FAZ 03.01.2026
14:45 Uhr

Zukunft der Medien: Wie das Stiftungsmodell unabhängigen Journalismus sichert


In einer Zeit, in der Medien auf der ganzen Welt unter Druck geraten, erweist sich die institutionelle Verankerung von Unabhängigkeit als Stabilitätsanker.

Zukunft der Medien: Wie das Stiftungsmodell unabhängigen Journalismus sichert

Um die Unabhängigkeit der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ von Regierung, Parteien sowie von politischen und wirtschaftlichen Interessentengruppen und von einzelnen Personen auch für die Zukunft zu schützen, ist jetzt eine Stiftung errichtet worden.“ Diese Worte standen am 25. April 1959 in der Deutschland-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – also vor 66 Jahren. Es war die Geburtsstunde eines Modells, das bis heute in Deutschland ohne Beispiel ist und dessen Bedeutung in unserer Zeit aktueller denn je erscheint. Die beiden Begriffe – Unabhängigkeit und Stiftung – sind für die Frankfurter Allgemeine Zeitung keine abstrakten Konzepte, sondern gelebte Praxis seit der Gründung der FAZIT-Stiftung in der Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH. Und: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist die einzige Zeitung in Deutschland, die schon seit ihrer Gründung 1949 von einem Herausgebergremium geleitet wird. Sie hat keinen Chefredakteur. Diese Struktur ist kein Zufall, sondern Ergebnis bewusster Entscheidungen, die in der deutschen Geschichte wurzeln – und bis heute modern sind. Die Gründer der F.A.Z., allen voran der Herausgeber Erich Welter, hatten lange überlegt, wie die redaktionelle und unternehmerische Unabhängigkeit der Zeitung wirkungsvoll und dauerhaft gesichert werden könnte. Die Erfahrung aus der Zeit der Weimarer Republik war noch gegenwärtig: Man wusste, wie politische und wirtschaftliche Gruppierungen über eine Mehrheitsbeteiligung in der Lage sein konnten, Einfluss auf die redaktionelle Gestaltung einer Zeitung zu nehmen. Die FAZIT-Stiftung Gemeinnützige Verlagsgesellschaft mbH hält deshalb seit 1959 die Mehrheit der Anteile – derzeit 93,7 Prozent – an der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Die weiteren Anteile werden von den Herausgebern gehalten, die auch die Linie der Zeitung bestimmen. Die Stiftung unterstützt, vergibt Stipendien und stiftet Preise Diese Struktur hat weitreichende Konsequenzen: Die Erträge aus der Beteiligung der FAZIT-Stiftung an der F.A.Z. werden ausschließlich für gemeinnützige Zwecke verwendet – gemäß der Satzung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung. Die Stiftung unterstützt Universitäten, Hochschulen und Museen, vergibt Stipendien und stiftet Preise für wissenschaftliche oder journalistische Bestleistungen. Das zweite Element der besonderen Verfassung ist das Herausgebermodell. Deren Aufgabe ist es, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Linie des Blattes zu bestimmen. Geführt wird die Zeitung nach dem Kollegialprinzip. Diese kollektive Struktur verhindert, dass eine einzelne Person – ein Chefredakteur, ein Verleger, ein Eigentümer – die Linie diktieren kann. Ist dieses Modell aus den Fünfzigerjahren noch zeitgemäß? Mehr denn je. In einer Zeit, in der Medien auf der ganzen Welt unter Druck geraten – ökonomisch, politisch und durch technologische Disruption –, erweist sich die institutionelle Verankerung von Unabhängigkeit als Stabilitätsanker. Denn die Rangliste der Pressefreiheit 2024 von Reporter ohne Grenzen zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Die Lage der Pressefreiheit hat sich deutlich verschlechtert. 36 Länder befinden sich in der schlechtesten Wertungskategorie, so viele wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Besonders vor und nach Wahlen sind Journalisten gefährdet. Es kommt zu Beschimpfungen, Gewalt und Festnahmen. Auch Deutschland ist nicht immun. Zwar steht Deutschland auf Platz zehn der Rangliste – ein Aufstieg gegenüber 2023. Doch betrachtet man die Gesamtpunktzahl, hat sich die Situation nur geringfügig verbessert. Die Gewalt gegen Medienschaffende bleibt besorgniserregend: Reporter ohne Grenzen verifizierte für das Jahr 2023 insgesamt 41 Übergriffe auf Journalistinnen und Reporter, davon 18 während Kundgebungen von Verschwörungstheoretikern oder extremen Rechten. Die Zahl liegt fast dreimal so hoch wie 2019. In diesem Kontext wird die Bedeutung institutioneller Unabhängigkeit deutlich. Die F.A.Z. kann nicht von politischen oder wirtschaftlichen Interessengruppen übernommen werden. Sie kann nicht zum Spielball einzelner Milliardäre werden. Sie ist durch ihre Stiftungsstruktur geschützt – nicht perfekt, aber besser als die meisten anderen Medien. Stiftungen auch in Skandinavien, Frankreich und der Schweiz Das Modell der FAZIT-Stiftung ist in Deutschland einzigartig, aber nicht das einzige Beispiel für Stiftungsengagement im Medienbereich. Auch international gibt es interessante Ansätze. Zum Beispiel den Tinius Trust/Schibsted’s News Media in Norwegen (Aftenposten, VG, Bergens Tidende, Stavanger Aftenblad und prominente Onlineportale wie Finn.no). Der Tinius Trust wurde 1996 von Tinius Nagell-Erichsen, dem früheren Vorsitzenden von Schibsted, gegründet; seine Einflussrechte wurden erst später vollständig auf den Trust übertragen. Ziel war es, die Unabhängigkeit und redaktionelle Integrität von Schibsteds Medien langfristig zu sichern. Der Trust ist über sogenannte A-Shares privilegierter Großaktionär von Schibsted ASA. Schibsted ist an der Börse Oslo notiert. Oder die Groupe SIPA Ouest-France in Frankreich mit einer Auflage von mehr als 600.000 Exemplare am Tag. Gegründet wurde sie 1944 nach der Befreiung Frankreichs, ursprünglich als grundlegende Stimme für Demokratie, Humanismus und soziale Verantwortung. Sie ist im Besitz der Holding Association pour le Souvenir de Ouest-France (SIPA), die eine parteipolitische Unabhängigkeit garantiert. Die Gruppe zählt rund 3000 Mitarbeiter und operiert als nicht gewinnorientiertes, stiftungsähnliches Eigentümermodell ohne klassische Eigentümerdividenden. In Dänemark gibt es Politiken-Fonden/Politiken (Titel: Politiken, Jyllands-Posten und Ekstra Bladet). Der Politiken-Fonds wurde etabliert, um die Unabhängigkeit und redaktionelle Linie des liberal-progressiven Blattes Politiken zu wahren. Er existiert seit den Siebzigerjahren in der heutigen Form als gemeinnütziges Eigentümermodell. In Schweden ist die Erik & Asta Sundin Stiftelse/Norrköpings Tidningars Media zu nennen (rund 20 regionale Zeitungen, lokale Radios und digitale Plattformen, darunter Norrköpings Tidningar, Upsala Nya Tidning, Nerikes Allehanda). Die Stiftung führt das Erbe des Verlegers Erik Sundin fort und konzentriert sich auf die Förderung unabhängiger Regionalpresse. Transparenz bei der Finanzierung und klare Grenzen Weitere Beispiele sind Stichting Democratie & Media/DPG Media (Niederlande), Amediastiftelsen/Amedia AS (Norwegen), Fondazione per il Corriere del Ticino (Schweiz). Und dann gibt es noch Beispiele wie den Media Development Investment Fund, eher ein Ven­ture-Kapital-Geber, der Beteiligungen an 150 Medienunternehmen in 50 Ländern hält. Ziel ist die Investition in unabhängigen Journalismus in „unfreien Märkten“. Der Media Forward Fund wiederum, initiiert von der Schöpflin Stiftung und in Kooperation mit mehreren anderen Stiftungen, fördert neue Medienangebote oder Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die journalistische Qualitätskriterien erfüllen und einen Fokus auf unterversorgte Regionen oder Zielgruppen haben. Der Fund stellt Fördermittel von Stiftungen, Impact-Investoren und Privatpersonen zur Verfügung – mit dem Ziel, die akute Transformationskrise der Medien zu überwinden. Diese Entwicklung ist grundsätzlich zu begrüßen. Angesichts des Zusammenbruchs traditioneller, auf Werbung basierender Geschäftsmodelle und des Aufstiegs von Social-Media-Plattformen stehen viele Medien vor enormen Herausforderungen. Die wirtschaftliche Anfälligkeit und der erhöhte Kostendruck für den Qualitätsjournalismus sind real. Stiftungen können hier eine wichtige Rolle spielen, um die Lücke zu füllen. Allerdings birgt die Stiftungsfinanzierung auch Risiken. Die zentrale Frage lautet: Wie viel Nähe und wie viel Ferne brauchen Finanziers? Wie kann sichergestellt werden, dass Stiftungen nicht die Agenda bestimmen, über die berichtet wird? Es gibt mehrere Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit Stiftungsfinanzierung die Unabhängigkeit nicht gefährdet. Erstens: Transparenz. Es muss klar sein, wer die Finanzierung übernimmt und unter welchen Bedingungen. Die F.A.Z. macht auf ihrer Website unter www.faz.net/vertrauen transparent, wie sie finanziert wird und welche Prinzipien ihrer Arbeit zugrunde liegen. Zweitens: klare Grenzen. Es muss eine strikte Trennung zwischen Finanzierung und redaktioneller Arbeit geben. Die Stiftung darf keine inhaltlichen Vorgaben machen können. Bei der FAZIT-Stiftung ist dies strukturell garantiert: Die Herausgeber bestimmen die Linie, nicht die Stiftung. Drittens: Governance-Strukturen. Es braucht klare Entscheidungsprozesse, die eine Einflussnahme durch einzelne Akteure minimieren, so wie bei der F.A.Z. Pressefreiheit ist ein Werkzeug, um die Mächtigen zu kontrollieren Ein innovatives Konzept, das in der jüngeren Zeit diskutiert wird, ist das sogenannte Verantwortungseigentum. Die Idee dahinter: Gesellschafter verstehen sich als „Treuhänder“, deren Motivation nicht auf die Vermehrung des eigenen Vermögens abzielt, sondern auf den Unternehmensgegenstand selbst. Durch die dauerhafte Vermögensbindung bleiben nicht nur Gesellschaftswerte auf lange Sicht erhalten, sondern verändern sich auch die Anreize von Gesellschaftern und Geschäftsführern hin zu langfristiger Wertschaffung. Dieses Modell institutionalisiert das nachhaltige, auf Langfristigkeit ausgerichtete Eigentümerverständnis, das auch Familienunternehmen auszeichnet: Sie denken in Generationen, sie verstehen das Unternehmensvermögen nicht als privates Konsumvermögen und bezeichnen sich selbst als Treuhänder. Diese traditionsreiche Idee der Nachhaltigkeit auch Unternehmern zugänglich zu machen, die keine leibliche Familie haben, ist der Clou des Konzepts. Die FAZIT-Stiftung ist in gewisser Weise ein Vorläufer dieses Modells. Sie garantiert, dass das Vermögen der F.A.Z. nicht für private Zwecke abgeschöpft werden kann. Pressefreiheit ist nicht nur für die Journalistinnen und Journalisten wichtig, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger. Sie ist ein Werkzeug, um die Mächtigen kontrollieren zu können. Und sie ist eine Voraussetzung, um sich unabhängig eine Meinung zu bilden und eine informierte Wahlentscheidung zu treffen. Das Modell der FAZIT-Stiftung ist nicht perfekt, und es ist nicht für jedes Medium replizierbar. Aber es zeigt, dass institutionelle Verankerung von Unabhängigkeit möglich ist und funktioniert – über Jahrzehnte hinweg, durch Krisen hindurch, in einer sich wandelnden Medienlandschaft.