Als am vergangenen Sonntag im kleinen Medina Stadium von Rabat der Schlusspfiff ertönte, konnte Samuel Eto’o nicht mehr anders: Gerade hatten seine „Unzähmbaren Löwen“ von Kamerun ihr Achtelfinalspiel des Afrika-Cups gegen Südafrika mit 2:1 gewonnen, da sprang der ehemalige Star des FC Barcelona auf und hüpfte jubelnd auf der VIP-Tribüne auf und ab. Die Runde der letzten Acht war erreicht, da geht es nun gegen den Gastgeber Marokko. Die Partie hätte man sich auch im Finale vorstellen können – es wird ein Topspiel erwartet. Es scheint eine ganze Menge Druck von Eto’o abgefallen zu sein. Der 44 Jahre alte einstige Top-Stürmer und Nationalheld Kameruns ist in den letzten Monaten zunehmend in die Kritik geraten. Seit Februar 2021 führt er den Fußballverband Kameruns (Fecafoot) als Präsident. Seither pflastern unschöne Affären, Streits und Finanzskandale seinen Weg. Wohin wurde das Geld aus Russland überwiesen? Es waren Medienvertreter, die vor wenigen Wochen einen überaus fragwürdigen Vorgang bei der Fecafoot publik gemacht hatten. Umgerechnet 681.000 Euro, die Kamerun als Aufwandsentschädigung vom russischen Fußballverband für ein Freundschaftsspiel zwischen Russland und Kamerun im Oktober 2023 gezahlt bekam, wurden statt auf das Verbands- auf das qatarische Privatkonto Eto’os überwiesen. Den Verdacht der Unterschlagung versuchte Eto’o mit der Begründung auszuräumen, das Konto sei wegen internationaler Sanktionen gegen russische Banken benutzt worden. Von dem Geld seien die Kosten der Reise und die Aufwandsentschädigungen an die Spieler gezahlt worden. Eto’o hat diese Affäre vorerst überstanden, ebenso wie seinen verstörenden tätlichen Angriff gegen einen algerischen YouTuber, dem er bei der WM 2022 vor laufenden Kameras einen Tritt ins Gesicht versetzte. Eto’o profitiert von seiner ungeheuren Popularität, die er sich zu aktiven Zeiten als Fußballer erarbeitet hat. Seine internationale Strahlkraft hat auch geholfen, dem kamerunischen Verband in jüngster Zeit mit einer großen Brauerei und einem Bankhaus zwei lukrative neue Sponsorendeals zu verschaffen. Doch kaum hatte er die Konto-Affäre überstanden, stand Eto’o der nächste Ärger ins Haus. Just vor dem 35. Afrika-Cup in Marokko hatte er den Trainer der Nationalmannschaft, den Belgier Marc Brys, seines Amtes enthoben und als Nachfolger den Kameruner David Pagou ernannt. Weil der Nationaltrainer in Kamerun seit einigen Jahren vom Sportministerium und nicht vom Fußballverband eingestellt und auch bezahlt wird, weigerte sich Brys, die Entmachtung durch Eto’o zu akzeptieren. Die Folge: Brys und Pagou beriefen verschiedene Kader für den Afrika-Cup – die internationale Irritation war groß. Auch wenn Brys‘ Nominierung eines Schattenkaders wohl eher symbolischen Wert hatte, womöglich wollte er sich mit seinen Aussagen nur eine gute Position in einem anstehenden Rechtsstreit verschaffen. Unruhig wurde es trotzdem mal wieder rund um Kameruns Reisegruppe in Marokko. Das ist fast schon obligatorisch, seit Eto’o den Schritt weg vom Rasen und hinein ins Funktionärsbüro tat. Hat Eto'o einem Klub zum Aufstieg verholfen? Als sich die kamerunische Nationalmannschaft im vergangenen Juni in der Hauptstadt Yaoundé traf, um sich auf die WM-Qualifikationsspiele gegen Kapverden und Angola vorzubereiten, fehlten bei der ersten Trainingseinheit die Bälle. Es waren auch keine Markierungshütchen auf dem Gelände, es war nichts da, was man zum Training so braucht. Der Grund: „Fecafoot“ hatte kein Material bereitgestellt. Das war nicht etwa Zufall, sondern Kalkül und wohl Eto’os Art und Weise, seine Abneigung gegen den neuen Coach Brys auszudrücken. Es waren nicht die ersten Probleme, die Eto‘o im Verband als Präsident verursacht hat. Viele Beteiligte hatten sich beim Afrika-Cup 2024 in der Elfenbeinküste bereits beschwert, als sich der einstige Stürmerstar, der sich wie ein Diktator gerieren soll, in Aufstellung und Taktik seines alten Teamkollegen und Trainers Rigobert Song eingemischt hatte. Zudem stand Eto’os Rolle als Markenbotschafter eines Wettunternehmens unter Beobachtung. Das ist von Verbandsseite und entsprechend der Regularien des Weltfußballverbands FIFA nicht erlaubt. Bereits im Sommer 2024 legten an die Öffentlichkeit gelangte Gesprächsaufzeichnungen nahe, dass der Präsident durch Einflussnahme auf Schiedsrichter dem Klub Victoria United zum Aufstieg in die erste Liga verholfen haben könnte. Victoria United gehört einem engen Unterstützer Eto’os, Valentine Nkwain. Sowohl er als auch Eto’o bestritten die Vorwürfe. Für Wirbel sorgten auch die Rücktritte zweier langjähriger Verbandsfunktionäre, die sich nicht an „Eto’os Machenschaften“ beteiligen wollten oder im Januar 2024 die Nationalmannschafts-Berufung eines weitgehend unbekannten Teenagers vom Eto’o-Kumpel-Klub Victoria United für den Afrika-Cup. Es wäre interessant, mit Eto’o über derlei Vorwürfe zu reden. Das aber ist schwierig. Mit Medienvertretern spricht der einstige Torjäger schon lange nicht mehr.
