Die Mitglieder seiner Regierungskoalition empfingen Narendra Modi am Dienstag mit Applaus und einem Blumenkranz um den Hals im Parlament. Sie feierten ihn damit für die Handelseinigung zwischen Indien und den USA, die nach monatelangen Verhandlungen zustande gekommen ist. Sie sieht vor, dass die „reziproken“ Zölle auf indische Waren von 25 Prozent auf 18 Prozent gesenkt werden. Zudem sollen die 25 Prozent zusätzliche Strafen wegfallen, die Washington für den Import russischen Öls erhoben hatte. Nachdem Indien erst in der vergangenen Woche ein Freihandelsabkommen mit der EU geschlossen hatte, wird die Einigung als weiterer Erfolg gewertet. „Die Welt neigt sich in Richtung Indien“, soll der Regierungschef Teilnehmern zufolge seinen Parteifreunden erklärt haben. Eine Bestätigung, dass das Land, wie von US-Präsident Donald Trump verkündet, dafür in Zukunft auf russische Ölimporte verzichtet, gab es aus Neu Delhi zunächst nicht. Trump hatte dies behauptet, als er am Montag auf seiner Plattform Truth Social ein Handelsabkommen mit Indien „mit sofortiger Wirkung“ verkündete. Allerdings hatte der amerikanische Präsident Mitte Oktober schon einmal gesagt, Modi habe ihm gegenüber versichert, dass Indien „kein Öl mehr aus Russland kaufen“ werde. Seinerzeit hatte Neu Delhi weder diese Aussage bestätigt noch die Käufe eingestellt. Putin will nicht am Krieg sparen Jetzt hieß es in amerikanischen Presseberichten, die Aufhebung der Strafzahlungen hänge davon ab, dass Indien seine russischen Ölimporte beende. Das wäre ein weiterer Schlag für den russischen Haushalt, der von Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf abhängt, die aber im vergangenen Jahr eingebrochen sind. Um mehr Einnahmen zu bekommen, hat Moskau gerade die Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte erhöht. Der Propagandaapparat sorgt dafür, dass solche unpopulären Schritte nicht dem Herrscher Wladimir Putin, sondern dessen Regierung zugeordnet werden. Trump schrieb zwar am Montag in seinem Netzwerk Truth Social, Modis Einwilligung, kein russisches Öl mehr zu kaufen, werde helfen, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Doch Putin lässt keinen Zweifel daran, dass die Invasion des Nachbarlands für ihn weiter Priorität genießt. Deshalb rechnen Russland-Beobachter damit, dass Putin, sollte dies erforderlich werden, nicht in kriegswichtigen Bereichen sparen wird. Dabei sind Beobachter wie der amerikanische Südasien-Fachmann Michael Kugelman skeptisch, dass Indien die Öleinkäufe aus Russland tatsächlich komplett einstellen wird. Neu Delhi hatte vehement sein Recht verteidigt, das günstige Öl aus Russland zu kaufen, um die Energiepreise stabil zu halten. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 hatte Indien den Anteil russischen Öls an seinen Gesamtimporten in kurzer Zeit von einem Prozent auf etwa 36 Prozent erhöht. Erst infolge von Sanktionen gegen zwei russische Energiekonzerne hatten die indischen Unternehmen dann ihre Käufe wieder etwas reduziert. Indiens Importe von russischem Rohöl waren im Dezember um 29 Prozent gegenüber dem Vormonat zurückgegangen, wie das europäische Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) berichtete. Damit war Indien nur noch der drittgrößte Käufer hinter China und der Türkei, nachdem es zuvor den zweiten Platz belegt hatte. Russisches Öl ist günstig – und attraktiv Einer der größten Abnehmer hatte im Januar verkündet, in diesem Monat gar kein russisches Öl mehr kaufen zu wollen. Die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete jedoch Ende Januar, der infolge der amerikanischen Sanktionen immer günstigere Preis für russisches Rohöl führe dazu, dass indische Unternehmen es weiter bestellten. Am Dienstagmorgen berichtete Bloomberg unter Berufung auf drei indische Raffineriebetreiber, die Abnehmer suchten nun „Klarheit“ und „Rat“ vonseiten der Regierung in Neu Delhi, wie sie künftig mit Käufen aus Russland verfahren sollten. Zwei von ihnen hätten die Ankäufe vorerst eingestellt. Trump zufolge hat sich Indien bereit erklärt, nun mehr Öl aus Amerika und potentiell aus Venezuela zu kaufen. Außerdem wird das Land seine tarifären und nichttarifären Handelshemmnisse für amerikanische Waren auf null senken. Darüber hinaus verpflichte sich Indien zum Kauf amerikanischer Waren, darunter Energie, Kohle, Technologie und Agrarprodukte im Wert von 500 Milliarden Dollar. Trump bezeichnete Indiens Ministerpräsidenten Narendra Modi in seinem Beitrag als einen seiner „großartigsten Freunde“. „Es war wunderbar, heute mit meinem lieben Freund Präsident Trump zu sprechen“, schrieb Modi im Gegenzug auf der Plattform X. Als Erfolg wird in Indien dabei schon gewertet, dass die Zölle nun niedriger seien als für viele andere Länder in Süd- und Südostasien, darunter zum Beispiel 19 Prozent für den verhassten Nachbarn Pakistan. Die größte Oppositionspartei warf Modi dagegen vor, vor Trump „kapituliert“ zu haben. Sie erinnerte daran, dass Trump Modi als einen der ersten Regierungschefs nach Beginn seiner zweiten Amtszeit im Weißen Haus empfangen hatte. Damals war allgemein damit gerechnet worden, dass Indien als eines der ersten Länder einen Handelsdeal mit Trump bekommen würde. Stattdessen verhängten die USA im August die höchsten Zölle gegen das Land. Spekulationen zufolge war nicht nur der Kauf russischen Öls ausschlaggebend, sondern Indiens Weigerung, Trumps Vermittlungsbemühungen als Ursache für den Waffenstillstand mit Pakistan anzuerkennen. Den hatten die beiden Länder im Mai nach tagelangen Gefechten geschlossen. Beziehungen zwischen Indien und den USA waren 2025 auf Tiefpunkt Fachleute sahen das indisch-amerikanische Verhältnis, das sich seit den Neunzigerjahren in einem Aufschwung befunden hatte, daraufhin an einem Tiefpunkt angelangt. Schrittweise hatten die beiden Seiten daran gearbeitet, ihre Beziehungen wieder auf normale Bahnen zu bringen. Indien sei den USA „mit kühlem Kopf“ begegnet, sagte Richard Rossow von der Denkfabrik CSIS der Agentur ANI. „Sie haben sich zurückgehalten, weiter verhandelt und versucht, sich anzupassen. Daher gebührt Indien in erster Linie Anerkennung dafür, dass es die Situation nicht eskalieren ließ“, so der Fachmann. Als entscheidend gilt aber auch, dass der Trump-Vertraute und neue US-Botschafter in Neu Delhi, Sergio Gor, seit Amtsübernahme im Januar an einer Reparatur der Beziehungen gearbeitet habe. Zudem ist auffällig, dass die Einigung so kurz nach dem Abschluss des EU-Indien-Freihandelsabkommens folgt, das als „Mutter aller Deals“ bezeichnet worden war. Aus dem, was die beiden Seiten bisher verkündet haben, lassen sich nur wenige Details des US-Indien-Abkommens herauslesen. Offen ist etwa die Frage, wie sich die beiden Seiten in der Streitfrage bezüglich der Öffnung ihrer Märkte für landwirtschaftliche Produkte geeinigt haben. Profitieren würden laut Handelsminister Piyush Goyal unter anderem Indiens Bauern, Klein- und Mittelunternehmen. Er bezeichnete die Einigung als „historischen Wendepunkt“.
