Bis zum Jahrgang 2023 hat sich Moselwinzer Markus Molitor nahezu ausnahmslos an das gute alte Prädikatsweinsystem gehalten. Das klassifiziert Weine nicht nach Herkunft, sondern nach Zuckergehalt der Trauben beziehungsweise nach Mostgewicht: Kabinett, Spätlese, Auslese und so weiter. Dabei war es egal, ob ihr Geschmack süß, halbtrocken oder trocken war. Als vor einem Vierteljahrhundert der Verband der Prädikatsweingüter (VDP) am Weingesetz vorbei das „Grosse Gewächs“ als die höchste Kategorie trockener Weine seiner Mitglieder definierte, ahnte wohl niemand, dass mit dem „GG“ eine heute weltweit bekannte Kategorie oder gar Marke erschaffen werden würde: der deutsche Grand Cru. Die altbekannten Prädikate werden heute meist nur noch für nicht trockene bis edelsüße Weine verwendet. Je mehr Sterne, desto dichter Molitor verfügt über teils beachtliche Anteile in den allerbesten Lagen der Mittelmosel und an der Saar. Von 1984 bis 2020 kamen seine Rieslinge ausschließlich als Prädikatsweine auf den Markt. Lediglich die Weiß- und Spätburgunder reüssierten nach französischem Vorbild als Qualitätsweine. Molitor selbst klassifizierte sie mit ein bis drei Sternen: Je mehr Sterne, desto dichter, komplexer und langlebiger der Wein. Aus einigen Rieslinglagen hingegen gibt es nicht nur verschiedene Prädikate, sondern, je nach Jahrgang, auch drei Geschmacksrichtungen. Die finden sich nicht als definierte Begriffe auf dem Etikett, sondern sind über die Kapselfarbe zu entschlüsseln: Die weiße Kapsel signalisiert einen trocken schmeckenden Wein, eine grüne Kapsel einen feinherben und die goldene einen fruchtsüßen Riesling. Die Jahrgänge 2021 und 2022 seiner prestigeträchtigsten Lagen – Scharzhofberger, Prälat und Doctor – vermarktete Molitor erstmalig nicht mehr als 3-Sterne-Auslese, sondern als mit drei Sternen klassifizierten Qualitätswein. Das verschaffte ihm die Möglichkeit, einen für zu leicht empfundenen Most mit Zucker entsprechend anzureichern, sodass durch die Gärung ein kräftigerer Wein entsteht. Mit dem 2024er Jahrgang ersetzt Molitor nun einige seiner feinsten, geschmacklich trockenen Auslesen mit dem „GG“-Kürzel. Alle Weine sind vom Mostgewicht her Auslese-Qualitäten, doch ein „Großes Gewächs“ benötigt auch einen Mindestalkoholgehalt. Bei Molitor ist die Anhebung minimal und kaum zu schmecken, während bei anderen Betrieben zuweilen ein ganz anderer Wein daraus wird. Meistens ist der Alkoholgehalt im Verhältnis zur feinen Struktur des Weins nach der Anreicherung zu hoch, der Geschmack zu bitter und alles andere als fein, gerade beim Riesling. Dabei besteht dessen Faszination gerade darin, dass er auch als vermeintlich leichter Wein komplex und nachhaltig sein kann. Nichts als Trauben und Schwefel Bizarr mutet an, dass Molitor, der dem Prädikatswein 40 Jahre lang die Ehre erwiesen hatte, neben seiner neuen Kategorie „Großes Gewächs“ auch weiterhin trockene Auslesen erzeugt, die er mit drei Sternen kennzeichnet. Die neuen „Großen Gewächse“ sind hingegen Nachfolger seiner bis 2023 mit zwei Sternen klassifizierten trockenen Auslesen. Der Druck aus den Exportmärkten sei zu groß geworden, sagt Molitor. „Die Märkte fragen nach Großen Gewächsen.“ Dass Molitors allergrößte Weine des Jahrgangs auch weiterhin als ehrliche Auslesen mit drei Sternen vermarktet werden, die aus nichts bereitet werden außer Trauben und Schwefel zur Haltbarmachung, ist ein letzter Triumph eines für veraltet gehaltenen Klassifikationssystems, das sich um Vermarktung weniger scherte als das Getue um die GGs.
