Der Frankfurter Zoo lässt ein dunkles Kapitel seiner Vergangenheit von Historikern aufarbeiten. Gemeinsam mit dem Dezernat für Kultur und Wissenschaft, das für den Zoo zuständig ist, hat die Zooleitung die Historiker Franziska Jahn und Clemens Maier-Wolthausen mit einer Studie über die Völkerschauen im Zoo beauftragt. Zwischen 1878 und 1931 gab es dort wiederholt solche Veranstaltungen. Eine Vorstudie haben die Historiker soeben abgeschlossen. Grundlage für den Auftrag ist ein Beschluss der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung aus dem Sommer 2023, ein entsprechendes Budget bereitzustellen. Damals wurden 120.000 Euro veranschlagt. Zoo war nicht Veranstalter „Ich bin froh, dass wir nach gründlicher Suche gleich zwei renommierte Expertisen für die Aufarbeitung der Geschichte der sogenannten ‚Völkerschauen‘ im Zoo Frankfurt gewinnen konnten“, sagte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Jahn und Maier-Wolthausen erforschten bereits das koloniale Erbe des Zoos in Hannover. „Die rassistischen und exotisierenden Stereotypen, die mit solchen Unterhaltungsformaten geradezu kultiviert wurden, wirken bis heute fort und als Teil der Kolonialgeschichte nach“, so Hartwig. Deshalb müsse man sich solche Phänomene in verschiedenen Zusammenhängen bewusst machen. Das Dezernat für Kultur und Wissenschaft fördere daher gezielt Projekte und Prozesse, die sich mit dem Thema Erinnerungskultur befassen. Der Zoo Frankfurt wurde 1858 gegründet und ist damit der zweitälteste Zoo Deutschlands nach dem Berliner Zoo. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein waren Zurschaustellungen von Menschen aus anderen Regionen und Kulturen in Zoos üblich. In Frankfurt wurden solche „Völkerschauen“ nicht vom Zoo veranstaltet, er war aber Austragungsort. Die meist wochenlangen Veranstaltungen trugen Titel wie „Amazonen-Corps“ oder „Beduinen-Karawanen“. Sie zogen ihren Sensationswert aus der vermeintlichen Exotik der Menschen aus fernen Gegenden in Asien, Afrika oder auch Polarregionen. Es wurde beispielsweise eine Eskimofamilie „ausgestellt“, die ihr Alltagsleben demonstrieren sollte. Bei ersten Schauen wie der Frankfurter Premiere im Jahr 1878 wurden die Nubier noch etwas verschämt als Begleiter einer Tierkarawane eingesetzt. Später warben die Veranstalter indes deutlich hemmungsloser mit den Menschen selbst, um die Sensationsgier der Besucher anzufachen. Die Ausgestellten wurden nicht zwingend schlecht behandelt. Sie wurden etwa für ihre Dienste entlohnt. Oftmals verhielten sich die sogenannten Impressarios aber ausbeuterisch. Es wurde etwa nachlässig damit umgegangen, dass die Menschen Krankheiten der westlichen Zivilisation nicht gewohnt waren. Viele starben deshalb auf ihrer Tour durch Europa an Krankheiten, die vorab einfach zu vermeiden gewesen wären, wenn man die Impfvorgaben beachtet hätte. Der Zoo informierte bereits in den vergangenen Jahren mit sogenannten Audiowalks über die Völkerschauen. Die Erkenntnisse dafür gingen vor allem auf die Dissertation des Frankfurter Historikers Lino Weist zurück. In seiner vor einigen Jahren angefertigten und Anfang 2025 als Buch erschienenen Dissertation „Völkerschauen im Frankfurter Zoologischen Garten 1878–1931“ hat er Medienberichterstattung, aber auch Fotos oder Werbematerial für die Völkerschauen analysiert. „Ich würde schon sagen, dass da nicht viele darüber nachgedacht haben, dass das problematisch sein könnte“, sagte Weist im Interview mit der F.A.Z. Es sei eher wie ein Zirkus- oder Jahrmarktbesuch gewesen. „Sicher gab es auch Zeitgenossen, denen klar war, dass das ein Geschmäckle hat“, so Weist. „Aber es gab auch den Bildungsanspruch, den die Völkerschauen für sich in Anspruch nahmen. Es wurden beispielsweise Schulklassen in den Zoo gebracht, die sich das anschauten.“ Weist hat für Frankfurt als Veranstaltungsort keine Hinweise gefunden, dass dort besonders verbrecherisch oder gar kriminell mit den Menschen umgegangen worden sei. Er verweist in seiner Dissertation auf eine schwierige Quellenlage, da hilfreiche Unterlagen zu diesem Kapitel der Stadtgeschichte im Krieg bei einem Brand des Archivs wie so vieles andere verloren gegangen seien. Die Zooleitung sieht die Studie der Historiker Franziska Jahn und Clemens Maier-Wolthausen nun umso mehr als wichtig an für das Selbstverständnis des Tierparks im Umgang mit der eigenen Historie. „Ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Geschichte ist auch mit Blick auf die Weiterentwicklung und Gestaltung des Zoos im Rahmen unseres Masterplans bedeutsam“, sagte die stellvertretende Zoodirektorin Sabrina Linn.
