FAZ 13.02.2026
19:42 Uhr

Zu Wenig Personal: Die Ausländerbehörde ist das Nadelöhr für Integration


Die Ausländerbehörde ist die Behörde für Migranten, um Aufenthaltstitel zu erlangen. Dort zeigt sich, dass Integration kein einfaches, sondern ein kompliziertes Unterfangen ist. Und ihr fehlt das Personal.

Zu Wenig Personal: Die Ausländerbehörde ist das Nadelöhr für Integration

Das Haus an der Rebstöcker Straße im Gallusviertel wirkt wie eine Festung. Die Spitze des massiven Bürogebäudes überragt den Eingangsbereich, der nur von wenigen Menschen besucht wird. Nicht, weil die Nachfrage an den Dienstleistungen der Ausländerbehörde gering wäre, sondern weil in aller Regel nur Antragstellern mit einem Termin Einlass gewährt wird. Damit es so bleibt, kontrollieren Securitymitarbeiter die Anmeldungen der Wartenden. Die Ausländerbehörde, mit internationalem Anstrich auch „Frankfurt Immigration Office“ (FIO) genannt, ist Eingangstor für alle Nichtdeutschen, die in Frankfurt leben, arbeiten, studieren oder Schutz suchen. Vor allem sind es Menschen aus sogenannten Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union, die einen Aufenthaltstitel benötigen, der meist auch immer wieder dort verlängert werden muss. Das FIO ist daher entscheidend, damit Facharbeiter und Studenten aus Drittstaaten so rasch wie möglich in den Arbeitsmarkt oder die Hochschule integriert werden können. Angesichts des Fachkräftemangels, der sich im deutschen Alltag immer stärker bemerkbar macht, ist die Behörde ein bürokratisches Nadelöhr für jene, die händeringend gesucht werden. Migration und Integration sind überall Thema Kein Wunder, dass sich die Parteien im Kommunalwahlkampf mit diesem Thema beschäftigen. Fast alle haben Ideen, wie man die Behörde einladender und vor allem effizienter machen könnte, damit Fachkräfte schneller in den Arbeitsmarkt integriert werden können und Geflüchtete nicht monatelang tatenlos ausharren müssen. Die Grünen gehen mit ihren Ideen am weitesten: Sie wollen die Ausländerbehörde und das im Amt für multikulturelle Angelegenheiten angesiedelte „Frankfurt Welcome & Information Center“ zu einem modernen Einwanderungsamt zusammenführen. Rund ein Dutzend Mitarbeiter hat das bestehende Welcome-Center, dazu sollen nach dem Willen der Grünen noch mal fünfzehn Prozent mehr Personal für das FIO kommen, das wären mehr als 25 weitere neue Stellen. Nicht nur den Amtsleiter Norbert Euler würde das sicher freuen. Noch mehr Digitalisierung und ein KI-Pilotprojekt stehen außerdem auf der Wunschliste der Grünen. Auch die FDP wünscht sich mehr Digitalisierung von Frankfurts wichtigster Behörde für ausländische Fachkräfte. Wie das konkret aussehen soll, bleibt jedoch vage. Und auch die Europapartei Volt plädiert für mehr Personal für die Ausländerbehörde, legt sich aber auf keine Zahl fest. Noch mehr Digitalisierung soll Antragsstau beheben Außer der SPD fordern somit gerade jene Parteien, die lange zusammen die Römerkoalition bildeten, mehr Experten für die Ausländerbehörde. Obwohl sie sich in der Vergangenheit erst recht schwertaten, neue Stellen zu schaffen – und dann lange Zeit mitansehen mussten, dass es schwierig war, diese Stellen mit qualifizierten Mitarbeitern zu besetzen. Das liegt auch daran, dass die Überlastung der Mitarbeiter durch die Medien immer wieder publik gemacht wird. Berge mit noch unbearbeiteten Akten locken nicht unbedingt an einen neuen Arbeitsplatz. Doch jenseits schwieriger und manchmal auch unverständlicher Einzelfälle, über die berichtet wird, arbeitet die gescholtene Behörde jedes Jahr rund 100.000 Fälle erfolgreich ab. Die vor drei Jahren eingeführte digitale Antragsstrecke nimmt den Mitarbeitern viel Arbeit ab. Die Wartezeit auf einen Termin sank zuletzt von 20 auf drei Monate, das Personal wächst weiter auf 179 Mitarbeiter in diesem Jahr. Wichtiger aber noch: Die Kundenzufriedenheit liegt nach einer Umfrage der Ausländerbehörde bei 81 Prozent. Die Komplexität der Aufgaben, mit denen es die Mitarbeiter der Ausländerbehörde jeden Tag zu tun haben, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Aufenthaltstitel müssen mit mindestens zehn Behörden und ebenso vielen Computerprogrammen abgewickelt werden, erläutert ein Abteilungsleiter des FIO. Zudem verhinderten die fehlende Digitalisierung anderer Ämter, der Datenschutz und technische Schwierigkeiten einen reibungslosen Ablauf. Auch die Abhängigkeiten von anderen Behörden werden häufig ausgeblendet: Im vergangenen Jahr konnten zahlreiche Ausländerbehörden, darunter die Frankfurter, wochenlang keine Sicherheitsabfragen an das Landeskriminalamt stellen. Eine neue Schnittstelle der Landesbehörde verhinderte den elektronischen Datenaustausch. Ausländerbehörde ist abhängig von vielen anderen Institutionen Auch die Bundesagentur für Arbeit war zehn Wochen lang nicht erreichbar gewesen. Aufenthaltstitel konnten in dieser Zeit nicht weiterbearbeitet werden. Der elektronische Aktenstapel wuchs, ohne dass die Mitarbeiter etwas dagegen hätten tun können. Was ebenfalls oft vergessen wird: Das FIO trägt mit diesen zahlreichen Sicherheitsprüfungen auch dazu bei, dass jene, die kein Aufenthaltsrecht verdienen, es auch nicht bekommen. Die vielfach geforderte stärkere Digitalisierung hat die Ausländerbehörde fast schon ausgereizt, obwohl man intern auch schon seit Monaten an einem KI-Projekt arbeitet, das man wissenschaftlich begleiten lassen möchte. Die digitale Antragsstrecke, die die Behörde vor drei Jahren geschaffen hat, wird von den Kritikern als zu kompliziert gescholten, sie ist aber auch Ausdruck der Vorgaben, die der Bund macht. Wer einen Aufenthaltstitel möchte, muss aus einer von 119 Möglichkeiten wählen. So viele Varianten gibt der Gesetzgeber vor – nicht die Ausländerbehörde. Dass die Ausländerbehörde nun unmittelbar vor der Kommunalwahl verstärkt in den Fokus rückt, ist auch dem Vorsitzenden der Kommunalen Ausländervertretung, Jumas Medoff, aufgefallen. Er bezieht sich damit insbesondere auf eine Demonstration vor dem FIO, die der SPD- Stadtverordnete Rahul Kumar Ende Januar initiiert hatte, um auf Missstände hinzuweisen. „Vor allem vor Wahlen gerät die Ausländerbehörde stärker in den Fokus“, sagt Medoff. Dagegen sei während der Wahlperiode die Bereitschaft, strukturelle Verbesserungen anzugehen, über weite Teile begrenzt gewesen. Jetzt würden die Parteien zahlreiche Verbesserungen ankündigen, die die KAV seit Jahren fordere. Er hoffe jedoch, dass das neu erwachte Interesse der Parteien für die Ausländerbehörde nach der Wahl zu konkreten Verbesserungen führe – und diese dann auch nicht einem neuerlichen Sparzwang zum Opfer fallen.