Es kommt immer auf den Tonfall an, auch bei Dankesworten. Hören wir Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), am Sonntagabend in Verona: „Grazie Italia per questi Giochi magici!“ „Danke, Italien, für diese magischen Spiele.“ Hören wir nun Linus Straßer: Na, schönen Dank auch. Zugegeben, das ist paraphrasiert. Der beste deutsche Slalomfahrer hat in den vergangenen Tagen mehrmals zum Ausdruck gebracht, dass sich bei den Alpinwettbewerben der Männer in Bormio genau eines nicht verbreitet hatte: olympische Magie. Stattdessen lieblose Siegerehrungen und Kinder, die Sportler durch Gitter um Autogramme und Selfies bitten müssen. Unangenehm sei ihm das gewesen, schrieb Straßer via Instagram, Bormio ein Beispiel dafür, wie olympische Wettbewerbe nicht organisiert sein sollten. Das Modell der „verteilten Winterspiele“ wird trotzdem Schule machen. Frankreich, Gastgeber 2030, orientiert sich am italienischen Modell und setzt in gewisser Hinsicht noch eins drauf: Eisschnellläufer werden unter sich bleiben, und zwar entweder in Heerenveen oder in Turin, aber definitiv nicht in Frankreich. In Mailand war kein Eisschnellläufer zu finden, der das für eine gute Idee hält, aber die Entscheidung ist gefallen – ohne dass die Sportler gefragt worden sind. Magisch? Zauberhaft? Fragt nicht, lauft! Das IOC zitiert gerne das Mitspracherecht der Sportler, wenn es darum geht, das eigene Regelwerk gegen Kritik zu verteidigen, zum Beispiel wenn einem protestierenden ukrainischen Sportler das Startrecht entzogen wurde. Bei den Themen, die Straßer verärgern, ist aber alles wie immer: Die Einen sorgen für die Quote, die anderen sagen ihnen, wie, wo und wann das zu passieren hat, so ähnlich wie der Bauer, der entscheidet, ob das Vieh auf die Weide kommt oder im Stall bleibt. Das Modell der verteilten Winterspiele wird bleiben In Italien sorgte das Beharren der Regierung auf den Neubau einer Bobbahn dafür, dass die deutschen Kufenmedaillen in Cortina gewonnen wurden, 2030 sorgt das Nein aus Paris dafür, dass die Eisschnellläufer fern bleiben werden. Das Modell der verteilten Winterspiele wird bleiben, jedenfalls in Europa. 2038 soll die Schweiz drankommen, mit Wettkämpfen in Genf, Lausanne, Crans-Montana, Engelberg, Zug, Zürich, Lugano, Lenzerheide und St. Moritz. Welche Gestalt Winterspiele in der fünften Dekade dieses Jahrhunderts haben werden, welche Möglichkeiten die Erderwärmung noch lässt, ist völlig offen. Bis dahin erkennen eher Bildschirmzuschauer als die Sportler das verbindende Element ihrer Winterspiele. In Norditalien haben dabei längst nicht alle Sportler so frustrierende Erfahrungen wie Linus Straßer gemacht. In Mailand war die Stadt mitnichten so auf die Veranstaltung ausgerichtet wie Paris während der Sommerspiele 2024. Die Wettbewerbe am Messegelände und zwei Sporthallen am Stadtrand waren wie eine Messe: just in time und mit einer lässigen Nonchalance gegenüber Unzulänglichkeiten. Das entwickelte durchaus einen eigenen Charme. Wenn man sich die Zukunft der Winterspiele unter den sich abzeichnenden Umständen ausmalt, ist das letztlich gar nicht so wenig. Auf viel mehr werden Wintersportler in Zukunft kaum hoffen dürfen. Magie muss es nicht sein, Zugänglichkeit genügt. Auch deshalb war es wichtig, dass Linus Straßer sich zu Wort gemeldet hat.
