FAZ 30.11.2025
09:52 Uhr

Woody Allen 90: Der Spaziergänger von Manhattan


Mit fünfzig großen und kleinen Filmen hat sich Woody Allen in die Geschichte des Kinos eingeschrieben. Viele von ihnen sind heute schon Klassiker. Jetzt wird der Regisseur, Schauspieler und Dramaturg 90 Jahre alt.

Woody Allen 90: Der Spaziergänger von Manhattan

Am liebsten würde man nur über den frühen Woody Allen schreiben. Über Allan Felix, den Filmkritiker, der in „Mach’s noch einmal, Sam“ mit dem Geist von Humphey Bogart darüber verhandelt, wie er Diane Keaton, die Freundin seines besten Freundes, verführen soll. Über Alvy Singer, der in „Der Stadtneurotiker“ mit derselben Diane Keaton in der Warteschlange für einen Marcel-Ophüls-Film steht und über Orgasmusprobleme redet. Über den Gagschreiber Isaac Davis, der in „Manhattan“ abermals mit Diane Keaton auf einer Bank vor der Queensboro Bridge sitzt und zusieht, wie die Dämmerung den Himmel über New York zu färben beginnt. Über Woody Allen, der in „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ ein Tänzchen mit dem Tod wagt und in „Zelig“ hinter Adolf Hitler in der Menge steht. Über den Geschichtenerzähler, Vertrauten und Helden so vieler Kinoabende und -nächte, den Autor, Regisseur und Hauptdarsteller einiger der schönsten Filme, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Amerika entstanden sind. Aber natürlich muss man auch über ei­nen anderen Woody Allen reden, einen Mann, der es sich (und uns) unnötig schwer auf seinem Weg im Kino gemacht hat. Der unbedingt mit Ingmar Bergman und Fellini gleichziehen wollte und deshalb Filme wie „Innenleben“, „September“ und „Schatten und Nebel“ drehte. Der mitten auf seinem Höhenflug genug vom Ruhm hatte und deshalb in „Stardust Memories“ sein Alter ego von einem Fan erschießen ließ. Der sich gequält hat, um Vorbildern nachzueifern, die er auf seine Weise längst eingeholt hatte, und dabei sein eigenes Licht unter den Scheffel stellte. „Was ich am meisten bedauere? Dass ich Millionen bekommen habe, um Filme zu machen, dazu die volle künstlerische Kontrolle, und mir nie ein großer Wurf gelungen ist.“ Welch ein Irrtum! Und schließlich muss man noch von einem dritten Woody Allen sprechen, der seit mehr als dreißig Jahren in einem Rosenkrieg steht, wie ihn das Kino zu unseren Lebzeiten sonst nicht gesehen hat. Ein gutes Jahrzehnt lang, von 1980 bis 1992, bildeten Allen und Mia Farrow eine Liebes- und Arbeitsgemeinschaft, bis die Schauspielerin entdeckte, dass der Regisseur eine Affäre mit ihrer gerade volljährig gewordenen Adoptivtochter Soon-Yi Prévin begonnen hatte. Dem Skandal folgte ein Sorgerechtsstreit, auf dessen Höhepunkt Farrow den Regisseur des sexuellen Missbrauchs seiner siebenjährigen Adoptivtochter Dylan bezichtigte. Obwohl ein Gutachten Allen entlastete und der Fall nie vor Gericht kam, haftet der Missbrauchsvorwurf bis heute an ihm. Vor zwölf Jahren wiederholte die inzwischen erwachsene Dylan die Beschuldigung in einem offenen Brief, ihr Bruder Moses widersprach, ein anderer Bruder stellte sich auf ihre Seite, und seitdem gibt es bei jedem neuen Allen-Film einen Begleitchor von Stimmen, die den Regisseur verdammen oder in Schutz nehmen. Aber selbst wenn man Woody Allen, der längst mit Soon-Yi verheiratet ist, für vollkommen unschuldig hält, ist der sarkastische und herablassende Ton, in dem er in seiner 2020 erschienen Autobiographie „Ganz nebenbei“ über Mia Farrow spricht, seiner nicht würdig – nicht weil man Allens Zorn und Schmerz angesichts des Geschehenen nicht verstünde, sondern weil er seine Gehässigkeiten mit ei­ner Coolness und Härte vorträgt, die seinem Kino gänzlich fremd sind. Das gilt nicht nur für die redseligen Helden seiner frühen Filme, sondern auch für jene Figuren aus seiner mittleren Schaffenszeit, die sich tatsächlich die Hände schmutzig machen. Etwa der Augenarzt Judah in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“, der seine Geliebte von einem Mafiakiller umbringen lässt und anschließend in Depressionen verfällt. Oder der Tennislehrer Chris in „Match Point“, der die von ihm schwangere Nola, die seinem sozialen Aufstieg im Weg steht, kaltblütig erschießt, aber danach im Taxi wie ein Schlosshund zu heulen beginnt. Die Entstehungsdaten der beiden Filme, 1989 und 2005, markieren ziemlich genau die Phase, in der Woody Allen vom Selbstdarsteller, Bergman-Verehrer und New-York-Panegyriker zum souveränen Kinoerzähler wird. Einige seiner witzigsten („Im Bann des Jade-Skorpions“), bösesten („Ehemänner und Ehefrauen“) und schwerelosesten Filme („Alle sagen: I love you“) entstehen in dieser Zeit, und es scheint, als rüste sich der Regisseur für ein großes Alters-Epos. Doch dann, mit siebzig, geht Allen auf Reisen. Nach „Match Point“ dreht er noch drei Filme in London, dazu je einen in Spanien („Vicky Christina Barcelona“), Frankreich („Midnight in Paris“) und Rom („To Rome With Love“), bevor er mit „Blue Jasmine“ nach Amerika zurückkehrt. Aber hier schlägt sein Kino keine Wurzeln mehr, selbst der New-York-Film „A Rainy Day ...“ wirkt seltsam ortlos, auch wenn Kate Winslet (in „Wonder Wheel“), Cate Blanchett oder Emma Stone (in „Irrational Man“) immer wieder für Glanzlichter sorgen. Allens jüngster Film „Coup de Chance“ spielt dann wieder in Paris, und gerade hat ihm die Stadt Madrid eineinhalb Millionen Euro für ein neues Spielfilmprojekt angeboten. Es wäre sein einundfünfzigstes. Wenn man die fünfzig, die es schon gibt, zu einem Porträt zusammensetzt, entsteht ein Bild der Unruhe. Woody Allen, der Spaziergänger von Manhattan, ist immer noch unterwegs zu sich selbst, und das Kino dient ihm dabei als eine Straßenkarte, auch wenn es ihn manchmal in die Irre führt. Auf diese Weise ist ein filmisches Werk entstanden, das in Europa und Amerika nicht seinesgleichen hat, eine Comédie humaine des Kinos, und dem Mann, der es geschaffen hat, kann man nur wünschen, dass ihm noch viel Zeit bleibt, um daran weiterzuarbeiten. Am Sonntag wird er neunzig Jahre alt.