsame europäische Armee aufzustellen, mit dem Vorschlag der Gründung einer europäischen politischen Gemeinschaft verbunden war – ein Vorschlag, den Adenauer unverzüglich aufgriff und mit Leidenschaft vorantrieb. Dramatischer Rückschritt Tatsächlich wurde am 27. Mai 1952 ein Vertragsentwurf von den Regierungen unterzeichnet und auch in fünf der sechs Staaten ratifiziert, nur nicht in Frankreich. Kein zweites politisches Ereignis seiner Biographie hat Adenauer häufiger und dramatischer als einen Rückschritt in der für notwendig erachteten europäischen Entwicklung beschrieben und beschworen als das damalige Scheitern dieses Anlaufs. 1956 machte Belgiens Außenminister Paul-Henri Spaak dann den Vorschlag, die Nationalwirtschaften durch Errichtung eines gemeinsamen Marktes – verbunden mit einer europäischen Organisation zur friedlichen Nutzung der Atomenergie – zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und Europäischen Atomgemeinschaft zu verschmelzen. Auch diese vertraglichen Bemühungen drohten zu scheitern, bis Adenauer nach Paris reiste und mit Frankreichs Ministerpräsident Guy Mollet eine Kompromisslinie fand, auf deren Grundlage eine Vereinbarung unter den sechs Partnern getroffen werden konnte. Für damalige Beobachter war das nicht nur ein neuer, sondern auch ein anderer Ansatz, Europa zusammenzubringen: zunächst ökonomisch statt politisch. Für Adenauer war es ein neuer Anlauf zum gleichen Ziel. In den Protokollen der Sitzungen des CDU-Parteivorstandes vom November 1959 findet sich seine Bemerkung, der gerade im Jahr davor in Kraft getretene gemeinsame Markt „muss betrachtet werden nicht in erster Linie als ein wirtschaftlicher Vertrag, sondern als ein politisches Instrument. Er muss im Zusammenhang betrachtet werden mit dem Europarat, der Montanunion und Euratom, kurz und gut, es handelt sich hier um eine Reihe von politischen Fakten. Die EWG ist in der Hauptsache ein politischer Vertrag, der bezweckt, auf dem Wege über die Gemeinsamkeit der Wirtschaft zu einer politischen Integration Europas zu kommen.“ Dies ist ein eindrucksvoller Beleg sowohl für die Hartnäckigkeit als auch die Flexibilität Adenauers. Hans-Peter Schwarz erläutert in seinen Büchern über Leben und Werk Adenauers, dass jedenfalls nach seiner Einschätzung von einer von Anfang bis Ende geradlinigen Europapolitik ernsthaft keine Rede sein könne. Adenauer habe im Laufe der Zeit je nach Lage der Dinge durchaus nicht nur unterschiedliche taktische Kalküle, sondern ganz heterogene Ziele verfolgt. „Er hat als Föderalist begonnen und als Konföderalist an der Seite de Gaulles geendet. Man kann ihn genauso gut für das supranationale Europa reklamieren oder darauf verweisen, dass er sich seit Ende der 50er Jahre im Sog de Gaulles für ein Europa der Vaterländer, sprich der Nationalstaaten wieder erwärmt habe.“ Den Zug der Entwicklungen erkennen Wie auch immer die Historiker mit dieser wichtigen Gründungsphase der Europäischen Gemeinschaft unter Berücksichtigung von alten und neuen Quellen weiter verfahren mögen, eines wird man sicher sagen können: Adenauer, der von Beginn seiner Laufbahn an ein ausgeprägtes und ausdrückliches Interesse an einer Veränderung der politischen Verhältnisse in Europa hatte, hat sich immer wieder an den tatsächlichen Verhältnissen orientiert und damit nach den tatsächlichen Möglichkeiten gerichtet, um ein mehr oder weniger, aber nie abschließend beschriebenes Ziel mit der ihm eigenen Sturheit verfolgen zu können. Damit ist er nicht zuletzt seiner Maxime treu geblieben, Politik heiße „den Zug der Entwicklung zu erkennen und auch danach zu handeln“. Die eher akademische Diskussion über die Adenauer-Ära als eine Zeit der Restauration oder der Modernisierung hat sich längst erledigt. Zeitgenossen, zu welchen Zeiten auch immer, haben sich angewöhnt, die Jetztzeit ganz selbstverständlich für die Moderne zu halten und daraus zu schließen, dass alles, was davor stattgefunden hat, zur Vor-Moderne gehören muss. Eine besondere Ausprägung dieser Denkweise haben wir unmittelbar nach dem Tod Adenauers erlebt, als die Achtundsechziger mit besonderem Fleiß die Ära des ersten Bundeskanzlers als eine Phase der Restauration karikierten, um gleichzeitig den vermeintlich nun dringlichen Aufbruch in die Moderne zu proklamieren. Ein so unverdächtiger und kluger Analytiker wie Hermann Lübbe hat einst darauf hingewiesen, dass der Versuch, die Adenauer-Ära als vormodern oder gar restaurativ zu etikettieren, ganz offenkundig in das Reich parteipolitischer Mythenbildung gehöre. Denn wenn man das Deutschland der Adenauer-Zeit sowohl mit der deutschen Zeit davor als auch mit den europäischen Verhältnissen zur gleichen Zeit in Verhältnis setzt, dann ist ein bemerkenswerter Aufbruch zur Modernität in Politik und Wirtschaft nur schwer zu übersehen. Es gibt eine Reihe von Hinweisen in den Reden und vor allem im Handeln Adenauers, die diesen Veränderungs- und Erneuerungswillen in besonderer Weise dokumentieren. In einer Grundsatzrede erklärte Adenauer, damals Vorsitzender der CDU der britischen Zone, im März 1946: „Unser Ziel ist die Wiedererstehung Deutschlands. Aber es soll nicht wiedererstehen das zentralistische, auch nicht das von Preußen als Vormacht geführte frühere Deutschland. Deutschland soll ein demokratischer Bundesstaat mit weitgehender Dezentralisation werden.“ Das war zwei Jahre vor dem Beginn der Arbeit des Parlamentarischen Rats, über die in einem beachtlichen Teil der Literatur noch immer die Auffassung vorherrscht, es sei schlicht um die Umsetzung alliierter Vorgaben gegangen, was mit deutschen Vorstellungen relativ wenig zu tun gehabt habe. Segnungen eines dauernden Friedens Doch bevor der Parlamentarische Rat überhaupt absehbar, geschweige denn konstituiert war, finden wir bei Adenauer eine glasklare Vorstellung, was anders werden muss in Deutschland, wenn Deutschland „wiedererstehen“ soll. Er hat damals hinzugefügt: „Wir glauben, dass eine solche staatliche Gestaltung Deutschlands auch die beste ist für die Nachbarländer. […] Ich hoffe, dass in nicht zu ferner Zukunft die Vereinigten Staaten von Europa, zu denen Deutschland gehören würde, geschaffen werden, und dass dann Europa, dieser so oft von Kriegen durchtobte Erdteil, die Segnungen eines dauernden Friedens genießen wird.“ Wer sich mit Adenauers Leben und Werk intensiver beschäftigt, den wird nicht sonderlich überraschen, was zunächst ausgesprochen verblüffend, vielleicht sogar kokett wirken mag, nämlich seine Bemerkung, unter allen seinen tatsächlichen oder ihm zugeschriebenen Leistungen sei ihm die gelungene Gründung einer völlig neuen Partei die wichtigste, die bedeutendste gewesen. Das, was mit dieser Parteigründung und der damit ausgelösten Eigendynamik für ein neues Deutschland auf den Weg gebracht wurde, ist an Innovativwirkung allerdings schwerlich zu überschätzen. Als Adenauer erster Bundeskanzler der Bundesrepublik wurde, brachte er wie kaum jemand sonst politische Erfahrungen aus drei Epochen deutscher Geschichte mit in sein neues Amt. Er hatte den Untergang des Bismarck-Reiches erlebt und das Scheitern der Weimarer Republik, die monströse Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus und den Wahnsinn eines mutwillig angezettelten totalen Krieges, Zerstörung und Niedergang, Besatzung und maßloses Elend. Er hatte unter den Nazis selbst Ausgrenzung und Verfolgung erlitten und war persönlich integer aus dieser größten Katastrophe der deutschen Geschichte hervorgegangen. Wie nachhaltig prägend die Politik dieses Mannes die Strukturen und das Gesicht dieses Landes in den folgenden Jahrzehnten bestimmt hat, wird am besten dadurch deutlich, dass nicht nur die Wähler seine Politik mit bemerkenswerten Stimmenzuwächsen honorierten, sondern fast noch mehr durch den Umstand, dass sämtliche Richtungsentscheidungen, die er in der Gründungsphase dieser Republik vorgeschlagen, in streitigen Auseinandersetzungen durchgesetzt und verwirklicht hat, im Laufe der Jahre von allen relevanten politischen Kräften dieses Landes adoptiert wurden. Die Übernahme von Grundlagen seiner Nachkriegspolitik wurde in diesem Land gewissermaßen zum Test der Ernsthaftigkeit politischer Bewerber. Ein grandioseres Dokument des Erfolgs demokratisch gestalteter Politik ist schwer vorstellbar. „Es wird keine politische Lebensleistung geben, hoffentlich niemals mehr für einen deutschen Politiker geben müssen, die denjenigen von Konrad Adenauer auch nur nahekommt“, hat Navid Kermani sein Resümee formuliert, der prominente Repräsentant der multikulturellen Nach-Adenauer-Generation. Es verdient in diesem Zusammenhang in Erinnerung gerufen zu werden, dass geradezu ausnahmslos jede dieser Richtungsentscheidungen das ziemliche Gegenteil dessen war, was man heute gerne einen Selbstläufer nennt. Adenauer und die Wiedervereinigung Ein Konsenspolitiker war Adenauer nicht. Er hat den Streit geradezu gesucht, wo er ihn in der Sache für unvermeidlich hielt, und er hat ihn durchgestanden und auch damit ganz wesentliche Akzente für die Entwicklung einer demokratischen politischen Kultur in Deutschland gesetzt, für die es vertraute und belastbare Anknüpfungspunkte, wenn überhaupt, nur in einem sehr bescheidenen Umfang gab. Dazu gehört die uneingeschränkte Geltung von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes, auch und gerade dann, wenn es gelegentlich dem Gestaltungswillen der von Adenauer geführten Bundesregierung im Wege stand, wie zum Beispiel bei der Absicht, ein staatlich kontrolliertes „Deutschland-Fernsehen“ zu etablieren. Das Thema, das die gesamte Amtszeit Adenauers in einer besonderen Weise begleitet und zugleich belastet hat, war die Wiederherstellung der deutschen Einheit und die Zweifel daran, ob sie unter den Bedingungen genau seiner Politik überhaupt jemals würde erreicht werden können. Adenauer selbst hat in seiner Abschiedsrede vor dem Deutschen Bundestag am 15. Oktober 1963 dazu bemerkt: „Wir haben die Wiedervereinigung noch nicht erreicht, obgleich ich glaube, dass wir am Horizont Möglichkeiten einer Wiedervereinigung kommen sehen, wenn wir achtsam und vorsichtig und geduldig sind, bis der Tag gekommen ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Tag einmal da sein wird. Denn man kann einem Volke wie dem deutschen Volke nicht widersprechen und man kann ihm keinen Widerstand leisten, wenn es in Frieden seine Einheit wiederherstellen will.“ Allerdings, und das war Teil des Streites, so wenig Adenauer zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Amtszeit daran gedacht hat, das Ziel der Wiedervereinigung, so unrealistisch es auch erschien, aufzugeben, so wenig war er auch nur an einem einzigen Tag seiner Amtszeit in Versuchung, die Einheit um den Preis der Freiheit zu realisieren – getreu seinem kurzen, knappen, programmatischen Satz: „Wir wählen die Freiheit.“ Dieser Satz findet sich in seiner Parteitagsrede 1950, als Adenauer in schöner Bestätigung seiner eigenen Empfehlungen über einen föderalen Aufbau der Bundesrepublik zum Bundesvorsitzenden der CDU Deutschlands erst gewählt wurde, nachdem er bereits Bundeskanzler war. Zu den Wahrnehmungsgewohnheiten im Umgang mit der Geschichte gehört, den Ablauf der Ereignisse nachträglich für mehr oder weniger zwangsläufig zu halten. Tatsächlich waren weder das Scheitern der Weimarer Republik noch der Aufstieg des Nationalsozialismus zwangsläufig, der Zweite Weltkrieg nicht und schon gar nicht das Wiedererstehen eines neuen freien demokratischen Deutschland mit einer inzwischen weltweit geachteten Rolle in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Ein vierfach geteiltes Land Als ich 1948 geboren wurde, war Deutschland ein vierfach geteiltes Land, militärisch besiegt, politisch und wirtschaftlich zerstört, moralisch diskreditiert, mit ungewisser Zukunft. Weniger als ein Jahr später wurde die Bundesrepublik gegründet, das Grundgesetz beschlossen, ein freies Parlament demokratisch gewählt und Adenauer erster Bundeskanzler. Im Anfang war Adenauer. Dieser oft zitierte Satz aus Arnulf Barings Standardwerk über „Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie“ gehört zu den grandiosen Vereinfachungen, die die Komplexität der Verhältnisse natürlich nicht annähernd hinreichend wiedergeben, aber das Wesentliche auf den Punkt bringen: Im Anfang war Adenauer. Er hat Deutschland länger regiert als die Weimarer Demokratie Bestand hatte. Dass die zweite deutsche Demokratie im Unterschied zur Weimarer Republik stabil wurde und stabil blieb, ist ganz wesentlich sein Verdienst. Als er 1963 mit der berühmten Bemerkung zurücktrat „Ich gehe nicht leichten Herzens“, waren die politischen Institutionen in Deutschland gefestigt. Eine völlig neue politische Volkspartei war fest etabliert. Deutschland war Bestandteil der westlichen Welt, Mitglied der NATO, Gründungsstaat der EG. Die Versöhnung mit Frankreich war vollzogen, die Grundlage für Versöhnung und zukünftige Partnerschaft mit Israel gelegt. Die politisch-moralische Reputation Deutschlands war wiederhergestellt. Die Bundesrepublik war inzwischen die größte und erfolgreichste Volkswirtschaft Europas, die soziale Marktwirtschaft ein weltweit bewundertes Konzept einer neuen, modernen Wirtschaftsordnung. Recht und Freiheit waren in einer bis dahin in der deutschen Geschichte nie da gewesenen Weise gesichert. Die Einheit ließ noch 25 Jahre auf sich warten. Dass sie schließlich möglich wurde, ist neben dem Freiheitswillen der Menschen in der damaligen DDR wie in ganz Mittel- und Osteuropa einer Politik der Bundesrepublik, der EG und der USA zu verdanken, die Adenauer wie kein Zweiter entwickelt, geprägt und durchgesetzt hat. Bei seiner Abschiedsrede vor dem Deutschen Bundestag am 15. Oktober 1963 gab er zu Protokoll: „Ich bin stolz auf das deutsche Volk […]: Wir Deutsche dürfen unser Haupt wieder aufrecht tragen, denn wir sind im Bund der freien Nationen ein willkommenes Mitglied geworden.“ Als er dies damals formulierte, wird den meisten Deutschen als schiere Selbstverständlichkeit erschienen sein, was den meisten Deutschen bei seinem Amtsantritt schlicht aussichtslos vorgekommen sein muss. Die großen und kleinen Aufgaben, die Tagesprobleme und Herausforderungen, die wir heute in Staat und Gesellschaft bewältigen müssen, beackern wir auf Feldern, die Adenauer zusammen mit anderen Gründungsvätern und -müttern bestellt hat. Alle diejenigen, die für begrenzte Zeit demokratisch gewählt in wichtigen Ämtern besondere Verantwortung übernommen haben, stehen auf Konrad Adenauers starken Schultern. Was wir dabei tun und leisten, ist – wenn überhaupt – wichtig, weil er bedeutend war. ◆◆◆ Der Verfasser ist Ehrenvorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident des Deutschen Bundestages a. D.