FAZ 24.12.2025
19:16 Uhr

Zukunft der Wissenschaft: „Auch diese Zeit ist bewältigbar, besser sogar, als wir denken“


Die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny kämpft für mehr Zuversicht im Umgang mit globalen Krisen. Ein Gespräch über Weisheit, Wehrhaftigkeit und „kompetente Rebellen“ im Forschungsbetrieb.

Zukunft der Wissenschaft: „Auch diese Zeit ist bewältigbar, besser sogar, als wir denken“

Sie hat geholfen, Europas Forschung zu modernisieren, hat Gremien mitgegründet und reist für die Wissenschaften noch heute rund um die Welt. Jetzt hat die 88-jährige Wienerin Helga Nowotny, emeritierte Wissenschaftssoziologin der ETH Zürich, bei Matthes & Seitz ein Anti-Krisen-Buch mit autobiographischen Zügen vorgelegt. Es soll Zuversicht verbreiten und trägt einen geradezu visionären Titel: „Zukunft braucht Weisheit“. F.A.Z. Frau Nowotny, ist der Aufruf, mehr Weisheit zu wagen, eine Art Kampfansage an die Politik, die etwa in den USA immer mehr Druck ausübt auf Forscher? Auch wenn es zurzeit in den USA zu einschneidenden Kürzungen in der Forschungsfinanzierung kommt, zu Druck auf Universitäten, Rückgang an internationaler Kooperation und zur schmerzhaften Verdüsterung der Karrierechancen junger Forschenden – die Wissenschaft ist resistenter, als es scheint. Doch sie kann weder Antworten auf alle uns bedrängenden Fragen geben noch schnelle Lösungen anbieten. Wir dürfen die Fähigkeit, uns eine Zukunft vorzustellen, die nicht nur dystopisch ist, nicht verlieren. Daher mein Plädoyer für Weisheit. Was stimmt Sie positiv und utopisch? Die Regierungen wissen, dass Wissenschaft und Technik für weiteres Wirtschaftswachstum und Wohlstand unverzichtbar sind, wenngleich die Antworten, wie genau dies am besten zu erreichen ist – siehe erneuerbare Energien, Verbrennungsmotor, Wiederaufforstung –, unterschiedlich ausfallen. Sie wissen auch, dass es ohne längerfristige Förderung der Grundlagenforschung nicht geht, wollen aber dafür nicht viel ausgeben. Die Pro­bleme werden nicht verschwinden. Das ist keine utopische Sicht, sondern eine realistische Einschätzung. Ohne Wissenschaft geht es nicht, doch Wissenschaft allein genügt nicht. Politik und Gesellschaft müssen mitmachen. In Ihrem Buch heißt es, „die KI sei mit Euch – die KI ist mit uns“, da klingt ein alter Vorwurf an: Wissenschaft als Ersatzreligion. Muss so was nicht automatisch Abwehrreaktionen auslösen? Die KI und die sozialen Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Sie strukturieren zunehmend unser Zeitgefühl, dringen in die intimsten Bereiche vor und überschwemmen uns mit dem, was man das „Überfluten des Internets mit Dreck“ nennt. Wenn Nachrichten vorwiegend darauf aus sind, dass wir nur weitere Klicks erzielen, bleibt uns keine Zeit zum Denken und für persönliche Begegnungen. Ich sehe weniger die Abwehrreaktion als eine enorme emotionale und informationelle Überforderung, die sich in Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit ausdrücken. Forscherinnen und Forscher betrifft das genauso. Wie müssen sie sich wappnen vor dem kognitiven Kollaps? In der Forschung wird die KI seit Langem mit gutem Erfolg eingesetzt, vor allem dort, wo es um die Beschleunigung von automatisierbaren Prozessen und um das präzise Erkennen von Mustern geht. Wissenschaftliche Skepsis ist eine epistemische Tugend, und ohne ständiges Überprüfen des eigenen Tuns und der erzielten Resultate geht es nicht. Das betrifft auch die KI. Allerdings stehen die Universitäten in der Lehre vor enormen Herausforderungen, die nach einer völligen Restrukturierung, ja Neuerfindung verlangen. Ebenso gewaltig ist die Herausforderung für wissenschaftliches Publizieren. Das ohnedies nahe dem Kollaps stehende Peer-Review-Verfahren droht durch das Vordringen der KI zu implodieren. Andererseits eröffnen sich durch die KI faszinierende neue Forschungsfragen. Wenn wir KI als Ergänzung für menschliche kognitive Fähigkeiten einsetzen wollen und nicht, um diese zu ersetzen, dann bietet sich der Einsatz von KI in der Forschung als vielversprechendes Experimentierfeld an. Kompetentes Rebellentum, so nennen Sie Ihr Wissenschaftler-Ideal. Gleichzeitig wird immer öfter vor aktivistischen Forschern gewarnt. Wie sollen sich die kompetenten Rebellen denn verhalten? Kompetentes Rebellentum ist nicht mit Aktivismus gleichzusetzen, der von moralischen Idealen und einer kompromisslosen Dringlichkeit angetrieben wird. Kompetenz beruht auf der Einsicht, dass viele unserer Werte widersprüchlich und erstrebenswerte Ziele nur durch Aushandeln von Zugeständnissen an die Beteiligten zu erreichen sind. Innerhalb der Wissenschaft darf alles infrage gestellt werden, unter der Voraussetzung, dass es dafür valide wissenschaftliche Argumente oder empirisch überzeugende Evidenz gibt. Erst dann beginnt der Prozess, die anderen zu überzeugen, um wissenschaftlichen Konsens herzustellen. Das heißt nicht, dass es Rebellinnen in der Wissenschaft leicht haben, doch immer wieder gibt es die erfreuliche Anerkennung, einschließlich eines Nobelpreises für deren hartnäckige Ausdauer. Sie fordern auf, sich innerlich bereit zu machen für den Wandel. Aber Loslassen ist schwierig für viele. Als Kind haben Sie schon im Krieg erfahren, wie schwierig das Zurücklassen ist. Was kann die Wissenschaft beitragen, wenn sich die Menschen so schnell nicht ändern wollen und wenn sie die Zumutungen der vielen Transformationen ablehnen? Gesellschaftlichen Wandel hat es immer gegeben, doch erleben wir zurzeit eine besonders turbulente Zäsur, in der viele der bisher gültigen Annahmen außer Kraft gesetzt werden. Sie reicht von der Loslösung und Kampfansage der USA von und an Europa bis zu den Kriegen in der ­Ukraine und in Gaza. Die schlechteste Reaktion darauf ist Angst. Sie lähmt nur und macht eigenes Handeln unmöglich. Ich möchte mit der Erzählung aus meinem Leben dazu beitragen, dass die Menschen wieder mehr Zuversicht gewinnen. Auch diese Zeit ist bewältigbar, besser sogar, als wir denken. Leider bieten Wissenschaftler nicht nur Antworten, sondern auch viel Ungewissheit. Momentan suchen aber viele Menschen eindeutige Antworten, die Welt ist ihnen so schon zu labil. Entfernen wir uns von der Wissensgesellschaft? Die Wissensgesellschaft war eine Chimäre, ein fehlgeleiteter Versuch, die Menschen für die Disruption zu begeistern, die der technologische Wandel mit sich bringt. Doch ist es gerade die Wissenschaft, die zeigt, wie gut sie mit Ungewissheit umgehen kann und dass diese immer auch neue Perspektiven und Möglichkeitsräume eröffnet. Den Menschen muss mehr Mut gemacht werden, sich darauf einzulassen, als sich an falsche Gewissheiten oder an eine nostalgisch verbrämte Vergangenheit zu klammern. Die Welt ist komplex, doch ihre Komplexität lehrt uns ja auch, dass es immer auch anders sein kann. Vorhersagende Algorithmen behaupten das Gegenteil. Überall wird inzwischen versucht, unser Verhalten vorzusagen und damit zu manipulieren. Untergräbt das nicht das Vertrauen in die Wissenschaft? Die großen Tech-Konzerne setzen alles dran, die gesellschaftlichen Bedingungen für ihre Nutzer zu schaffen, unter denen die Vorhersagen, die ihre Algorithmen erzeugen, tatsächlich eintreten. Ziel ist, unsere Handlungs- und Urteilsfähigkeit einzuschränken und sie durch blindes Vertrauen in die vorgebliche Objektivität mathematischer Operationen zu ersetzen. Doch die Zukunft kennt niemand, und algorithmenbasierte Vorhersagen beruhen lediglich auf der Extrapolation aus vergangenem Verhalten, wie es in den Daten aufscheint. Sie können nur in Wahrscheinlichkeiten angeben, was uns in Zukunft erwartet. Das wird gerne übersehen, es wird auch bewusst verschleiert. Hier muss Wissenschaft auf­klären. Was kann die Wissenschaft beitragen, damit die zerstörerische Vermehrung von Falschinformationen und Fake News in der Welt endlich eingedämmt wird? Vieles. Aufzeigen zum Beispiel, wie diese Falschinformationen erzeugt werden. Aufklären auch und die Urteilsfähigkeit stärken. Sich dafür einsetzen, dass den Tech-Konzernen Schranken auferlegt werden. Derzeit stammen fast neunzig Prozent der für KI getätigten Investition aus privatem Kapital, nur zehn Prozent aus öffentlicher Hand. Doch KI darf nicht ausschließlich den Konzernen gehören. Es sollte zu einem öffentlichen Gut zum Wohl aller werden.