FAZ 27.01.2026
12:52 Uhr

Zu wenige Stellen: Psychotherapeuten fürchten, in einer Gehaltssackgasse zu landen


Psychotherapeuten warten auf Weiterbildungsplätze

Zu wenige Stellen: Psychotherapeuten fürchten, in einer Gehaltssackgasse zu landen

Milena Ajduković blickt mit Sorge in die Zukunft. Die 25 Jahre alte Studentin ist für den Master Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität nach Frankfurt gezogen. Doch ob sie dort nach Studium und Approbation einen Weiterbildungsplatz bekommt, ist derzeit fraglich. „Ich hatte die Hoffnung, dass es nahtlos weitergehen kann“, sagt Ajduković. So wie ihr geht es vielen Studenten und Absolventen der Psychotherapie in Deutschland. Das Problem: Plätze für Psychotherapeuten in Weiterbildung sind rar. Besonders eklatant ist das Verhältnis in Hessen. Dort kommen laut der Psychotherapeutenkammer auf 330 Absolventen im Jahr gerade einmal etwas mehr als 20 Stellen. In Rheinland-Pfalz gibt es 16 Weiterbildungsplätze für 140 Absolventen. Zu wenige, um den Versorgungsbedarf durch Psychotherapeuten langfristig zu decken, sagt Christel Van den Berghe vom Verband Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Hessen. „Wir können in unserem Berufsstand dringend Nachwuchs gebrauchen, und der hängt in so unsicheren Aussichten. Ein Trauerspiel.“ Studentin Milena Ajduković konstatiert: „Viele können sich gar nicht vorstellen, dass das der reguläre Weg in den Beruf ist.“ Der Weg – das ist aktuell ein Bachelor in Psychologie, der Master in Psychotherapie, eine Prüfung zur Approbation und schließlich die fünfjährige Weiterbildung. Wer die nicht hat, bekommt keine Kassenzulassung und darf sich nicht als Fach-Psychotherapeut niederlassen. Reformiert wurde das Psychotherapeutengesetz 2019. Das Ziel: eine frühe Spezialisierung, schon im Master. Und: die prekären Ausbildungsverhältnisse beenden, weil Psychotherapeuten nach der Approbation nicht mehr wie Praktikanten, sondern wie Assistenzärzte bezahlt werden sollen. Eigentlich. Keine gesetzliche Grundlage zur Finanzierung Lorenz Bock ist Instituts- und Ambulanzleiter der Gesellschaft für Ausbildung in Psychotherapie (GAP) in Frankfurt. 2012 hat er dort selbst die dreijährige Ausbildung durchlaufen, ein Modell, das 2032 ausläuft: „Ich war vor allem im ersten Jahr am Rande meiner Kräfte und fassungslos, wie so etwas angehenden Psychotherapeuten zugemutet werden kann“, erinnert er sich. Er bekam ein Praktikantengehalt, musste einen Großteil seiner Ausbildung selbst bezahlen, war finanziell abhängig. Das soll nun anders werden. Jetzt sind Psychotherapeuten in Weiterbildung Angestellte. Die GAP ist eine anerkannte Weiterbildungsstätte und bildet seit Mitte Januar drei angehende Psychotherapeuten aus. Aufgrund der neuen Vorgaben sind das aber nur halb so viele, wie die GAP sie in der Ausbildung aufnehmen konnte, sagt Bock. Und: „Sie müssen sehr viel mehr Behandlungsleistungen erbringen, da dies künftig die einzige Einnahmequelle der Weiterbildungsstätte ist“. Also raus aus der alten Lohnsklaverei, rein in die neue Gehaltssackgasse? Viele Praxen, Ambulanzen und Kliniken böten erst gar keine Weiterbildungsstellen an, weil sie kein angemessenes Gehalt zahlen könnten, bestätigen Verbände und Kammern und verweisen auf die Förderlücke. Für die Neustrukturierung der Weiterbildung habe das Bundesgesundheitsministerium, seinerzeit unter Jens Spahn (CDU), versäumt, eine gesetzliche Regelung zur Finanzierung zu schaffen. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums äußerte gegenüber der F.A.Z., die Finanzierung sei insofern geregelt, als dass Psychotherapeuten in Weiterbildung Leistungen, etwa Behandlungen oder Therapiestunden, über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen könnten. Für die Finanzierung der Weiterbildung selbst seien die Kassen jedoch nicht zuständig. Die Kammern spielen den Ball zurück. „Psychotherapeuten in Weiterbildung sollen nicht mehr als 20 Therapiestunden in der Woche erbringen“, fordert Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Sie benötigten auch Zeit für die Weiterbildung selbst: Supervision, Selbsterfahrung, Theorie-Seminare. Mit ihren Einnahmen könnten sie jedoch kein angemessenes Gehalt erzielen, also mindestens Stufe 13 nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, sagt Winter. Doch eine höhere Vergütung der Stunden sei bisher nicht zu erwarten. Die Bundespsychotherapeutenkammer rechnet in diesem Jahr mit 2500 Absolventen. In Deutschland gibt es 43 anerkannte Weiterbildungsinstitute und 1600 zugelassene Weiterbildungsstellen, wobei der Großteil dieser Stellen wegen der fehlenden Finanzierung vermutlich noch nicht besetzt sei. Diesen Zustand beschreiben Verbände als „dramatisch“. Studenten tragen ihren Ärger auf die Straßen. Unter den Protestierenden sind die Masterstudentin Ajduković und der 22 Jahre alte Luca Müller. Er engagiert sich in der Fachschaft Psychologie der Goethe-Uni, die in Frankfurt kürzlich eine Demonstration mit 450 Teilnehmern organisiert hat. „Dass die Versprechungen bislang doch nicht eingelöst wurden, ist ziemlich ernüchternd“, findet Müller. Weiterbildung als Risikofaktor Tobias Kube, Professor für Klinische Psychologie und Experimentelle Psychopathologie an der Goethe-Universität, kann die Sorgen seiner Studenten nachvollziehen. An der Uni sei es oft Thema, dass sie ins Nichts hineinarbeiteten, weil das Berufsziel für viele derzeit unerreichbar scheint. Die Unsicherheit in Zahlen: Von den rund 90 Absolventen des Masters in Frankfurt erwerben laut Kube nur etwa 20 die Approbation. Viele orientierten sich um, zu hoch sei das Risiko, doch keinen Weiterbildungsplatz zu bekommen. Sie können auch nicht mehr die Ausbildung nach dem alten System absolvieren. Dazu müssten sie vor September 2020 ihr Studium aufgenommen haben. Für Erik Grützner, 25 Jahre alt, war es einen Monat zu spät. Er hat im Oktober begonnen. Die Approbation an der Goethe-Uni hat er zwar, denn er wäre gerne Therapeut für Kinder und Jugendliche geworden. „Allerdings gab es dafür noch weniger Weiterbildungsplätze als im Erwachsenenbereich“, sagt er. Damit werden auch die Anforderungen für einen der begehrten Plätze höher. Ewa Jonkisz, Leiterin der Linden-Ambulanz in Frankfurt, weiß nicht, wie sie aktuell eine Auswahl treffen soll: „Es sind einfach zu viele sehr gute Absolventen auf der Suche.“ Fatale Folgen für die Versorgung Psychotherapeut Grützner geht in die Forschung. Es sei auch eine Haltungsfrage, nach jetzigem Weiterbildungsniveau „doch nur knapp über 2000 Euro in Vollzeit rauszuverdienen“. Grützner möchte aber nach wie vor therapeutisch arbeiten. Ob sich einmal Umorientierte wieder zurück orientieren, stellen Verbände jedoch infrage. Zumal gleichzeitig immer mehr Absolventen auf Plätze warten. Viele gehen in die Wirtschaft, in Personalabteilungen, in die Forensik oder eben in die Wissenschaft. Hinzu kommt: Bald gehen die Boomer in Rente, deren Kassensitze könnten unbesetzt bleiben. Das verschlechtert die Versorgung von Patienten. Schon jetzt warten sie im Schnitt bis zu fünf Monate auf den Beginn einer Therapie. Und der Bedarf steigt. Laut Berufsverband häuften sich vor allem in den Jahren nach der Corona-Pandemie Angststörungen und Depressionen. Heike Winter, Präsidentin der Kammer in Hessen, glaubt, „dass der Psychotherapie noch immer nicht der richtige Wert beigemessen wird“. Da gehe es nicht um ein bisschen Liebeskummer; einige Krankheiten seien potentiell tödlich, Anorexie oder Depression etwa. Und monatelange Krankheitsausfälle kosten die Gesellschaft Geld, sagt Winter. Noch keine Einigung in Sicht Was ließe sich ändern, um dem großen Versorgungsloch vorzubeugen? In manchen Bundesländern würden Weiterbildungsstellen in psychotherapeutischen Praxen schon mit 2900 Euro je Monat und Stelle gefördert, sagt GAP-Leiter Bock. Laut der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung etwa in Rheinland-Pfalz, Hamburg, Sachsen und Niedersachsen. Auch die Politik hat nachjustiert, mit einem neuen Gesetz zur Entbürokratisierung, das es Ambulanzen erleichtern soll, mit Krankenkassen zu verhandeln. Eine Trendwende sei das allerdings nicht, urteilen Verbände und Kammern. Tobias Kube von der Goethe-Uni sieht als letzte Stellschraube die Dauer der Weiterbildung: „Müssen es wirklich fünf Jahre sein, oder reichen nicht drei oder vier Jahre, um die Kosten zu reduzieren?“ Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychotherapie etwa stellt diese Option in den Raum. Nein, sagen die Kammern und insistieren auf den angepassten Lehrinhalten mit zwei ambulanten und zwei stationären Jahren sowie einem institutionellen Jahr. Ohne eine Einigung warten Studierende und Absolventen wie Luca Müller, Milena Ajduković oder Erik Grützner auf eine Weiterbildung – und Patienten auf einen Therapieplatz.