FAZ 13.01.2026
16:18 Uhr

Zensur in den USA: Wer hat Angst vor Kugelmenschen?


Eine texanische Universität streicht Platons „Symposion“ aus dem Lehrplan wegen seiner freizügigen Geschlechterdarstellung. Die Zensur an den amerikanischen Hochschulen erreicht damit eine neue Stufe.

Zensur in den USA: Wer hat Angst vor Kugelmenschen?

In Platons „Symposion“ erzählt Aristophanes vom ursprüng­lichen Kugelmenschen, einem rundlichen, übermütigen Wesen mit zwei Köpfen und jeweils vier Händen und Füßen, das von Zeus in zwei Teile geschlagen wurde, weil es zu frech geworden war. Nun stimmt es natürlich, dass ein dicker Kugelbauch mit sehr vielen Armen und Beinen, die es in unterschiedliche Richtungen zieht, die Mobilität einschränkt. Das moderne Individuum ist Zeus dankbar, dass es ihn von der klebrigen Zweisamkeit befreit hat. Doch seither plagt es ein Trennungsschmerz und die Sehnsucht nach der verlorenen Einheit. Zeus’ Schwerthieb erwies sich als kulturprägende Kraft, denn er erfand nicht nur den vorher un­bekannten Geschlechtsverkehr, sondern auch das Erkenntnisstreben, das aus dem körperlichen Störgefühl hervorging. Die antike Liebesallegorie liegt in den drei Geschlechtsvarianten weiblich, männlich und einer Mischform aus beidem vor. Drei Geschlechter sind der amerikanischen Regierung bekanntlich eines zu viel. Die Texas A & M University hat das verstanden und den Lehrplan kürzlich von unkontrollierter Geschlechtervermehrung und anderen Irrlehren wie der ehrverletzenden Darstellung einer ethnischen Gruppe als Unterdrücker bereinigt. Damit schützen sich die Zensoren davor, selbst Inhalt des Curriculums zu werden. Dachten sie. Zweihundert Kurse sind von dem Kahlschlag betroffen, auch der Philosophieprofessor Martin Peterson, der in seinem Kurs über zeitgenössische Moralprobleme auch Platons „Symposion“ lesen wollte, in dem auch Homosexualität und Knabenliebe eine Rolle spielen. Der Professor hatte die Wahl, seinen Kurs um die anstößigen Inhalte zu bereinigen, er entschied sich aber lieber für ein neues Seminar über Wissenschaftsfreiheit. Seine Studenten sollen erfahren, was die Zensur ihnen vorenthält. Peterson geht damit ein hohes Risiko ein. Die Universität erwidert, man dürfe Platon ja weiter lesen, eben nur nicht mehr ganz. Die Einschränkung ist so sinnvoll wie ein Mathematikstudium ohne Zahlen. Wer einen antiken Mythos aus Angst vor Strafe wörtlich nimmt, dem geht es nicht mehr um Wahrheit. Zeus haut den mythischen Kugelmenschen entzwei, weil er seine Stärke fürchtet und schwache Individuen haben will, die ihn verehren. Dasselbe will die amerikanische Regierung. Die Universität mit den zweitmeisten Studenten in den Vereinigten Staaten kommt ihr erschreckend weit entgegen.