Jeder Angestellte einer großen Organisation fürchtet dieses Problem: Man teilt dem Kollegen einen gut durchdachten Verbesserungsvorschlag mit, um seine Meinung zu hören und ihn womöglich als ersten Unterstützer zu gewinnen, und wenig später gibt er die gute Idee vor dem gemeinsamen Vorgesetzten als eigene aus. Der dann naheliegende Impuls, den Diebstahl nachzuweisen, stößt auf zwei deutliche Grenzen. Zum einen würde es dem Betriebsklima schaden, wollte man es auf einen offenen Konflikt mit dem Ideendieb ankommen lassen. Und zum anderen wäre der Versuch dazu wenig aussichtsreich, da es zu der mündlichen Kommunikation keine schriftlichen Dokumente gibt, auf die man seinen Originalitätsanspruch stützen könnte. Es stünde dann einfach Aussage gegen Aussage. Nach einigen Erfahrungen dieser Art wird es sich gerade der Einfallsreiche zweimal überlegen, ehe er seine neuesten Überlegungen mitteilt. Die Furcht vor dem Bestohlenwerden erzieht zu Geheimhaltung und Ausdrucksvorsicht, und das wirkt dann irgendwann auch auf die Lernfähigkeit der Organisation selbst zurück. Ist etwas publiziert, ist es vor Ideendiebstahl sicher Auch im System der wissenschaftlichen Kommunikationen stößt man auf solche Probleme. In ihren frühneuzeitlichen Anfängen, als es noch keine Fachzeitschriften gab, waren die Furcht vor Plagiaten und eine ihr entsprechende Kommunikationszurückhaltung weitverbreitet. Wie Robert K. Merton gezeigt hat, war die datierte Hinterlegung der eigenen Gedanken bei einem Notar ein damals geläufiges Mittel, Prioritätsansprüche auch bei hohem Misstrauen und fehlender Mitteilungsbereitschaft anzumelden. Heute erfüllt die datierte Einreichung bei einer Fachzeitschrift dieselbe Funktion, aber sie führt zusätzlich auch noch zur Publikation, und die macht dann auch etwaige Plagiate als solche erkennbar. Der akademische Ideenklau wird damit relativ aussichtslos. An seine Stelle sind Zitierpflichten getreten, die der Eitelkeit des zitierten Autors schmeicheln, sein fachliches Ansehen mehren – und ihn damit zu weiterer Publikation anstacheln. Nur durch Verzicht auf Geheimhaltung der guten Idee kann man es also zu Entdeckerruhm bringen. Warum einige Forscher ihre Ideen ungehemmt teilen Man könnte natürlich fragen, ob jene alte Furcht denn wirklich verschwunden ist. Konzentriert sie sich nicht vielmehr auf jene Phasen in der Entwicklung einer Idee, die vor der Publikation liegen? Hinweise in diese Richtung finden sich in einer unlängst vorgelegten Untersuchung: Wissenschaftler verschiedener Disziplinen wurden nach ihrer Einstellung zu drei Typen akademischer Freigiebigkeit befragt: Finanzierung großer Forschungsvorhaben ohne strenge Erfolgskontrollen, Gefälligkeitszitate aus den Schriften der wissenschaftlichen Freunde und Förderer und eben freimütige Mitteilung origineller, aber noch unpublizierter Ideen. Einige Befragte gaben an, ihre Ideen völlig ungehemmt weiterzugeben. Der Grund dafür: Nur sie selbst seien in der Lage, die Denkmöglichkeiten des Einfalls auszuschöpfen, andere würden sie gar nicht erkennen. Auch wenn die Auswahl der mitgeteilten Antworten das nicht hergibt, liegt die Vermutung nahe, dass diese Einstellung sich vor allem im Verhältnis zu Studenten und zu Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen bewährt. Die Tatsache, dass der Empfänger kein gleichsinnig spezialisierter Kollege ist, wirkt dann wie ein eingebauter Kopierschutz. Außerdem gibt es Wissenschaftler, die aus der eigenen Idee ein spezifisch adressiertes Geschenk machen, etwa weil sie selbst keine Möglichkeiten sehen, einem vielversprechenden Gedanken nachzugehen, aber trotzdem gespannt sind, wohin er führen könnte. Sie teilen ihn dann nicht auf Tagungen, sondern in Sprechstunden mit, und die dankbaren Empfänger könnten in diesem Falle die eigenen Doktoranden sein. Das führt zu einer partiellen Verschiebung der zugerechneten Leistung gegenüber der wirklichen Autorschaft, die natürlich nur funktioniert, wenn der Schenkende den Empfangenden aus der Zitierpflicht entlässt. Dass dieser die publizierten Ideen seines Doktorvaters dann umso eifriger zitiert, scheint der Ausgleich dafür zu sein. Am stärksten leidet die Mitteilungsfreude, wenn man die eigenen Schätze vor Unbekannten ausbreiten soll. Der Umstand, dass auf größeren Fachtagungen auch Kollegen ungeprüfter Vertrauenswürdigkeit zuhören, erzieht manche Redner zu erheblicher Vorsicht. Entweder behalten sie Themen ihres größten Forscherstolzes für sich, oder sie bringen auf jeder Folie ihrer Präsentation ein warnendes Copyright-Symbol an.
