Als nach über fünf Stunden die Mitgliederversammlung beendet war, strahlten die Gesichter des Eintracht-Establishments. Die Eintracht-Familie hatte das Gesicht nach außen gewahrt, die Ultras hatten sich weitgehend zurückgenommen und nur dosiert ihren Anspruch auf Einfluss und Macht deutlich gemacht, den sie zuvor glasklar in ihrem Medium „schwarz auf weiß“ formuliert hatten. Dass eine offene Konfrontation nur in wenigen Augenblicken sichtbar wurde, verbuchte die alte Führungsriege als Erfolg und Zeichen ihres immer noch bestehenden Einflusses auf die organisierte Fanszene. Aber der Einfluss ist im Schwinden begriffen, und er reicht schon längst nicht mehr weit genug, um die Schattenseiten, die neben den vielen positiven Aspekten der organisierten Frankfurter Fanszene verbunden sind, einzudämmen. Ein besorgter Fan: „Ich ertrage die Schmach nicht“ Hier ist nicht genug Platz, um sie noch mal aufzuführen, mit den Orten Neapel, Heimspiel gegen Stuttgart, Bochum, Mainz und Barcelona sind verschiedene Formen von Fanausschreitungen verbunden. Für die Eintracht-Führung und viele friedliebende Fans ist die Situation kaum noch erträglich geworden, was ein Redner mit den Worten dokumentierte: „Ich ertrage die Schmach nicht, wenn ich als einer von diesem Klopper-Klub genannt werde.“ Niemand unterstellt, dass gewählte Eintracht-Funktionäre aus der organisierten Fanszene sich an Vergehen beteiligen oder sie auch nur gutheißen. Aber ihr Verhalten und die wenigen Äußerungen zu dem Thema lassen darauf schließen, dass sie die Ausschreitungen nicht unerträglich finden. Sie sind in der Ultra-Szene sozialisiert worden, in der Korpsgeist, Abgrenzung und Aggressivität gegenüber gegnerischen Fans sowie die Ablehnung von externen Autoritäten und Ordnungshütern dem Selbstbild entsprechen. Die Arbeitsweise der Blockpolizei und die Intransparenz der Entscheidungsfindung in einigen Gremien der organisierten Fanszene lassen die Frage aufkommen, ob Funktionäre aus den Ultra-Reihen die hohen moralischen Ansprüche erfüllen, die sie bei anderen Eintracht-Funktionären im Flugblatt „schwarz auf weiß“ anzweifeln. Das Überlegenheitsgefühl, die Selbstherrlichkeit und das Unverständnis gegenüber anderen Fans wurde auf der Mitgliederversammlung deutlich, als ein Redner aus der organisierten Fanszene dem besorgten Mitglied entgegnete, der nicht aus einem Klopper-Klub kommen möchte: „Auf diesen Stumpfsinn gehe ich gar nicht erst ein.“ Es existiert ein Graben innerhalb der Eintracht-Familie, aber er verläuft nicht zwischen Fan- und Förderabteilung und den Sport treibenden Abteilungen. Er verläuft zwischen Mitgliedern, die sich (vielleicht altmodischen) gesellschaftlichen und den Eintracht-Werten verbunden fühlen, und Mitgliedern, die ihr eigenes Wertesystem entwickelt haben, das nicht diametral entgegensteht, aber auch nicht kongruent ist. Es beinhaltet auch, Sponsoren öffentlich zu diskreditieren oder auf der Mitgliederversammlung unliebsame Kandidaten anzugreifen. Auf Grundlage ihres Wertesystems möchten sie in den Eintracht-Gremien mitarbeiten und Einfluss nehmen. Was auch nur legitim ist, da die organisierten Fußball-Fans bei der Eintracht circa 144.000 Mitglieder stark sind, dagegen treiben 16.000 Mitglieder im Verein Sport. Ob das Ultra-Wertesystem die Entwicklung der Eintracht begünstigt oder ihr schadet, wird die Zukunft zeigen. Denn der Einfluss der organisierten Fanszene wird aufgrund ihrer enormen Zahl immer steigen, nachdem sie ihren politischen Willen entdeckt hat, da die Eintracht basisdemokratisch geführt wird. Das hat am Montag bei den Wahlen zum Verwaltungsrat und Wahlausschuss begonnen, es wird sich bei den Präsidiumswahlen im nächsten Jahr fortsetzen und mit weiterer zeitlicher Verzögerung auch bei der Besetzung des Aufsichtsrates der AG zeigen. Die Macht der alten Eintracht-Kräfte ist am Schwinden. Ob sie sich dagegen wehren werden? Am Montag taten sie es zumindest öffentlich nicht.
