FAZ 29.01.2026
19:59 Uhr

Zerstörte Infrastruktur: Sechs Tage tauchen in zwei Grad kaltem Wasser


Russische Angriffe haben nahezu alle Gas- und Kohlekraftwerke in der Ukraine zerstört. Der Frost erschwert die Reparaturen – die oft nur provisorisch sind.

Zerstörte Infrastruktur: Sechs Tage tauchen in zwei Grad kaltem Wasser

Mitte Januar, knapp eine Woche nach den bisher verheerendsten russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur der Ukraine, wurde eine Spezialeinheit Taucher in die Hauptstadt Kiew gerufen. Ihre Aufgabe lautete, eines der lahmgelegten Heizkraftwerke wieder betriebsfähig zu machen. Die Wucht eines Raketeneinschlags hatte einen unter dem Dnipro verlaufenden Tunnel, der zur Kühlung der Anlagen des Heizkraftwerks dient, so beschädigt, dass Wasser in die Anlagen eindrang. Weil Pumpen die Wassermenge nicht mehr bewältigen konnten, rief die Werksleitung die Taucher zu Hilfe. Sie mussten abwechselnd mehrere Hundert Meter in den nur eine Person fassenden Tunnel vordringen, um die Risse per Hand und mit Spachtel zu verschließen. Das sei Pionierarbeit gewesen, niemand von ihnen habe so etwas je zuvor gemacht, erklärte der Leiter der Einheit, Andrij Wlasenko, dem Portal „Hromadske“. Nach sechs Tagen Schichtarbeit in zwei Grad kaltem Wasser, immer wieder unterbrochen durch neue Luftalarme, hätten sie es geschafft, die Risse zu verschließen und das Werk wieder ans Netz zu nehmen. Es bleiben nur noch die Kernkraftwerke Die Reparatur sei nur ein Provisorium, sagte Wlasenko. Bei wieder wärmeren Temperaturen sei eine umfassende Sanierung nötig. Das jedoch trifft nach fast vier Jahren Großinvasion und zwölf Jahren Krieg auf fast die gesamte Energieinfrastruktur der Ukraine zu. Versorgungsunternehmen wie DTEK und Ukrenergo zufolge ist die Kapazität zur Stromerzeugung aktuell auf rund ein Drittel der Vorkriegsleistung gesunken. So habe die Ukraine Anfang 2022 noch gut 56 Gigawatt (GW) Strom erzeugt, wovon durch Angriffe bis Herbst 2025 rund 27 GW zerstört wurden. Seit Beginn des Winters seien durch russische Angriffe weitere neun Gigawatt Kapazität beschädigt oder zerstört worden, sagte Wirtschaftsminister Alexej Sobolew. Vor dem Krieg stellten Kernkraftwerke rund 55 Prozent des ukrainischen Stroms bereit, weitere 35 bis 40 Prozent wurden in thermischen, also Kohle- und Gaskraftwerken erzeugt, der Rest entfiel auf Wasserkraft. Stand Januar 2026 sind durch Bombardements fast alle thermischen Kraftwerke in der Ukraine zerstört, wodurch mehr als 20 Gigawatt Kapazität ausfallen. Im vergangenen Herbst erklärte etwa der Energiekonzern Zentrenergo, der rund acht Prozent des ukrainischen Stroms lieferte, dass durch Angriffe seine Produktion auf null gesunken sei. Maxym Timtschenko, Chef des größten privaten ukrainischen Energieunternehmens DTEK, das etwa ein Drittel des Stroms im Land erzeugt, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass bis zu 70 Prozent der Erzeugungskapazität seines Unternehmens zerstört seien. Den Großteil des Stroms heute liefern Kernkraftwerke, die unter ukrainischer Kontrolle und weitgehend unbeschädigt sind, es handelt sich um rund 20 Gigawatt. Das reicht jedoch bei Weitem nicht, um das Land, noch dazu während eines strengen Winters wie diesem, wenigstens temporär zu versorgen. Der Netzbetreiber Ukrenergo meldet eine Überlastung seiner Anlagen sowie Blackouts in 80 Prozent des Landes, vor allem in den Metropolregionen Kiew und Dnipro. Bereits nach den ersten russischen Großangriffen auf ukrainische Energieanlagen im Herbst 2022 führten Versorger geplante Stromabschaltungen für mehrere Stunden am Tag ein; die Zeitpläne dazu werden auch im Internet veröffentlicht. Flugabwehr hat zu wenig Munition Vor Beginn dieses Winters schränkten die Behörden diese Zeiten abermals ein, doch seit den Angriffen Anfang Januar seien die zuvor vergleichsweise exakten Pläne kaum noch verlässlich. Statt etwa vorgesehener drei Stunden gebe es oft gar keinen und manchmal nur 20 Minuten Strom, berichten Einwohner Kiews, mit denen die F.A.Z. gesprochen hat. „Das Energiesystem der Ukraine ist nicht kaputt, aber es befindet sich in einem Zustand ständiger Verschlechterung und Notlösungen“, sagt Olena Lapenko, Generaldirektorin für Sicherheit und Resilienz bei der Dixi-Gruppe, einem Kiewer Thinktank für Energie und Klima. Je nach Wetter, Reparaturtempo und weiteren Angriffen werde das absehbar so weitergehen. Frost erhöhe den Stromverbrauch und erschwere zugleich Reparaturarbeiten, die oft durch neue Angriffe wieder zunichtegemacht würden. Die Widerstandsfähigkeit der Ukraine hänge deshalb auch „weiterhin von der Wirksamkeit der Flugabwehr und der anhaltenden Unterstützung durch Partner“ ab, so Lapenko. So waren die russischen Angriffe Anfang Januar auch deshalb so verheerend, weil die Ukraine über so gut wie keine Flugabwehr-Munition mehr verfügte. Ukrainische Behörden und der Netzbetreiber Ukrenergo schätzen den Gesamtschaden am Energiesystem bis jetzt auf mehr als 70 Milliarden Dollar. Um den massiven Kapazitätsverlust zu mildern, importiert die Ukraine seit Dezember 2025 täglich bis zu 2,5 Gigawatt aus der EU und dort vor allem aus Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Polen, berichtet die Dixi-Gruppe. Zudem arbeiten Reparaturtrupps am Limit; allein in Kiew seien derzeit 174 Brigaden im Einsatz, teilte am Montag der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. Das sei „eine beträchtliche Ressource“, doch angesichts der Schäden „unzureichend“. Einen – wenn auch nicht kurzfristigen – Ausweg bietet zudem der Bau kleinerer, dezentraler Kraftwerke, die das aus Sowjetzeiten stammende System aus wenigen Großkraftwerken und langen, zudem verlustreichen, Übertragungswegen ersetzen sollen. 2025 seien auf diese Weise 762 Megawatt installiert worden, sagte der neue Energieminister Denys Schmyhal. Das sei zwar dreimal so viel wie 2024, aber ein solches Tempo sei „angesichts des kritischen Zustands des Energiesektors eindeutig unzureichend“.