Eine amerikanische Zeitung hat jetzt staatliche Vertreter Irans mit der Angabe zitiert, bei den Demonstrationen der vergangenen Tage seien 3000 Personen getötet worden. Das bezog sich auf Zivilisten und Sicherheitskräfte. Menschenrechtsorganisationen verbreiten noch höhere Zahlen. Ob die Größenordnung stimmt, lässt sich von außen nicht beurteilen. Aber auch die Berichte von Augenzeugen, die bisher bekannt wurden, legen nahe, dass es viele Opfer bei den Protesten gab. Das Regime in Teheran kämpft mit aller Härte um seine Herrschaft, so viel scheint sicher. Ist es deswegen schon am Ende, wie der Bundeskanzler sagt? Ohne Zweifel haben die Führung und das theokratische Staatsmodell an Legitimation eingebüßt, wie sich unter anderem daran zeigt, dass sich der Kopftuchzwang seit den Protesten 2022 nicht wieder flächendeckend durchsetzen ließ. Die Niederlage der Revolutionsgarden im strategischen Ringen mit Israel, vor allem aber die schwierige wirtschaftliche Lage haben die ohnehin geringe Popularität des Regimes sicherlich nicht vergrößert. Der Sohn des Schahs als Anführer? Trotzdem sollte man mit Prognosen über seine Durchhaltefähigkeit vorsichtig sein. Der Repressionsapparat in Iran ist weit ausgebaut, und für eine erfolgreiche Revolution braucht es einen Anführer. Der Sohn des Schahs kann diese Rolle von den Vereinigten Staaten aus nur schwer übernehmen. Deshalb stellt sich schon die Frage, wie Europa und die Vereinigten Staaten reagieren (vom Westen mag man ja schon kaum noch sprechen). Die Europäer werden wie üblich reden („besorgt“ sein), aber nicht entscheidend handeln. Die Einstufung der Revolutionsgarden als Terrororganisation durch die EU würde jedenfalls nichts an der aktuellen Lage ändern. Am Ende läuft es wieder auf den früheren Isolationisten Trump hinaus, der weit mehr Mittel hat als die Zölle, mit denen er den Druck jetzt als Erstes erhöht hat. Iran ist allerdings nicht Venezuela: Es ist militärisch stärker, und Vorbehalte gegen Amerika bestehen weit über das Regime hinaus.
