FAZ 11.02.2026
10:12 Uhr

Winterspiele vor 70 Jahren: Was, wenn ein DDR-Athlet siegt?


DDR-Hymne und Sportler aus einem Staat, der gar nicht existierte: Die erste gesamtdeutsche Mannschaft brachte die Bundesregierung vor 70 Jahren in Erklärungsnot.

Winterspiele vor 70 Jahren: Was, wenn ein DDR-Athlet siegt?

In Cortina d’Ampezzo schließt sich dieses Jahr ein olympischer Ring in der deutsch-deutschen Sportgeschichte: Es dürften die letzten Winterspiele sein, zu denen Athleten antreten, die noch in der DDR geboren wurden. Unter den 188 deutschen Sportlern, die nach Italien gereist sind, trifft dies nach Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes nur noch auf zwei zu: den Rennrodler Felix Loch, geboren am 24. Juli 1989 im thüringischen Sonneberg, und den Bobanschieber Georg Fleischhauer, geboren am 21. Oktober 1988 in Halberstadt. Auch als vor siebzig Jahren die ersten Olympischen Winterspiele schon einmal in Cortina d’Ampezzo stattfanden, gab es eine deutsch-deutsche Zäsur, damals allerdings mit erheblicher politischer Brisanz: Zum ersten Mal seit der Teilung trat eine gesamtdeutsche Mannschaft an, ein Format, das bis 1964 fortgesetzt werden sollte. Für die Sportler aus dem Osten war es eine Premiere, ihre Landsleute aus der Bundesrepublik durften schon 1952 an den Olympischen Spielen in Helsinki und Oslo teilnehmen. Unangenehme Fragen von der NATO Die Bundesregierung kam durch die Winterspiele 1956 allerdings in Erklärungsnot, vor allem im Ausland. Wie es denn möglich sei, dass Bonn von den übrigen NATO-Mitgliedern verlange, das „Pankower Regime“ nicht anzuerkennen, die Bundesregierung selbst sich aber mit Ostberlin auf die Bildung einer gesamtdeutschen Mannschaft verständige, fragte im Dezember 1955 ein ranghoher Mitarbeiter des NATO-Generalsekretärs Lord Hastings Ismay den Ständigen Vertreter der Bundesrepublik bei der NATO, Herbert Blankenhorn. Auch über die Einigung in der Hymnenfrage zeigte man sich im NATO-Hauptquartier irritiert: Würde ein DDR-Sportler eine Goldmedaille gewinnen, sollte „Auferstanden aus Ruinen“ erklingen, die DDR-Hymne. Wäre es ein Athlet aus der Bundesrepublik, sollte das Deutschlandlied gespielt werden. Blankenhorn erwiderte, menschliche Beziehungen und rein technische Kontakte seien etwas anderes als politische Beziehungen. Das Befremden der Partner war umso größer, als Bonn 1955, die Bundesrepublik war eben erst der Allianz beigetreten, seine deutschlandpolitische Gangart mit der sogenannten Hallstein-Doktrin verschärft hatte. Gemäß der neuen Richtlinie – benannt nach dem damaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Walter Hallstein – vertrat die Bundesrepublik fortan nicht nur den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland und wertete eine Anerkennung der DDR als unfreundlichen Akt. Bonn drohte nun auch jedem Staat, der die DDR anerkennt, mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Trainingsanzüge ohne Bundesadler Aber im Sport gelang es der Bundesregierung (noch) weniger als in anderen Sektoren, den Alleinvertretungsanspruch und die internationale Isolierung der DDR durchzusetzen. Zumal die SED-Führung rasch erkannte, dass sich auf Skipisten und Aschenbahnen bisweilen mehr für die internationale Anerkennung der DDR erreichen ließ als auf dem diplomatischen Parkett. So schufen die Sportfunktionäre der Bundesrepublik und der DDR Fakten. 1955 einigten sich die Nationalen Olympischen Komitees der beiden deutschen Staaten darauf, eine gesamtdeutsche Mannschaft zu bilden. Das Nationale Olympische Komitee der DDR war vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) 1951 zunächst nur provisorisch anerkannt worden. Die DDR-Athleten durften ausschließlich in einer gesamtdeutschen Mannschaft an Olympischen Spielen teilnehmen. Nicht infrage stellten beide Seiten das Leistungsprinzip. Es sollte keine Quoten geben, nur die Besten wollte man nach Cortina d’Ampezzo schicken, unabhängig von ihrer Herkunft. Die Angaben über die Zusammensetzung der gesamtdeutschen Mannschaft schwanken. Aus einem Bericht der F.A.Z. geht hervor, dass von den siebzig Athleten etwa jeder vierte aus der DDR kam. Für die Trainingsanzüge verständigten sich die Sportfunktionäre auf einen Kompromiss: Statt des Bundesadlers waren die olympischen Ringe vor dem Hintergrund der Farben Schwarz-Rot-Gold zu sehen. Eine Einigung über die Flagge erübrigte sich: Die Staatsflagge mit Hammer und Zirkel führte die DDR erst 1959 an. Das symbolträchtige Zugeständnis, die DDR-Hymne zu spielen, falls ein DDR-Athlet oben auf der Siegertreppe stand, wurde dadurch erleichtert, dass kaum Aussicht auf eine Goldmedaille für die DDR bestand. Die sportliche Bilanz war mager Außenminister Heinrich von Brentano zeigte sich von dieser Einigung dennoch nicht erfreut. Dadurch hätten „unsere vortrefflichen Sportfreunde“ nicht nur anerkannt, dass es zwei olympische Komitees gebe, sondern auch zwei deutsche Nationalhymnen, schrieb er an Bundesinnenminister Gerhard Schröder. Die Bundesregierung versuchte zunächst noch, die Aufstellung einer gesamtdeutschen Mannschaft zu verhindern. Sie drang darauf, dem NOK der DDR die Anerkennung wieder zu entziehen. Damit hatte sie jedoch beim IOC keinen Erfolg. Schröder brachte daraufhin sogar eine Sperrung der finanziellen Unterstützung für die deutsche Mannschaft ins Gespräch. Schließlich stimmte die Bundesregierung „zähneknirschend“ einer gesamtdeutschen Mannschaft zu, wie der Historiker Martin Geyer schreibt, der beste Kenner der Materie. Die sportliche Bilanz war mager: Deutsche Sportler holten nur zwei Medaillen, einmal Gold und einmal Bronze – in Oslo hatte die deutsche Mannschaft 1952 ohne DDR-Sportler sieben Medaillen gewonnen. Ein Lichtblick war aus Bonner Sicht allein, dass die Bronzemedaille an den Skispringer Harry Glaß aus dem sächsischen Klingenthal ging. So blieb ihr die DDR-Hymne erspart.