Morgenbulletin aus Kiew: Es bleibt eisig. Für nächste Woche werden minus zwanzig Grad erwartet. Am Donnerstag waren nach russischen Bombardements immer noch 613 Wohnblocks ohne Heizung, und auch in der Nacht zum Freitag haben wieder 111 Drohnen angegriffen. Was immer Donald Trump gemeint haben mag, als er sagte, Wladimir Putin habe ihm eine Angriffspause versprochen, wahr ist es nicht geworden. Dann aber diese Meldung der ukrainischen Grenztruppen: In der Woche vom 17. bis zum 23. Januar sind an den Westgrenzen mehr Menschen ins Land gekommen als ausgereist. Ein Plus von 5000 Personen. Die Meldung entlarvt einen weiteren Irrtum über die Ukraine. Seit Jahren heißt es: Wenn es Putin gelingt, Kiew im Winter großflächig kalt zu legen, fluten Millionen in den warmen Westen. Dann bricht das Land zusammen. Der erbitterte Wille zum Widerstand Jetzt aber zeigt sich: Die Menschen bleiben, die Untergangsauguren lagen falsch. Genau wie am Anfang des Überfalls, als westliche Freunde Wolodymyr Selenskyj rieten, sofort zu fliehen, denn in drei Tagen werde Kiew fallen. Selenskyj floh damals nicht. Er stellte sich vor seinen Amtssitz und sagte: Der Präsident ist hier. Den Westen ließ er wissen: Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, ich brauche Munition. Die Leute von Kiew sagen durch ihr Bleiben jetzt das Gleiche: Wir sind hier. Wir wollen kein Ticket, wir wollen Waffen. Und sie zeigen, wie schwer Trump danebenlag, als er Selenskyj im Weißen Haus vorhielt, er habe „keine Karten“. Denn die Ukraine hat Karten, oder zumindest eine: den erbitterten Willen zum Widerstand. Er ist deshalb so erbittert, weil er identisch ist mit dem Willen vieler Einzelner zu einem Leben, das diesen Namen verdient – einem Leben, das die Wahl zwischen einem Dasein als Opfer sadistischer Fremdherrschaft oder als Flüchtling nicht akzeptiert. Der einzige Weg zu einem solchen Leben in persönlicher Souveränität ist für die Ukrainer der Kampf um ihr Land. Russlands Bombenangriffe haben sich 2025 vervierfacht Diesen Kampf können sie aber nur gewinnen, wenn der Westen mehr hilft. Russlands Bombenangriffe haben sich 2025 vervierfacht, die Abschussrate sinkt, im Dezember und im Januar haben Putins Terrorpiloten wieder Krankenhäuser angegriffen. Doppelschläge, bei denen nach dem Krankenhaus auch die Rettungsmannschaft getroffen wird, gehören weiter zum Mordbesteck. Zuletzt haben Flugzeuge geholfen. Mirages aus Frankreich und F-16-Maschinen aus mehreren europäischen Ländern schießen Marschflugkörper ab und retten Leben. Für die Widerstandsmoral wären auch politische Aussichten gut, zum Beispiel auf einen EU-Beitritt Anfang 2027. Das würde in der Kälte ein wenig innere Wärme geben. Warum aber kommt von Berlin nicht mehr? Deutschland ist zwar heute der größte Sponsor der Ukraine, aber vom Marschflugkörper Taurus, der helfen könnte, Russland von seinem Terror abzuschrecken, hört man immer noch nichts. Friedrich Merz tarnt sein Schweigen hier als „strategische Ambiguität“, aber zugleich hat er am Mittwoch ohne alle Zweideutigkeit gesagt, ein EU-Beitritt der Ukraine Anfang kommenden Jahres sei nicht möglich. Vielleicht ist das ja wirklich nicht so leicht. Aber Merz hätte auch goldenes Schweigen wählen können statt einer losen Lippe. Diese Gelegenheit zur „Ambiguität“ hat er jedenfalls verpasst.
