Da muss ich hin!“ Eine Fernsehübertragung des Internationalen Zirkusfestivals von Monte Carlo hatte den Schüler Helmut Grosscurth damals derart begeistert, dass er sich einen schwarzen Anzug lieh und von Hannover nach Monaco zu dem Festival reiste. Damals regierte noch Fürst Rainier III. im Zwergstaat an der französischen Mittelmeerküste und im Zirkuszelt von Monte Carlo. Festliche Kleidung war Pflicht für die Gäste des wichtigsten Zirkusfestivals der Welt. Geändert hat sich freilich der Dresscode – die Gäste, sofern sie nicht mit Fürst Albert II. und Prinzessin Stéphanie in der fürstlichen Loge direkt an der Manege sitzen, tragen mittlerweile überwiegend Freizeitkleidung. Der Zirkusnarr Rainier III., der vor 50 Jahren das Festival gegründet hat, schaut sich die Shows längst vom Himmel aus an, im Zelt regiert jetzt seine Tochter Stéphanie, Präsidentin des Festivals und treibende Kraft der Zirkusaktivitäten in Monte Carlo. Sie versäumt keine Vorstellung und ist während der sechs tollen Tage von morgens bis abends als Jurypräsidentin, Organisatorin und höchste Autorität des Zirkustreffens im Dienst. Wer einmal dort war, kommt in der Regel wieder Stefan Nolte, der Präsident der Gesellschaft der deutschen Zirkusfreunde, hat schon unzählige Male erlebt, wie die Kapelle im Chapiteau den Zirkusmarsch von Monte Carlo anstimmt, die Besucher sich erheben und Stéphanie das Zelt betritt und zur Loge schreitet. Vor zwei Jahren war indes er es, der zu Stéphanie schritt. Das war im monegassischen Nobelhotel Hermitage, wo Nolte der Prinzessin den Ernst-Renz-Preis überreichte, die höchste Auszeichnung der deutschen Zirkusfreunde. Die Knie hätten ihm gezittert und er sei vor Aufregung fast gestorben, als er vor der versammelten Gesellschaft von Zirkusdirektoren und anderen Notablen die Laudatio gehalten habe, erinnert er sich. Nolte und Grosscurth sind in diesem Jahr wieder nach Monaco gereist, um die Besten der Besten in der Manege zu erleben. Für sie ist dieses Vergnügen eine gern befolgte Pflicht geworden, denn Grosscurth ist mittlerweile Geschäftsführer der ECA, der European Circus Association, der etwa 100 Zirkusunternehmen und -veranstalter angehören. Als er als Schüler sein erstes Festival erlebte, war Monte Carlo ein Unikat. Heute gibt es viele Zirkusfestivals: in Paris, Budapest, Wiesbaden, im italienischen Latina. Doch Monte Carlo ist das Zentrum der Zirkusfreunde geblieben. Dorthin muss jeder Zirkusfan einmal im Leben pilgern. Und wer einmal dort war, kommt in der Regel wieder. Wer einen Clown gewinnt, für den öffnen sich alle Manegen Das Festival in Monte Carlo bestimmt den Marktwert der Artisten. Die Artisten und Truppen, die dort aufgetreten sind, werden von Zirkusunternehmen, Shows und Veranstaltern vor allem in Europa mit Vorliebe gebucht. Wer einen Goldenen oder Silbernen Clown gewonnen hat, für den öffnen sich überall die Manegen. Doch sind diese Manegen rar geworden, zumindest die in reisenden Zirkussen. In Deutschland etwa gehen nur noch drei, vier große Zirkusse auf Tournee. Das Geschäft wird heute in den vier Wochen um Weihnachten herum gemacht. Denn Weihnachtszirkusse sind wie Pilze aus dem Boden geschossen, in Deutschland allein schlagen vor den Feiertagen und dem Jahreswechsel in etwa 200 Städten Zirkusbetreiber ein Zelt auf. Für die Artisten ist diese Entwicklung ein großes Problem. An Weihnachten reißt sich jeder um sie, im Sommer sind die Beschäftigungsmöglichkeiten hingegen rar geworden. Von diesen Sorgen ist in Monte Carlo wenig zu spüren. Hier herrscht noch „heile Welt“, wie Grosscurth sagt. Jeder, der in der Branche einen Namen hat, kreuzt hier auf. Über die Sieger entscheidet eine Jury aus Zirkusunternehmern, das letzte Wort dürfte aber Prinzessin Stéphanie als Vorsitzende haben. Wen würden Grosscurth und Nolte auf das höchste Podest befördern? Dem Geschäftsführer der European Circus Association haben die Frauen und Männer der mexikanischen Truppe Flying Fuentes Gasca am besten gefallen. Die Springer wirbeln am fliegenden Trapez gleich auf zwei Linien durch die Luft und werden von im Trapez hängenden Fängern auf der anderen Seite sicher mit den Händen gepackt. Fliegendes Trapez ist eine Königsdisziplin der Artistik. Dass gleich auf zwei Podesten Flieger stehen und auf der anderen Seite zwei Fänger an der Trapezstange nach unten hängen und ihre Kollegen mit den Händen packen, hat es schon gegeben. Dass die Akteure nicht parallel, sondern in entgegengesetzter Richtung springen, ist jedoch einmalig. Die Mexikaner agieren voller Energie und in einem unerhörten Tempo, und sie meistern die schwierigsten Tricks. Einer von ihnen, Juan Cebolla, beherrscht sogar den schwierigsten von allen, den vierfachen Salto – und das völlig sicher. 1841 Mal hat er vor Monte Carlo den Vierfachen schon in einer Vorstellung gesprungen, jetzt dürfte er bei 1900 liegen. Weltrekord. Der Goldene Clown geht an die Mexikaner Säße Stefan Nolte in der Jury, würde er die neun Akrobaten von der Truppe Kolfe zum Sieger bestimmen. Die Äthiopier kombinieren die klassischen Disziplinen Schleuderbrett und Ikarische Spiele. Mit dem Schleuderbrett lässt sich der Springer von seinen Kollegen in die Luft katapultieren und landet nach einem oder zwei Saltos auf den Fußsohlen des Fängers, der in der Mitte der Wippe auf der „Trinka“ liegt. Eine solche Kombination von zwei Disziplinen sei extrem selten, sagt Nolte. Die Artisten von Kolfe wirkten nicht nur extrem sicher, sondern strahlten zusammen mit den afrikanischen Rhythmen der Musik eine ansteckende Lebensfreude aus. Wie hat die offizielle Jury am Ende geurteilt? Tatsächlich haben die sechs Juroren und Prinzessin Stéphanie als Chefin die Mexikaner am fliegenden Trapez mit einem Goldenen Clown ausgezeichnet – neben der 20 Jahre alten Angelina Richter aus der berühmten ungarischen Pferde-Familie Richter, die die 200 Jahre alte Pferdenummer „La Poste“ vorführte, bei der sie mit je einem Bein auf zwei Pferden balanciert, während andere Pferde unter ihr durchgaloppieren und sie deren Zügel aufnimmt. Der dritte Goldene Clown ging an die drei jungen Mädchen des chinesischen Trios Suining, von denen zwei noch nie gesehene Balanceartistik auf den Händen und Füßen der Unterfrau präsentierten. Und wie erging es Stefan Noltes Favorit, der äthiopischen Truppe mit ihrer Mixtur aus Schleuderbrett und Ikarischen Spielen? Sie erhielt immerhin einen Silbernen Clown. Der Chef der Zirkusfreunde kann sich in seinem Urteil bestätigt fühlen.
