Sobald eine Künstlerin ihr Werk veröffentlicht hat, kann sie nicht mehr beeinflussen, was die Welt damit anfängt. Als Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“, deutsch „Sturmhöhe“, 1847 herauskam, war er seiner Zeit voraus. Die viktorianische Gesellschaft Englands, die züchtig war, aber auch sentimental, lehnte das Buch ab: zu sperrig, zu kalt, zu wenig Gefühl. Spätere Leser erkannten wie James Joyce: „This woman had pure imagination“. Kate Bush destillierte für ihren Song „Wuthering Heights“ die angedeutete Geistergeschichte heraus und ließ die Heldin Catherine auf ewig nach ihrem geliebten Heathcliff rufen. Die Filmregisseurin Andrea Arnold nahm sich mit großer analytischer Klarheit der literarische Vorlage an und komponierte ihren Film „Wuthering Heights“ (2011) zu einem Liebesdrama, das zugleich von Klassen, Rassismus und der gnadenlosen Schönheit der Heidelandschaft in Yorkshire erzählte. Alles Themen, die Brontës eigene waren. Ist dem überhaupt noch etwas hinzuzufügen? Pubertätsblick auf die Liebesbande Die britische Regisseurin Emerald Fennell möchte das, signalisiert aber gleich zu Beginn ihrer Adaption, dass es sich bei ihrem „Wuthering Heights“ um einen Film „nach Motiven aus“ dem Werk der Schriftstellerin handelt. Gesellschaftliche Diskussionen interessieren sie weniger, sie spürt vielmehr dem aufgeregten Gefühl nach, das sie als Teenager bei der ersten Lektüre des Klassikers hatte. Dieser Pubertätsblick legt sich komplett auf die Liebesbande zwischen Catherine und Heathcliff (die meisten anderen Figuren fasst Fennell in ihrem Drehbuch zu einem schmalen Ensemble zusammen), malt sich in saftigsten Farben Leidenschaft aus und tut gar nicht erst so, als wäre hier irgendetwas realistisch. Die gesamte Kulisse atmet die Künstlichkeit einer Puppenstube. Das titelgebende Anwesen „Wuthering Heights“ steckt zwischen spitzen Felsen, dunkle Schieferschindeln bedecken es vom Dach bis zum Boden – ein schwarzer Hausalbtraum, der mehr von Grimms Märchen als dem windigen Yorkshire erzählt. In dieser düsteren Stube begegnen wir Catherine als wildlockigem Kind, das unter der Trunkenheit seines Vaters leidet. Der bringt von einer Sauftour einen verschreckten Jungen mit, den Catherine Heathcliff tauft. Fortan sind beide unzertrennlich. Heathcliff steckt für Cathy Prügel ein, als der Vater einen Wutanfall hat. Nachts im Bett auf dem Dachboden schwören sich die beiden ewige Verbundenheit. Teils Melodram, teils spätpubertärer Sextraum Die Treue wird durch die Ankunft eines neuen Nachbarn auf die Probe gestellt – da sind die Kinder bereits zu jungen Erwachsenen herangereift, deren charmante kindliche Marotten sich zu Charakterschwächen entwickelt haben. Margot Robbie, die die erwachsene Catherine gibt, betont hier den Zug des verwöhnten Teenagers, der permanent seine Grenzen austestet. Als sie Heathcliff bei einem Spaziergang zu sehr ärgert, packt dieser sie kurzerhand und setzt sie auf einen Ast. „In diesen Röcken kann ich nicht herunterklettern. Es wird dir leidtun, wenn ich zu Boden falle und sterbe“, ruft sie ihm hinterher. Eine Koketterie, die er gar nicht ernst nimmt, denn er weiß: Catherine kann sich sehr wohl selbst helfen. „Zieh die Röcke halt aus“, ruft er ihr über die Schulter zu, während er sie dort oben sitzen lässt. Eine Schäkerei, von der Catherine weiß, dass sie eine doppelte, nicht mehr unschuldig-kindliche Bedeutung hat. Da solche Andeutungen aber noch zu zart sind und der Reiz des Neuen zu groß ist, stapft sie, nachdem ihr das Warten auf eine Einladung zum neuen Nachbarn zu lang wurde, einfach los, klettert an der Mauer hoch und blickt in den Garten des großen Landsitzes. Sie fällt, der Hausherr sammelt sie auf und lässt sie sechs Wochen bleiben, bis ihr verstauchter Knöchel wieder heil ist. Natürlich verliebt er sich in dieser Zeit in sie. Und sie muss sich nun zwischen den beiden Männern entscheiden – und nimmt den falschen. So weit, so klassisch. Was folgt, ist teils Melodram, teils fiebriger, spätpubertärer Sextraum. Was geschah zwischen Catherine und Heathcliff, als der nach sechs Jahren wieder auftauchte, fragt Fennell und malt mit viel Phantasie die Affäre der verheirateten Catherine mit dem Jugendfreund Heathcliff aus. Sie zeigt das Paar beim Fummeln in der Kutsche, beim Sex im Heidegras, beim Knutschen im Garten. Heathcliff drückt sie gegen die Schlafzimmerwand, leckt an der Tapete, der ihr Ehemann den Farbton ihrer Haut gegeben hat. Ist er nicht im Raum, ist er in ihren Gedanken. Catherine träumt von seiner Berührung, steckt ihren Finger beim Dinner in Aspik, leckt sich die Lippen beim Teigkneten, befühlt die üppige Schale eines Pfirsichs. Fennell spielt hier wie schon in ihrem letzten Film „Saltburn“ (2023) mit einer von Social-Media-Videos geprägten Ästhetik. Die wilderen BDSM-Phantasien lebt Heathcliff dann mit Catherines Schwägerin Isabella aus. Bei der Wortwahl der Briefe, die Isabella an ihren Bruder über Heathcliffs Verworfenheit schreibt, hält sich Fennell an die literarische Vorlage, dreht das Moralische aber ins Lustvolle. Es verwundert nicht, dass solche Interpretationen beim prüderen amerikanischen Publikum zum Teil für Irritation sorgten. Fennell reicht in ihrem Mut, weibliche Lust mit Dominierungsphantasien zu verbinden, europäischen Kolleginnen wie der Niederländerin Halina Reijn die Hand, die in „Babygirl“ die sexuellen Unterwerfungswünsche einer Unternehmerin zum Thema machte. Dass „Wuthering Heights“ weder zur Soap Opera im Bridgerton-Stil verkommt noch ein historischer „Fifty Shades of Grey“-Abklatsch wird, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Margot Robbie spielt ihre Catherine wie eine Glühbirne, anfangs alles überstrahlend, dann gedimmt – nach der Hochzeit mit dem reichen Gutsbesitzer starrt sie zunehmend ins Leere, und auch Juwelen können den alten Glanz nicht zurück in ihre Augen bringen – und am Ende höchst zerbrechlich. Jacob Elordi hingegen wirft sich in raue Körperlichkeit, legt seinen Heathcliff irgendwo zwischen Pirat und Punk an, auch wenn er auf Wuthering Heights unter Catherines unkeuschen Blicken mit schweißnassem Oberkörper Heu schaufelt, als wollte er sich fürs Casting der nächsten Davidoff-Parfümwerbung empfehlen. Und auf einem Sofa Platz nimmt, als würde er eine Einladung zum Fremdgehen aussprechen. Was Robbie und Elordi hilft, ist die sprachliche Wucht von Brontës Prosa. Die beiden Darsteller sind immer dann am besten, wenn das Drehbuch Monologe aus dem Roman übernommen hat. Wenn Elordi seiner Catherine hinterherruft, sie solle ihn lieber sein Leben lang als Geist verfolgen, als in einen Abgrund hinabzusteigen, in den er ihr nicht folgen könne, dringt der kalte Hauch von Brontës Yorkshire in diese schwüle und manchmal zu üppige Welt. Was Fennell geschaffen hat, wäre der Verfasserin des Romans sicherlich zu heiß gewesen. Für einen Teenager aber hat es die richtige Temperatur.
