FAZ 22.02.2026
10:38 Uhr

Zukunft des Winterurlaubs: Im Tal der Emotionen


Im Schweizer Val Müstair spalten Pläne für eine neue Seilbahn und ein Luxusresort das Tal.

Zukunft des Winterurlaubs: Im Tal der Emotionen

Am letzten Morgen schneit es endlich. Lärchen und Zirben ziehen ihren weißen Wintermantel an, die braunen Stellen auf den Südhängen sind gnädig überzuckert. Aber wer mit dem Sportbus ins Skigebiet Minschuns hinauffährt, ist ernüchtert. Die beiden Schlepplifte, die bis auf 2700 Meter Höhe reichen, stehen still. „Es fehlt ein halber Meter Schnee“, sagt Daniel Pitsch, 67, der Geschäftsführer des Skigebiets. Erst dann könnten die Pistenraupen walzen, ohne Schaden zu nehmen. Das Weihnachtsgeschäft fiel aus und damit ein Drittel der Jahreseinnahmen. Nun hofft Pitsch, dass es zu den Sportferien in der zweiten Februarhälfte kräftig schneit. Langfristig könne nur Kunstschnee Minschuns retten. Der ist freilich teuer, die Zahl der Wintersportler stagniert – und die Konkurrenz durch hochgerüstete Riesen ist übermächtig. „Wir sind hier natürlich am Arsch der Schweiz“ Vor diesem Dilemma stehen viele kleine Skigebiete, nicht nur in inneralpinen Trockentälern wie dem Val Müstair in Graubünden. Hinzu kommt die besondere Lage: Das Tal liegt im äußersten Südosten der Schweiz, selbst aus Zürich dauert die Anfahrt drei Stunden. „Wir sind hier natürlich am Arsch der Schweiz“, bringt es Ruedi Ammeter auf den Punkt, der Pächter des Hotels Al Rom in Tschierv. Umso erstaunlicher ist, dass die Firma Domenig Architekten aus Chur 30 Millionen Franken in ein Luxusresort namens La Sassa investieren will. „Wir wollen einen Impuls geben, dass wir an das Tal glauben“, sagt Jon Domenig, 59, Architekt und Mitinhaber. Der Investor plant zunächst vier Gebäude mit 200 Betten, Restaurant, Pool, Sauna und Dampfbad. Die einzelnen Apartments werden verkauft, aber „die Betten müssen warm sein“, sagt Domenig. Also nicht etwa einen Großteil des Jahres leer stehen. Käufer dürfen ihre Wohnungen acht Wochen selbst nutzen, das restliche Jahr über werden sie an Touristen vermietet. Urbane Fassaden treffen auf geritzten Putz Die Renderings auf den Plakaten kommen jedem bekannt vor, der mal in Laax war. Die urbanen Fassaden aus grauem Naturstein ähneln jenen des Rocksresorts, das dort ebenfalls von Do­menig entworfen wurde, und stehen in starkem Kontrast zu den Engadiner Bauernhäusern mit ihren geschnitzten Türen und den Grafits, den in den Putz geritzten Symbolen und Schmuckleisten. Auch das Konzept ist gleich: „Ski-in und Ski-out ist die Bedingung“, sagt Domenig. Gäste sollen vom Resort mit einer neuen Achter-Kabinenbahn zur Alp da Munt in 2150 Meter Höhe hinauffahren und über eine neue, dreieinhalb Kilometer lange Talabfahrt zurückkurven. Eine der eiförmigen Glasgondeln steht als Botschafterin an der Straße durchs Tal. Doch ob die Seilbahn und das Resort jemals gebaut werden, weiß keiner. Und die Frage, ob all das gut fürs Val Müstair wäre, spaltet das Tal. „Es gibt viele Emotionen, da kann man nicht immer sagen, was man denkt.“ Das sagt Andreas Conrad. „In der Frage, ob wir das Skigebiet brauchen, sind sich alle einig. Aber wie es betrieben und ausgebaut wird, da gibt es sehr starke Reibungen.“ Der 39-Jährige leitet das Langlaufzentrum Furom mit angeschlossenem Café. Davor steht eine geschnitzte Holzstatue von Dario Cologna, dem Weltmeister und Gewinner von vier olympischen Goldmedaillen. Conrad ging mit Cologna in Müstair zur Schule. „Wir waren schon als Zehnjährige auf den Langlaufskiern“, erzählt er. Wenn am Mittwochabend ein Trainer des nahen Sportinternats Ftan kam, liefen sie mit Stirnlampen. „Damals war nichts los, da war Langlaufen eine Randsportart.“ Colognas Triumphe haben einen Langlauf-Boom im Tal ausgelöst. Trotz dunkler Wolken parken an diesem Sonntagmorgen erstaunlich viele Einheimische ihre Autos vor dem Zentrum. Viele Südtiroler hätten ein Saisonticket, sagt Conrad, auch viele Hotels im nahen Vinschgau schickten ihre Gäste zum Langlaufen hierher. An Spitzentagen seien die Loipen voll. „Ohne Loipen können wir einpacken“ Dennoch hat auch Conrad zu kämpfen. Auf der Talloipe entlang des Rombachs ist die Schneedecke dünn und löchrig, andere Loipen sind gar nicht erst gespurt. Und die zweieinhalb Kilometer lange Runde „La artificiala“ muss nun täglich mit Kunstschnee präpariert werden. „Unser Rückgrat“, sagt Conrad. „Wenn Minschuns zu ist und es keine Loipen gibt, können wir einpacken.“ Das Wasser für die Schneekanone wird aus dem Rombach nebenan gepumpt. „Sogar das wurde diskutiert“, sagt der Furom-Chef. Denn das Val Müstair ist UNESCO-Biosphärenreservat. Und so legten im Februar 2019, nachdem die Bewohner zugunsten des Projekts La Sassa ­gestimmt hatten, umgehend vier Umweltschutzorganisationen Beschwerde ein. Die Seilbahn sei ein „landschaftlich schwerer Eingriff in einer intakten Bergflanke“, sagt Maren Kern, die Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness Schweiz. Bei einer offiziellen Begehung habe sie dort einen Steinadlerhorst mit Jungvogel gesehen, auch andere gefährdete Arten wie Bartgeier lebten in dem Gebiet. „Warum braucht es dieses Resort und die Seilbahn für so ein kleines Skigebiet?“, fragt Kern. Die Naturschützerin würde eher auf sanften Wintertourismus setzen. Viele Skitourengeher kämen gerade, weil das Tal so unverbaut sei. Von Tschierv aus können sie ohne Auto auf fünf Berge steigen, gleich hinter dem Ofenpass finden sie im Gebiet Buffalora, einem der kältesten Orte der Schweiz, zuverlässig Pulverschnee. Vor zwei Jahren wurde sogar eine Schneise im Bergwald ausgelichtet, damit Skibergsteiger dort abfahren und nicht Auerhühner in den Wildruhezonen aufschrecken. „Wir haben einen Multi-Gast“ „Wir haben einen Multi-Gast“, sagt Gabriella Binkert Becchetti, Gemeindepräsidentin von Val Müstair. Viele fahren vormittags Ski und gehen nachmittags spazieren, zum Beispiel auf dem Bärenpfad entlang des renaturierten Rombachs, der sich wieder im breiten Kiesbett zwischen Schilf schlängeln darf. Oder sie steigen mit Schneeschuhen auf Gipfel wie den Mot Radond. Oder spielen Curling auf der Eisfläche in Tschierv. Und abends gehen sie fürs astronomische Dinner zur Sternwarte im Dörfchen Lü hinauf. 80 Prozent der Touristen sind Schweizer. Viele Stammgäste haben eine Ferienwohnung im Tal und kamen schon als Kinder mit ihren Eltern. Zweitheimische, wie man in der Schweiz sagt. Sie genießen es, wie alte Freunde begrüßt zu werden. Und dass sie ihre Kinder im Skigebiet unbeaufsichtigt über die Pisten tollen lassen können. Trotzdem: Viele Junge ziehen weg, ein Großteil der 1450 Bewohner ist im reifen Alter. „In manchen Jahren haben wir nur ein oder zwei Geburten“, sagt Becchetti, die seit 35 Jahren im Val Müstair wohnt und zusammen mit ihrem Mann auch ein Agriturismo im Hinterland des Gardasees führt. Die Gemeindepräsidentin befürwortet La Sassa. Sie hofft, dass Resort und Seilbahn mehr Touristen anlocken und Jobs schaffen, gibt aber auch zu, dass die Unterstützung für das Projekt über die Jahre abgenommen habe. Viele sorgen sich, ob sich die finanzschwache Gemeinde übernimmt. Wer haftet für die Verluste, wenn die Touristen in schneearmen Wintern ausbleiben? Seilbahngegner wie Conrad schlagen deshalb vor, nur in Beschneiung und Modernisierung der Lifte zu investieren. Umweltschützer würden Gäste gern per Elektrobus ins Skigebiet chauffieren. Min­schuns-Geschäftsführer Daniel Pitsch winkt ab. Die drei Teile des Projekts seien untrennbar verknüpft, erklärt er. Das Resort soll auf Land gebaut werden, das der Gemeinde gehört; der Erlös aus dem Verkauf soll in Beschneiung und Seilbahn fließen und ein Drittel der Baukosten von sechs Millionen Franken decken. „Wenn wir erst mal mit den Skiliften weiter fahren, können wir das in den nächsten zehn bis 20 Jahren finanzieren“, sagt Pitsch. Sein Vater und Onkel haben das Skigebiet mit aufgebaut, er selbst leitete früher die Skischule. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, es an die dritte Generation zu übergeben“, sagt der pensionierte Landwirt. „Meine Enkelin lernt hier gerade das Skifahren.“ Entsprechend leidenschaftlich wirbt er für die Seilbahn: Nur fünf Masten müssten für sie gebaut werden, zwei davon im Hang; Gäste aus dem Unterland müssten nicht mehr die oft eisige Straße hinaufkurven, Tausende Fahrten würden so pro Winter eingespart. Die Seilbahn soll ganzjährig laufen, sagt Pitsch weiter, das Restaurant künftig auch im Sommer öffnen. Familien mit kleinen Kindern und Senioren könnten dann ihre Wanderungen eine Etage höher starten, Mountainbiker ihre Räder mitnehmen. Der Charakter von Minschuns aber solle sich nicht ändern, versichert Pitsch. Die Tageskarte, mit 42 Franken nicht nur für Schweizer Verhältnisse ein Schnäppchen, solle nur zehn Prozent teurer werden. Neue Pisten und Lifte seien nicht geplant. Trubelig dürfte es im entlegenen Val Müstair einstweilen ohnehin nicht werden, auch dann nicht, wenn die Konzession irgendwann erteilt wird und Resort und Seilbahn tatsächlich realisiert werden. An normalen Tagen kurven ein paar Hundert Wintersportler über die 25 Kilometer langen Pisten, pro Jahr verkauft das Skigebiet zwischen 12.000 und 22.000 Skipässe – so viele wie Ischgl an einem Tag.