Seit fast 26 Jahren hat Philip Waechter ein Ritual. Für jeden Tag zeichnet der Frankfurter Illustrator und Grafiker eine Postkarte und stellt Situationen aus seinem Alltag in kleinen Bildern dar. Inspiriert von der Künstlerin Leonore Poth beschloss Waechter kurz vor der Jahrtausendwende, Erlebtes in diesem Format festzuhalten und „eine Art Fotoalbum, ein Erinnerungsalbum“ zu schaffen: kleine Momente und Begegnungen, Urlaube und Treffen mit Freunden, die Geburt seines Sohnes – und Erlebnisse rund um seinen Herzensverein Eintracht Frankfurt. „Die Eintracht ist eine Konstante, die immer wieder auf den Karten vorkam“, so Waechter, der im Winter 1974 mit sechs Jahren das erste Mal mit seinem Vater und seinen Brüdern im Frankfurter Stadion war. Die Grundlage für ein Leben als Eintrachtfan war gelegt. Seitdem ist viel passiert bei der Sportgemeinde vom Riederwald. Als Waechter am 1. Januar 2000 seine erste Karte zeichnete, war Felix Magath gerade Trainer der Frankfurter geworden und auf dem Rasen kämpften noch Uwe Bindewald und Alex Schur um den Klassenerhalt statt um internationale Startplätze. Waechter hat 97 Zeichnungen aus 20 Jahren ausgewählt Während einer Ausstellung rund um den 125. Geburtstag des Klubs im vergangenen Jahr war eine Auswahl von Waechters Postkarten erstmals im Eintracht Frankfurt Museum zu sehen. Dessen Leiter Matthias Thoma hatte im Anschluss die Idee, die Zeichnungen auch als Buch zugänglich zu machen. Für „Nur die SGE. 20 Jahre mit Eintracht Frankfurt“ hat Waechter nun 97 Zeichnungen aus den vergangenen 20 Jahren ausgewählt, vom Aufstieg in die Bundesliga im Mai 2005 bis zur Champions League-Auslosung im August 2025. Dass der gebürtige Frankfurter seit seiner Kindheit Fan der Eintracht ist, merkt man jeder Zeichnung des Büchleins an. Mit einem stets liebevollen Blick schaut er auf den Verein, auf wechselhafte zwei Jahrzehnte mit heftigen Niederlagen, unerwarteten Siegen und großen Triumphen. Diese zu zeichnen, sei besonders schwierig gewesen, so Waechter. Zu mächtig seien Großereignisse wie der Sieg der Europa League, um sie in einem einzigen Bild festzuhalten. „Für manche Erlebnisse ist das kleine Format einer Postkarte nicht angemessen“, sagt er. Weglassen konnte er sie als Eintracht-Fan aber nicht. Es sind die Momente abseits der Erfolge im Stadion, die beim Durchblättern der Seiten schmunzeln lassen. Wenn Waechter im April 2016 über den Abstiegskampf der Eintracht nachdenkt, während er seinen Balkon schrubbt. Bei Freunden zu Besuch ist, aber mit den Gedanken bei seinem Lieblingsverein. Im Urlaub auch aus der Ferne einen Blick auf das Geschehen rund um die SGE behält. „Es ist der Alltag, den man als Fan mit seinem Verein teilt und da gehört das eben alles dazu“, so Waechter, der mit seiner Dauerkarte regelmäßig Spiele der Eintracht im Stadion besucht. Die Zeichnungen sind Brücken in die Vergangenheit „Diese kleinen Begegnungen; sich darüber zu unterhalten, ob das neue Eintracht-Trikot gelungen oder hässlich ist, und welcher Transfer jetzt sinnvoll wäre und warum dieser oder jener Stürmer aufgestellt ist und nicht der andere. Diese Begeisterung für Fußball ist viel mehr als der Pokalsieg und auch viel wichtiger“. Für andere Fans können die Zeichnungen mit Datumsangabe auch als „Brücken“ dienen, „die einen erinnern lassen, was man an diesem oder jenen Tag gemacht hat“. Auch Begegnungen mit Größen des Vereins sind in „Nur die SGE“ festgehalten. Bernd Hölzenbein trifft Waechter zufällig auf einer Rolltreppe einer Frankfurter U-Bahn-Station, Timothy Chandler beim Einkaufen und Ioannis Amanatidis im Baumarkt. Alle Begegnungen, die Waechter zeichnet, sind genauso passiert. „Es ist nichts ausgedacht“, so der Illustrator. „Amanatidis hat sich tatsächlich einen Eimer Farbe gekauft und ich dachte, wie großartig das ist, dass er sich wahrscheinlich zuhause einen Malerkittel anlegt und selber seine Wohnung streicht“. Mit Tuschestift, Buntstiften und Aquarellfarben entstehen Waechters kleine Kunstwerke, die so nur anfertigen kann, wer sich auskennt mit der SGE. Mit wenigen Strichen, klaren Linien und den passenden Worten fängt er ein, was es heißt, Anhänger von Eintracht Frankfurt zu sein. „Am besten wäre es, wenn ich die Zeichnungen immer am Morgen des nächsten Tages machen würde, aber das schaffe ich nicht“, so Waechter. „Mal ist es sofort gezeichnet, mal dauert es zwei, drei Tage“ bis die Postkarte fertig ist. Anfang Januar werden es 9500 Karten sein. Waechter bewahrt sie alle auf, nach Jahren gebündelt liegen sie in einem Schrank. „Das ist wahnsinnig viel, aber vom Volumen her geht es eigentlich. Ein Jahr nimmt etwa 20 Zentimeter ein“. Aufhören wird der Frankfurter nicht, das Projekt soll weitergehen. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr, jetzt werde ich das bis an mein Lebensende machen“, so Waechter. Die letzte Seite im Eintracht-Büchlein ist leer, freigehalten für das, was noch kommt. Nur die SGE. 20 Jahre mit Eintracht Frankfurt, Philip Waechter, Hg. Eintracht Frankfurt Museum, 108 Seiten, Henrich Editionen, 18 Euro Am 14. Dezember von 11 Uhr an ist Philip Waechter zu einer Signierstunde im Eintracht Frankfurt Museum. Das Museum feiert an diesem Tag mit einem Fest seinen 18. Geburtstag.
