Mit Neuanfängen kennt Marcus Geist sich aus. Im Sommer 2014 hat der Koch, der zuvor in Frankfurt in der „Kameha Suite“ und im Restaurant „Opéra“ in der Alten Oper gearbeitet hatte, die Alte Klostermühle in der ehemaligen Zisterzienseranlage Arnsburg bei Lich übernommen. Die Pächter, die 30 Jahre die Gaststätte und im gegenüberliegenden ehemaligen Refektorium des Klosters ein Hotel geführt hatten, waren ausgezogen. Und Geist, damals in den frühen Dreißigern, zog mit einem jungen Team ein. Ein paar Jahre später sollte alles anders sein: Nach einem verheerenden Brand in der Klosteranlage mussten die Betreiber der Schänke 2022 ausziehen. Ende 2023 übernahmen Marcus Geist und seine Partnerin ein Restaurant im Kurpark von Bad Nauheim, das frühere „Teichhaus“. Seit der Neueröffnung vor knapp zwei Jahren heißt das Restaurant „Zeitgeist“. Draußen ein großer Teich und alter Baumbestand auf der Uferpromenade, hinter der Glastür, die ins Restaurant führt, ein großer Raum mit Polstermöbeln in prägnanten Farben und fast von jedem Platz aus Sicht nach draußen: Das Restaurant in dem historischen Park, den Heinrich Siesmayer im 19. Jahrhundert in der Art eines englischen Landschaftsparks anlegen ließ, hat optisch einiges auf der Habenseite. Ein zweiter Pluspunkt ist auch schnell erkannt: ein freundlicher Service, der den Eindruck vermittelt, dass Leute hier nicht nur arbeiten, sondern das auch besonders gerne tun. Zu viel von einem Element Das hat Wirkung: An einem Tag unter der Woche, der nichts Besonderes ist oder hat, ist in dem Lokal fast jeder Platz besetzt. In Restaurants, die weder Fine Dining anbieten noch ein typisches Gaststättenprogramm, ist das nicht mehr selbstverständlich; die Mitte hat es schwer, auch in der Restaurantlandschaft. Was hat das „Zeitgeist“ kulinarisch zu bieten? Zuerst gutes, aromatisches Brot. Dann mit einer getrüffelten und mit Cognac kräftig abgeschmeckten Maronensuppe auf Basis eines vegetarischen Fonds eine klassisch-wohlschmeckende Vorspeise und mit einer Terrine vom Freilandhuhn eine sehr gute. Die Masse, zu einem Ei geformt, hat einen feinen, nicht überwürzten Fleischgeschmack, Maronen, ein paar Späne französischen Herbstrüffels und eine samtige Kartoffelespuma machen den ansprechenden Teller komplett. Wenig abzugewinnen hingegen ist einem Hauptgericht, das sich um einiges besser anhört, als es dann ist: „Kalb & wilder Brokkoli mit cremiger getrüffelter Rollgerste“ heißt es. Das wie ein Risotto zubereitete Getreide liegt auf einem Saucenspiegel, daneben liegt das Gemüse, obenauf liegen vier dicke Scheiben Fleisch. Es ist Sous-vide gegart und schön rosa. Röstaromen, die es bei einem kurzen Ausflug auf den Grill hätte bekommen können, fehlen ihm aber. Weil es so dick geschnitten ist, hat man bei jedem Bissen einen großen, weichen Brocken im Mund, der schwer zu kauen ist, schade um ein im Grunde edles Produkt. Zu viel von einem Element hat auch der Wolfsbarsch mit Spinatcreme und Kartoffelstampf: Über zwei Nocken Kartoffelstampf in der Dimension von Ofenkartoffeln auf einem Mittelalter-Markt wölbt sich das Fischfilet, von einer weiteren Kartoffelnocke auf seiner Hautseite nach unten gedrückt. Weniger wäre in beiden Fällen mehr gewesen. Vielleicht ist das ja nicht an jedem Tag so, oder es wäre eine andere Wahl die bessere gewesen. Wieder gut: das Schokoladenmousse mit Birne, Karamell, Balsamico und Hafer, nicht zu süß, mit einer zarten Fruchtnote, ein sehr versöhnlicher Abschluss (Hauptgerichte bis etwa 50 Euro, Weinangebot aus dem mittleren Segment, auch preislich.)
