In einer literaturbegeisterten Ecke des Internets ist die sogenannte „Spinster Lit“ sehr beliebt. Es ist die Genrebezeichnung für Romane des vergangenen Jahrhunderts, die von alleinstehenden Frauen erzählen. Einige dieser Bücher zeichnen ein durchaus positives Bild der oft gar nicht mal alten Jungfer, selbstbestimmt und zufrieden. Molly Keanes Roman „Das gute Benehmen“ ist keins dieser Bücher. Dass nichts anderes als eine Horrorgeschichte erzählt wird, ist schon auf den ersten Seiten klar: Da hat die alleinstehende Ich-Erzählerin Aroon gerade ein Babykaninchen „durch ein feines Sieb gequetscht und zehn Minuten lang in einem Moulinex-Mixer herumgejagt“, um es ihrer bettlägerigen Mutter zu servieren, die Kaninchen hasst. Die Mutter schreit, kotzt und ist tot. Was zu dieser drastischen Maßnahme, man muss sie wohl Mord nennen, geführt hat, davon handeln die nächsten 300 Seiten. Es ist die inzwischen schon oft erzählte Abstiegsgeschichte einer wohlhabenden Familie. Diese hier spielt zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Irland. Es ist die Geschichte von Menschen, die nicht wahrhaben wollen, dass die Zeit der Jagden, Pferderennen und ausschweifenden Feste, das Leben in einem Haushalt mit zahlreichen Angestellten, vorbei ist. Ja die überhaupt sehr viele Dinge nicht wahrhaben wollen oder zumindest verschweigen: Homosexualität, Affären, Alkoholismus, Krieg. Es ist unwahrscheinlich, dass die Ich-Erzählerin so wenig von alldem versteht, wie sie vorgibt. Vielmehr hält auch sie, ganz dem guten Benehmen entsprechend, gegenüber ihren Lesern zumindest eine gewisse Fassade aufrecht, sodass diese einen Teil der Geschichte zwischen den Zeilen lesen müssen. Das gute Benehmen ist der Kodex, nach dem sich die Oberschicht in Keanes Roman verhalten muss. Keine Gefühle, kein Gerede, nicht einmal im Falle eines Todes: „Sich in Trauer und Kummer zu suhlen, war die schlimmste Art von schlechtem Benehmen.“ Ein alter Roman, der sich neu anfühlt Das gute Benehmen führte dann auch im realen Leben dazu, dass die 1904 in Irland auf einem Landsitz geborene Autorin selbst jahrzehntelang nur unter Pseudonym veröffentlichte: Intellektuell zu sein, schickte sich nicht für ein Mitglied ihrer Klasse (im Roman stürzt ein kleiner Junge seine Familie in die Krise, weil er liest). Und so war Keane 77 Jahre alt, als, nach zwanzig Jahren Stille, ihr erstes und erfolgreichstes Buch unter ihrem echten Namen erschien. Dass ein Roman über eine vergangene Welt, noch dazu von einer schon damals alten Frau, über vierzig Jahre später noch so modern wirkt, liegt an seinem Stil, Witz und Bettina Abarbanells phantastischer Übersetzung. Und an der scheinbar naiven Erzählhaltung Aroons, die eine ironische Distanz zu den oft erschütternden Ereignissen schafft: Figuren sterben oder verschwinden, Schulden wachsen, aber man macht eben weiter wie bisher. All das wird sinnlich beschrieben, Menschen und Tiere riechen unangenehm, sie verlieren Körperflüssigkeiten und haben Fressattacken, betrinken sich hemmungslos. Doch obwohl Keanes Erzählerin oft so boshaft ist und das Verhalten ihrer Figuren teilweise verachtenswert, kann man doch nicht anders, als Mitleid mit ihnen zu haben. Sie können nun einmal nicht aus ihrer Haut. Auf Rotfleisch zu verzichten und stattdessen Kaninchen zu essen, ist für sie ein Ding der Unmöglichkeit. Gerade das, ihre Zwanghaftigkeit, macht viele der Figuren interessant. Jede Figur hat ihre Abgründe Da ist zum Beispiel die Gouvernante Mrs Brock, eine verwitwete, kinderlose, bürgerliche Frau und eine der wichtigsten Figuren des Romans, die sich ihren Schützlingen – und leider auch deren Eltern – mit geradezu aufopfernder, ja buchstäblich grenzenloser Liebe widmet. Ein solches Verhalten wird, man ahnt es schon, kein gutes Ende nehmen. Zwei andere Figuren, ein verarmtes Schwesternpaar, versuchen sich mit der eigenen desaströsen Situation zunächst zupackend zu arrangieren, doch ein unangekündigter Besuch, von Keane als eine Art Vorher-nachher-Vergleich erzählt, lässt auch diese Illusion platzen: „Die Hunde, damals sauber, süß und gefährlich, dampften und rochen in einem unordentlichen Korb vor sich hin. Dort, wo Blink zwischen ihrem Strickzeug gesessen hatte, stand ein Glas auf einem Buch. Auch das konnte ich riechen. Gin. Gin und was? Ich steckte kurz einen Finger hinein. Nur Gin.“ In der Biographie, die Keanes Tochter vor einigen Jahren über ihre Mutter schrieb, findet sich eine schaurige Episode: Im Fluss wird ein Päckchen gefunden, adressiert an Keane, die damals noch ihren Mädchennamen trug. Darin lag ein totes Baby. Eine Angestellte war von ihrem Vorgesetzten geschwängert worden und wollte den Vorfall vertuschen. Es sind diese Abgründe, die in „Das gute Benehmen“ stets im Hintergrund lauern, ohne je ganz erzählt zu werden. Keanes Roman wurde 1983 von der BBC verfilmt. Als Schauplatz diente Coolmore House, der Familiensitz der Newenhams im County Cork. Ein Jahr nach Erscheinen der Serie konnte die Familie das Haus nicht länger instand halten und zog aus. Seitdem verfällt das Anwesen. Eine Anekdote, die von Keane stammen könnte.
