Mitte Januar, eine Schule in Minneapolis. Es ist ein ungemütlicher, kalter Abend, aber das hat die Menschen nicht zu Hause gehalten, die im Treppenhaus Schlange stehen. Vier mit Kinderzeichnungen dekorierte Säle füllen sie, achthundert Leute sollen es sein. „Bitte schreiben Sie nicht den Namen unserer Schule“, warnt die Rektorin. Was hier passiert, ist nicht geheim, aber sie wissen, dass die Abschiebebehörde ICE mittlerweile Namen und Fotos von Menschen sammelt, die ihre undokumentierten Nachbarn schützen wollen. Gruppen finden sich an niedrigen Basteltischen zusammen, in einer Ecke stapeln sich Klopapier, Windeln, Fertiggerichte – Spenden für Menschen, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, seit ICE willkürlich Leute anhält und mitnimmt. Aisha Gomez, Abgeordnete der DFL (Democratic-Farmer-Labor Party) genannten Demokraten in Minnesotas Repräsentantenhaus, will die Menschen aus der Nachbarschaft ermutigen: Man müsse sich nicht in die erste Reihe der Proteste stellen und Tränengas abkriegen, um gegen die „Besatzung“ zu kämpfen – gemeint ist der ICE-Großeinsatz in Minneapolis. Sie selbst beobachte die oftmals gewalttätigen Trupps aus sicherer Entfernung von ihrem Auto aus, erzählt sie. Lokalen Organisationen zufolge tun das inzwischen mehr als zehntausend Menschen. Sie fahren den Beamten hinterher, warnen ihre Nachbarn mit Trillerpfeifen und Hupen, benachrichtigen Familien von Festgenommenen – das alles ist legal. Es sind nicht allein die Proteste, die wirken Als sich die Menschen in der Schule treffen, ist die Lyrikerin und Mutter Renee Good seit einer Woche tot, erschossen von einem ICE-Angestellten. Der Intensivpfleger Alex Pretti ist noch am Leben. Zwei Wochen später, nachdem auch er von Bundesbeamten erschossen wurde, bemüht sich die Regierung von Donald Trump inzwischen rhetorisch um so etwas wie Deeskalation. Trumps oberster Beauftragter für den Grenzschutz, Tom Homan, kündigte eine mittelfristige Reduktion der maskierten Trupps in Minneapolis an. Trump habe gesagt, er wolle keine weiteren Toten sehen, hieß es. Für die macht die Regierung die Menschen verantwortlich, die sich gegen ICE wehren. Die „hasserfüllte Rhetorik“ sei an allem schuld, behauptete Homan – der Mann, der vor einigen Monaten ankündigte, die „Hölle“ über Städte wie Boston zu bringen. Vor allem ist Trump wohl genervt, weil seine Beamten in Minneapolis so schlecht aussehen. In Meinungsumfragen sinken seine Zustimmungswerte weiter, laut manchen Erhebungen will eine Mehrheit der Amerikaner ICE abschaffen. Und nun veröffentlichte auch noch Bruce Springsteen, der über politische Grenzen hinweg beliebte Barde der weißen Arbeiterklasse, einen Protestsong mit der klaren Forderung: ICE raus aus Minneapolis. Auch die Demokraten im Kongress haben sich aus ihrer relativen Starre gelöst und blockieren die bedingungslose Weiterfinanzierung von Heimatschutzministerium und Grenzschutz – vorerst. Protest wirkt, sagen jetzt viele. Doch Demonstrationen allein haben die Regierung nicht dazu gebracht, ihre Rhetorik abzumildern, vielleicht Kräfte abzuziehen. Es war eine Kombination aus konsistentem Druck, aus Protest und monatelanger Basisarbeit. Gewerkschaften mobilisierten am Tag vor Alex Prettis Tod zum ersten Generalstreik seit Jahrzehnten. Bürgerrechtsorganisationen klagten gegen die Verhaftungen und den Umgang mit Demonstranten. Mehr als hundert Pastorinnen und Pastoren harrten in der Woche nach Renee Goods Tod einen Tag lang singend in der Zentrale des Kaufhausunternehmens Target aus. Sie forderten, dass sich die Firma so deutlich gegen ICE positionieren sollte, wie das manche Unternehmer in Städten wie Chicago getan hatten. Der Nachbar ist zuerst Nachbar und nicht Fremder Trump und seine ICE-Trupps waren auf solche Protestaktionen vorbereitet, die sie oft als Werk „bezahlter Agitatoren“ bezeichnen. Was für sie nicht vorhersehbar war und auch nicht in das MAGA-Weltbild passt, ist die massenhafte Solidarität mit Menschen, die die Regierungspropaganda als gefährliche Gesetzlose brandmarken will. Für viele Menschen in Minneapolis und in Amerika sind ihre undokumentierten Nachbarn keine unerwünschten Fremden, sondern schlicht Teile der Community wie sie selbst. Gemeinschaft, aber ohne die historisch völkische Färbung, die das Wort im Deutschen hat, wird in diesem Sinne ein politisches Konzept. Und so engagieren sich die Menschen in Minneapolis und St. Paul zu Zehntausenden – wer nicht ICE beobachtet, fährt Essen aus, spendet oder bringt Kinder zur Schule, deren Eltern sich nicht mehr aus dem Haus trauen. Nicht alle haben dieselben politischen Ziele – manche wollen ICE abschaffen, andere treten für die verfassungsmäßigen Rechte von Menschen ein, deren Abschiebung sie nicht grundsätzlich ablehnen. Aber die Gemeinsamkeiten wiegen schwerer als die Differenzen. Auf den Straßen von Minneapolis sind Trumps maskierte Trupps so mit Formen von Mut und Solidarität konfrontiert, die sie nicht in ihr Weltbild integrieren können. Der Journalist Adam Serwer nannte die Werte, die hinter der Bewegung stehen, kürzlich „neighborism“ und kontrastierte sie im Magazin „The Atlantic“ mit den Vorstellungen von MAGA. Für viele Menschen in Minneapolis seien ihre Nachbarn in erster Linie genau das, unabhängig vom Einwanderungsstatus. Serwer erinnerte daran, dass Vizepräsident J. D. Vance es als ein legitimes Bedürfnis durchschnittlicher Amerikaner beschrieben hatte, neben Menschen zu wohnen, „mit denen ich etwas gemeinsam habe“. Sozialer Zusammenhalt, so Vance, entstehe ganz natürlich, wenn man aufhöre, „Millionen Fremde zu importieren“. Mit diesem Weltbild sei die zutiefst christliche Haltung vieler Menschen in Minneapolis nicht zu begreifen, so Serwer: dass nämlich der Nachbar zuerst Nachbar sei und man auch mit Menschen aus anderen Kulturen viel gemeinsam habe. Die Bürger, die in Minneapolis und anderswo „Mutual Aid“-Netzwerke aufbauen, demonstrieren so auch eine Alternative zur Zukunftsvision von MAGA. Und sie liefern ein Gegenmittel zu dem, was viele Theoretiker des Autoritarismus und Faschismus als die Isolation und Entzweiung beschrieben haben, die Menschen zu Untertanen macht. Strukturen waren schon vorher vorhanden Solches „Community Organizing“ und „Mutual Aid“, die organisierte gegenseitige Hilfe als politisches Handeln, sind keine neuen Erfindungen. Es waren vor allem die schwarzen Befreiungsbewegungen, die die Idee in die Tat umsetzten, dass Menschen tragfähige Strukturen aus ihrer eigenen Community heraus aufbauen und damit politische Veränderungen bewirken können – Menschen, die nicht durch traditionelle politische Organisationen oder große Gewerkschaften geschützt waren. Wo der Staat ihnen die volle Teilhabe und Ressourcen versagte, baute die Bürgerrechtsbewegung im Süden wie im Norden des Landes Netzwerke auf, um Bildung, Schutz und Versorgung zu organisieren. Auch Einwanderergruppen organisierten sogenannte „Mutualistas“, lange bevor „Mutual Aid“ zu einem Konzept anderer linker Organisationen wurde und schließlich während der Pandemie viele Menschen zum Handeln inspirierte. Betont wird dabei der Aspekt der Gegenseitigkeit: Es geht nicht um Wohltätigkeit, sondern um Verbindung unter Gleichen. In Minneapolis kommt hinzu, dass die Organizer genannten Engagierten auf besonders stabile vorhandene Strukturen aufbauen konnten: Mutual-Aid-Netzwerke und „Rapid Response“ in Nachbarschaften, das sei „muscle memory“ von 2020, sagt etwa der Buchhändler Jamie Schwesnedl, dessen Laden Moon Palace Books damals wie heute Treffpunkt der Bewegung ist. Der Protest nach dem Mord an George Floyd wird heute von manchen Medien vor allem als wochenlang anhaltende Welle des Vandalismus in Minneapolis erinnert. Damals wurden aber auch Netzwerke ausgebaut, die besonders in der schwarzen Community der Stadt, die unter Polizeigewalt und Armut litt, schon existierten. „Rapid Response“, so erinnert sich Schwesnedl, bedeutete auch damals schon Nachbarschaftswachen. Denn nicht nur Demonstranten verliehen ihrer Wut durch gewaltsame Unruhen Ausdruck. Auch rechte Provokateure waren in der Stadt unterwegs. Gleichzeitig übten Teile der Polizei wie in vielen anderen Städten Vergeltung, indem sie selektiv die Arbeit verweigerten und in manchen Vierteln gar nicht mehr gegen Straftaten vorgingen. Dem begegneten viele Menschen in Minneapolis, indem sie rund um die Uhr Wachen an den Kreuzungen ihrer Wohnviertel postierten. Die Lehren aus dieser Zeit nutzen heute den ICE-Beobachtern. Es gibt Mittel gegen MAGA Dass Homan nun ankündigte, die ICE-Trupps in Minneapolis mittelfristig zu reduzieren, ist für die Organizer keine Entwarnung und kein Zeichen, sich zurückzuziehen. Die Angst von Einwanderern, ob legal oder nicht, wird bleiben, ebenso der Vertrauensverlust unter Staatsbürgern, die nicht weiß sind und die seit Wochen wegen ihrer Hautfarbe oder Sprache drangsaliert werden. Vielleicht werden die Proteste in Minneapolis abflauen, aber die Nachbarschafts-Netzwerke werden weiter Abschiebetrupps beobachten und Essen ausfahren, wenn Einwanderer sich trotz einer vermeintlichen Deeskalation nicht aus dem Haus trauen. Und Trump wird seine Phantasie, „alle“ Einwanderer ohne Papiere (bis zu vierzehn Millionen Menschen) abschieben zu können, vermutlich nicht so schnell fallen lassen. Trump, sein stellvertretender Stabschef Stephen Miller und ihre auf Machtdemonstrationen fixierte Regierung haben in Minneapolis dennoch die Grenzen ihrer Strategie erlebt: Das, was immer mehr Beobachter ein faschistisches Projekt nennen, lässt sich nicht ohne massenhaften Widerstand durchsetzen. Dass diese Grenze immer deutlicher wird, ist den Menschen in Minneapolis, in Chicago, Los Angeles und vielen anderen Orten zu verdanken. Den Widerstand, den Medien zu oft an Massenaufläufen, Oscar-Preisreden und prominenten Namen messen, gibt es in vielen, effektiveren Formen. Und er kann so groß werden, dass MAGA politisch und kulturell in die Defensive gerät. Das heißt nicht, dass Trump und seine Leute nicht erneut versuchen werden, die Grenze, die ihnen im Mittleren Westen gezeigt wurde, zu überschreiten. Aber es bedeutet, dass es Mittel dagegen gibt und dass Trumps und Millers Projekt an den Menschen in Amerika scheitern kann.
