Herr Zuchtriegel, das Archäologische Institut der Humboldt-Universität soll aus Kostengründen geschlossen werden. Es gibt eine Petition dagegen, die Sie unterzeichnet haben. Warum sollte es erhalten bleiben? Das Winckelmann-Institut ist ein zentraler Ort für die Antikenforschung und damit auch für europäische Bildung. Was selbst die antiklassische DDR nicht schaffte, schafft jetzt eine als woke getarnte neoliberale Politik, der die europäische Klassik rein gar nichts mehr sagt. Wo weniger Studierende sind, wird gnadenlos gestrichen, ohne darauf zu achten, was ein Fach wie die Archäologie für eine Bedeutung im Ökosystem der Wissenschaften hat. Was ist falsch daran, wenn eine Universität auch wirtschaftlich denkt? Es ist falsch, wenn es auf Kosten dessen geht, was Europa eigentlich ausmacht, nämlich die klassische Kultur und damit meine ich auch ausdrücklich deren Schattenseiten. Ein solcher Schritt hilft weder uns noch der Weltoffenheit, die wir natürlich pflegen und befürworten sollten. Europa kann nicht nur als gemeinsamer Markt funktionieren. Dafür engagiert sich niemand, das spricht die Herzen nicht an. Gerade jetzt, in diesen Zeiten, bräuchten wir dringend die Rückbesinnung auf gemeinsame Werte. Die Grundlage, wie man sich mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzt, wurde durch die Beschäftigung mit der Antike gelegt. Es wäre falsch, diese Wurzeln abzuschneiden und zu denken, der Baum bleibt trotzdem stehen. Das kann nicht funktionieren. Das Winckelmann-Institut ist dafür fundamental? Es ist eines der ältesten Institute, das Herzstück der Archäologie in Deutschland. Es wurde während des Nationalsozialismus in Winckelmann-Institut umbenannt. Das war damals umstritten, da Johann Joachim Winckelmann eine sehr schillernde Persönlichkeit war, die man heute wahrscheinlich als queer bezeichnen würde. Er gilt als Gründervater der Kunstgeschichte und der modernen klassischen Archäologie. Für mich ist er ein Mitbegründer der europäischen Idee. Es ist auch das Institut, an dem Margarete Biber gewirkt hat. Sie hat als erste Frau in Deutschland den Ruf als Professorin für Archäologie erhalten, konnte ihn aber aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht annehmen und emigrierte in die USA. Das Institut zehrt aber nicht nur von diesen großen Namen der Vergangenheit. Bibers Herangehensweise an Kunst, Archäologie und Forschung lebt dort weiter, aber das Institut arbeitet auch mit zukunftsweisenden Technologien. Ein Schwerpunkt ist die digitale Archäologie. Wir haben diesbezüglich ein gemeinsames Forschungsprojekt mit den Berlinern, worum es mir jetzt aber gar nicht geht. Das Institut hat früh auf neue Technologien gesetzt. Das zu streichen, wäre absurd. Das Forschungsprojekt nennt sich „Pompeji Reset“. Was genau wird da gemacht? Es zielt darauf ab, die antike Stadt durch 3D-Scans und Gaming-Technologien digital zu dokumentieren und zu rekonstruieren. Dadurch werden neue Formen der Wissensvermittlung und archäologischen Forschung möglich. Durch KI und Digitalisierung erleben wir aus archäologischer Sicht eine der größten Transformationen der Menschheitsgeschichte. Das Digitale wird eine fundamentale Rolle dabei spielen, das Überleben von Erinnerungen und archäologischer Objekte zu schützen. Der Schwerpunkt der digitalen Archäologie, der an der HU entwickelt wurde, ist auch ein großer Pluspunkt für die Berufsaussichten der Studierenden. Es heißt oft, die Berufsaussichten seien sehr schlecht. Das ist hier völlig fehl am Platz. Vor einigen Monaten habe ich mit Studierenden des Winckelmann-Instituts ein Seminar gemacht. Sie sind extrem gut, und es wäre sehr schade, wenn es dort nicht weitergeht für sie. Es wäre nicht die erste Streichung eines archäologischen Studiengangs in Berlin. Die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft wird den Studiengang für Grabungstechnik einstellen. Solche Entscheidungen werden oft politisch gefällt oder sind internen Dynamiken geschuldet. Aber sie haben verheerende Auswirkungen auf die folgenden Generationen. Die Humboldt-Universität erklärt auf ihrer Homepage, ab Mitte der Dreißigerjahre die Archäologie neu aufstellen zu wollen. Dann soll es auch eine Neuauflage der Altertumswissenschaften geben. Das klingt nicht nach einem Schlussstrich. Für mich klingt es nach Beschwichtigung. An so einem Institut hängt eine Infrastruktur. Die Bibliothek, die Sammlung von Originalobjekten und Abgüssen zu Studienzwecken, Mitarbeiter und Projekte. Man könnte darüber reden, das alles kostengünstiger umzugestalten. Möglicherweise könnten die beiden Professuren des Instituts auf eine reduziert werden. Aber zu behaupten, man wolle Neues schaffen, obwohl es das Neue schon gibt, ergibt keinen Sinn. Auf Instagram haben Sie gerade den Fall des altsprachlichen Görres-Gymnasiums in Koblenz geschildert. Es wird mit dem neuen Schuljahr ein nicht altsprachliches Gymnasium werden. Während andere Regionen der Welt in alte Sprachen investierten und stolz auf die Grundlagen ihrer Kultur seien, werde in Europa mit Latein das abgeschafft, was jahrtausendelang verbunden habe, schreiben Sie. Latein abzuschaffen ist einfach falsch. Es war von der Antike bis zur frühen Neuzeit die gemeinsame Sprache, nicht an eine Nation gebunden, sondern an die gesamte Ökumene. Bis zur frühen Neuzeit gingen die Kinder von Palermo bis Stockholm zur Lateinschule. Und heute, wo wir von europäischer Einigung sprechen, hat nicht nur jedes Land, sondern auch jedes Bundesland seine eigenen Regeln und trifft eigene Entscheidungen, ohne den großen Horizont im Blick zu behalten. Wir reden von Europa, aber da wo es eigentlich realisiert werden könnte, fallen wir buchstäblich hinter das Mittelalter zurück. Ich merke immer wieder, dass die Kenntnis des Eigenen extrem wichtig ist, um offen für anderes zu sein. Wenn Latein an den Schulen nur eine Zusatzaktivität ist, stirbt die Sprache aus. Deswegen plädiere ich dafür, Latein an den Grundschulen zu unterrichten. Zwei Stunden pro Woche, damit die Kinder mit der Sprache in Berührung kommen. Jedes Kind hat ein Recht auf Latein. Die meisten Eltern finden es nützlicher, wenn ihre Kinder Französisch, Spanisch oder Chinesisch lernen. Das ist auch sehr nützlich, und es geht nicht darum, eine Entscheidung gegen eine dieser Sprachen treffen zu müssen oder den Schülern noch mehr aufzuladen. Man könnte den Lehrplan ein wenig umstrukturieren. Es braucht wirklich nicht viel, und es geht auch nicht darum, eine Generation von Latinisten heranzuziehen. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn man als Jugendlicher in der Lage ist, ein paar lateinische Sätze im Original zu lesen. Was hat die deutsche Archäologie für einen internationalen Ruf? Sie hat einen guten Ruf, zehrt aber viel von vergangenen Lorbeeren. Das muss jetzt auch ein Weckruf sein für uns selbst. Man kann nicht nur ein Epigone von einer Tradition sein, ohne offensiv Neues zu schaffen. Auf dem Feld der digitalen Archäologie muss viel mehr geschehen. Was bedeutet die Schließung des Winckelmann-Instituts für den Wissensstandort Berlin? Sie ist ein absolut negatives Signal. Vor allem für die Humboldt-Universität selbst. Eine Hochschule, die etwas auf sich hält und den Namen Humboldt im Namen trägt, aber auf die klassische Archäologie verzichtet, ist für mich keine wirkliche Universität mehr, die stolz auf ihre Tradition sein kann. Studentenzahlen dürfen kein Argument dafür sein, die eigene Identität zu untergraben. Die Archäologie ist kein Massenfach wie Jura oder Medizin, das ist klar. Sie hat eine kleine, aber auf einem bestimmten Fachgebiet hervorragend ausgebildete Studierendenschaft. Die Studentinnen und Studenten haben den Protest selbst losgetreten. Allein das ist für mich ein Zeichen von Exzellenz.
