FAZ 20.01.2026
10:25 Uhr

Wider die Selbstaufgabe: Noch ist Europa nicht verloren


Wenn Trump, Putin und Xi eines verbindet, dann Verachtung für Europa. Die EU sollte ihnen nicht auch noch den Gefallen tun, sich selbst aufzugeben. Es ginge auch anders.

Wider die Selbstaufgabe: Noch ist Europa nicht verloren

Eigentlich gibt es aus der Sicht der parlamentarischen Demokratien in der EU in der aktuellen geopolitischen Situation keinen Grund, optimistisch zu sein. Im Inneren realisieren gerade Ungarn, die Slowakei und vielleicht auch bald die Tschechische Republik die düsteren Prophezeiungen des Soziologen Ralf Dahrendorf aus dem Jahr 1992, dass ein neues autoritäres Zeitalter bevorstehe, sollten die Europäer nicht zu den solidarischen Wohlfahrtsstrategien zurückkehren, die die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hatten. Zahlreiche Wahlergebnisse aus den vergangenen Jahren untermauern seine Prognose: Parteien, die ein starkes, autokratisches Führungssystem präferieren und die parlamentarische Demokratie als schwaches System kritisieren, das am „Willen des Volks“ vorbeiregiere, stoßen auf immer größere Zustimmung. Besonders stark sind diese auf einzelne Führungspersonen fixierten autoritären Parteien in ländlichen Regionen oder ehemaligen Industriegebieten, die in der aktuellen Turboglobalisierung auf der Strecke geblieben sind und von tiefgreifenden sozialen Problemen heimgesucht werden. Dass die Gewaltenteilung, die Kontrolle der Exekutive durch das Parlament sowie die Unabhängigkeit der Medien beschnitten wurden, hat diesen Trend bislang nicht gestoppt. Selbst Nepotismus und die Verfolgung oppositioneller Politiker durch eine willfährige Justiz schaffen kein demokratisches Bewusstsein. Daher ist es kein Zufall, dass der staatstheoretische Vordenker des „Führerstaates“ im Nationalsozialismus, Carl Schmitt, nicht nur bei den rechtsradikalen Identitären in Deutschland und Österreich zur Pflichtlektüre gehört. Trump, Thiel, Schmitt Rückgriffe auf die antidemokratisch geprägte Zwischenkriegszeit und das antirepublikanische Denken Schmitts sind auch in den Vereinigten Staaten zu beobachten, wie Reden und Texte des Unternehmers Peter Thiel, der in den 1980er Jahren an der Stanford University Philosophie und Rechtswissenschaften studiert hatte, dokumentieren. Aus der Perspektive des in den USA und Südafrika aufgewachsenen Multimilliardärs mit deutschen Wurzeln, der unter anderem den Wahlkampf des jetzigen amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance finanziert hat, ist die parlamentarische Demokratie längst tot. In dem aktuellen weltpolitischen und kulturellen Konflikt des Westens mit China und den „Antichristen“ wie der Klimaaktivistin Greta Thunberg oder dem kritischen US-amerikanischen KI-Entwickler Eliezer Yudkowsky helfe nur der „absolute Souverän“ Carl Schmittscher Prägung. Der Westen sei geistig und ökonomisch erschöpft, aber die größte Gefahr drohe letztlich von dem Antichristen und nicht von Kriegen oder Rezession. Während im Kalten Krieg die Unterscheidung zwischen parlamentarischer Demokratie und totalitärer Diktatur trotz autoritärer Strukturen im Westen und den USA klar war, verschwimmen diese Grenzen derzeit bis zur Unkenntlichkeit. Tag für Tag dokumentieren Meldungen, wie schnell und nachhaltig der Trumpismus staatliche Institutionen umbaut und selbst der amerikanische Kongress zentrale Kompetenzen nicht mehr wahrnimmt. Die 2007 unterzeichnete Grundrechtscharta der EU ist dagegen im globalen Vergleich ein politischer Solitär, der keine Nachahmung im internationalen Kontext gefunden hat – zumal das Denken und Handeln in diesen Kategorien nicht von wirtschaftlicher Stärke unterlegt ist. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist es den europäischen Unternehmen nicht gelungen, die Innovationen der digitalen Revolution für sich nutzbar zu machen und weltweit zu vermarkten. Alle Technologiekonzerne von Weltrang haben ihren Sitz in den Vereinigten Staaten, von Nvidia über TSMC, Intel, Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon, Oracle und Meta bis zum Firmenimperium von Elon Musk. Vollmundige Ankündigung Die Versuche in Europa, mit diesen technologischen Entwicklungen mitzuhalten, sind dagegen gescheitert wie jene vollmundige Ankündigung des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder aus dem Jahr 2005, eine europäische Internetsuchmaschine namens „Quaero“ zu entwickeln, um Google Konkurrenz zu machen. Das Firmenkonsortium kollabierte 2013 kläglich an kleinlichen Technologiestreitereien zwischen deutschen und französischen Ingenieuren. Viele gemeinsame Rüstungsprojekte haben ein ähnliches Schicksal erlitten, das deutsch-französisch-spanische Kampfflugzeug FCAS könnte das nächste sein. Aber es kann anders gehen, wie die europäische Antwort auf die Konzentration in der US-Flugzeug- und -Rüstungsindustrie in den 1990er Jahren zeigt: Airbus SE, das 2000 als European Aeronautic Defence and Space (EADS) von einem Konsortium aus deutschen, französischen und spanischen Unternehmen gegründet wurde, reüssiert bis heute international. Trotz oder vielleicht wegen zeitweise heftiger Auseinandersetzungen auf der Führungsebene ist der Luftfahrt- und Rüstungskonzern einer der größten der Welt, auf dem Markt ziviler Verkehrsflugzeuge ist Airbus dem amerikanischen Hersteller Boeing mindestens ebenbürtig. Europäische Unternehmen können global erfolgreich sein, wenn sie effizient und transnational zusammenarbeiten und die politischen Entscheidungsträger klare Strukturen vorgeben. Selbst das europäische Bildungssystem ist trotz nationaler Unterschiede im Durchschnitt dem in China noch immer überlegen. Im Vergleich mit den USA schneidet die EU auf dem Feld der Allgemeinbildung nach wie vor besser ab, wird aber in der universitären Spitze zurückgedrängt. Allerdings zeichnet sich in Europa ein Aufholprozess ab, mit dem die gläserne Wand zwischen universitärer Forschung und Privatwirtschaft durchlässiger gemacht werden soll. Der eigentliche Unterschied zwischen der EU, China und den USA liegt in der ökonomischen Anwendung von innovativem Wissen. Ein Beispiel ist die Quantenphysik. Deutsche, österreichische und andere europäische Forschungsteams stehen für wichtige Grundlagenforschung, wofür beispielsweise der Österreicher Anton Zeilinger mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. China und die Vereinigen Staaten liefern sich einen Wettbewerb bei der Anwendung der Forschungsergebnisse. Die chinesische KP nimmt bereits für sich in Anspruch, das Land zu einer Weltmacht in der Quantenkommunikation gemacht zu haben und bis 2030 in der Anwendung an der Spitze zu stehen. Inzwischen ist zumindest die European Space Agency (ESA) auf diesem Feld aktiv geworden. Das strategische Technologiewettrennen findet aber zwischen den USA und China statt, da beide Großmächte verschlüsselte Daten in großen Mengen sammeln und für den Tag der Entschlüsselung mittels neuer Quantencomputer bereithalten. Der Zug abgefahren? Bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz scheint allein aufgrund der Investitionsunterschiede der Zug für die EU abgefahren zu sein. Zu zersplittert sind das private und öffentliche Investitionskapital in diesem Bereich. In den USA stehen 109 Milliarden US-Dollar an Privatkapital für Entwicklung von KI zur Verfügung, in der gesamten EU sind es nur 19,42 Milliarden. Dazu kommt noch die Abhängigkeit europäischer Unternehmen und Forschungseinrichtungen von Cloud-Dienstleistern aus den Vereinigten Staaten sowie Halbleitern aus Übersee. In China wiederum dominieren vor allem im KI-Sektor staatliche Investoren, die mit privatem Risikokapital gemeinsam 2024 bereits zwischen 84 und 98 Milliarden Dollar aufgebracht haben. In Europa hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Februar vergangenen Jahres eine „Invest AI“-Initiative angekündigt, durch die insgesamt 200 Milliarden Euro für KI-Entwicklungen zur Verfügung gestellt werden sollen – private Unternehmen sollen 150 Milliarden zur Verfügung stellen, die EU und die Mitgliedstaaten weitere 50 Milliarden. Passiert ist seither nichts. Dagegen wurden in den USA im vergangenen Jahr 470,9 Milliarden Dollar in diesem Sektor investiert. Ein Blick in die jüngste Wirtschaftsgeschichte zeigt aber, dass es nicht die Summen allein waren, die erfolgreiche wirtschaftliche Transformationen ermöglicht haben. Die eigentlichen Triebfedern waren die Innovations- und Aufbaupsychologie. Das wohl erfolgreichste Investitionsprogramm in der Weltgeschichte war das Marshallplan genannte European Recovery Program (ERP). Heute sind sich die meisten Wirtschaftshistoriker darin einig, dass nicht die 13 Milliarden US-Dollar, das wären inflationsbereinigt heute rund 129 bis 155 Milliarden, allein entscheidend für das europäische Aufbauwunder nach 1948 waren, sondern die psychologische Hilfe zur Selbsthilfe. Ein nicht unerheblicher Teil des Geldes floss in Werbe- und Schulungsmaßnahmen, um den Europäern Mut und psychologische Unterstützung beim Wiederaufbau und dem Ausbau ihrer Volkswirtschaften zu geben und dabei immer wieder die gemeinsame europäische Zusammenarbeit im Kalten Krieg zu betonen. Und heute? Die meisten EU-Bürgerinnen und -Bürger haben nichts von der KI-Initiative der EU-Kommission mitbekommen, sondern versinken in Zukunftsängsten, obwohl es in allen EU-Staaten ein Bildungsniveau und einen Wohlstand gibt wie nie zuvor in der Geschichte. Aber auch dieser historische Rückblick, etwa auf die Zeit nach 1945, ist nicht Teil des europäischen kollektiven Gedächtnisses der Gegenwart. Längst kein Imperium mehr Im Vergleich dazu sind die USA und China deutlich besser gerüstet. Was Donalds Trumps MAGA (Make America Great Again) ist, ist Xi Jinpings Vision des „Chinesischen Traums“. Selbst das ökonomisch schwache Russland, dessen nominales Bruttoinlandsprodukt mit rund 2,17 Billionen Dollar geringer ist als jenes von Italien (2,37 Billionen) und das durch die Kriegswirtschaft weiterhin geschwächt wird, hat sich unter Putin einen neuen nationalistischen aggressiven Großmachttraum verordnet: „Wiederherstellung der Russischen Welt“ („Russki Mir“). Ökonomisch gesehen ist Russland längst kein Imperium mehr. Die europäische Staatengemeinschaft präsentiert sich dagegen nicht nur als Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, sondern auch als Friedensunion – und hat schon angesichts der Kriege im ehemaligen Jugoslawien völlig versagt. Heute fehlt eine transnationale, gemeinsame Erzählung, obwohl jüngste Umfragen des Eurobarometer-Flash 2024 nachhaltig positive Einstellungen gegenüber der EU erkennen lassen. Mehr als 70 Prozent der Europäer votierten bei der Frage nach den Stärken der EU entweder für Achtung der Demokratie, der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit (38 Prozent) oder wirtschaftliche Macht und Handelsmacht (34 Prozent). Auf diesen Erwartungen müssten das Europäische Parlament, die EU-Kommission und der Europäische Rat aufbauen, indem sie starke, zukunftsorientierte Ziele formulieren und kommunizieren. Gerade in den Zeiten der „angry clicks“, der „bad news policy“ und der Fake News gibt es eine Kommunikationsnische, um der Angstindustrie entgegenzutreten, die politisch von außen und von innen angeheizt wird. Allerdings ist es bisher trotz großer Investitionen der EU in den Bereichen Landwirtschaft, Infrastruktur und Industriepolitik nicht gelungen, eine mit dem Marshallplan vergleichbare breite Symbolpolitik zu entwickeln, wohl auch weil die Nationalstaaten dies nicht wirklich gerne sähen. Bestes Beispiel dafür ist Ungarn, das im Falle einer völligen Einstellung der EU-Investitionen in eine veritable Wirtschaftskrise stürzen würde, die wohl weder Russland noch China auffangen könnten. Derzeit sind bereits rund 19 Milliarden Euro an EU-Förderungen und Corona-Hilfen für Ungarn blockiert, da die rechtsstaatlichen Reformen ausbleiben. China bietet im Gegenzug nur Kredite an, deren Zinsen Ungarn ökonomisch endgültig ruinieren würden, da es bereits jetzt mit Inflation, geringem Wachstum und einer schwachen Währung sowie einem steigenden Budgetdefizit kämpft. Die Realität von MAGA und des Chinesischen Traums Wie sieht es mit der Realität von MAGA und des Chinesischen Traums aus? Die Staatsverschuldung in den USA ist enorm, und allein die Zinslast beträgt 2025 970 Milliarden Dollar. Die Inflation bleibt hoch, und damit steigen zur Inflationsbekämpfung die Zinsen. Trumps archaische Hauruck-Zollpolitik wirkt sich negativ auf die Wachstumsprognosen aus. Die chinesische Wirtschaft ist dagegen an der Kaufkraft gemessen etwa 30 Prozent größer als die der USA, die industrielle Basis doppelt so groß, die Stromerzeugung doppelt so hoch, und die Kriegsmarine wird voraussichtlich bis zum Ende dieses Jahrzehnts um 50 Prozent wachsen. China ist auch führend bei neuen Technologien wie Elektrofahrzeugen und bei Atomreaktoren. Aber trotz dieser Zahlen lohnt ein Blick hinter die Propagandafassade: Bis zum 100. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik China 2029 soll die gesamte Bevölkerung wohlhabend geworden sein. Das Monopol der KP bleibt unangetastet, die ihrerseits das sozialistische Ethos ebenso wie das kulturelle Selbstbewusstsein Chinas weiter stärken möchte. Tatsächlich kämpft aber die staatlich subventionierte und kontrollierte Ingenieur-Wirtschaft seit Längerem mit einer gigantischen Immobilienblase und hoch verschuldeten Baukonzernen sowie fallenden Preisen und endemischer Korruption. Hinzu kommt eine hohe Verschuldung der Gemeinden und Provinzen sowie staatlicher Unternehmen. Der private Konsum bleibt gleichzeitig schwach. Aufgrund massiver Überkapazitäten drängt China mit staatlich gestützten Niedrigpreisen auf die internationalen Märkte. Während die Bevölkerung infolge der Ein-Kind-Politik Mao Tse-tungs und fehlender Einwanderung schrumpft, ist die Jugendarbeitslosigkeit bei 16- bis 24-Jährigen im Oktober 2025 auf 17,3 Prozent gestiegen. Die soziale Kluft zwischen boomenden Zentren sowie einzelnen Regionen und ländlichen Gebieten bleibt nach wie vor groß. Ob China trotz innerer Schwächen und Krisensymptome Vorreiter der Turboglobalisierung sein wird wie einst England im 19. Jahrhundert und die USA im 20. Jahrhundert, ist alles andere als sicher. Aufgrund der ökonomischen Großwetterlage und des Aggressionskrieges Russlands gegen die Ukraine und der Schwäche der USA ist das Wirtschaftswachstum in der EU niedrig, ebenso die Produktivität. Im Energiesektor kämpft Europa mit hohen Preisen und der Umstellung auf erneuerbare Energie, die zunehmend von China forciert wird. Dazu kommen der demographische Wandel und steigende Pensionslasten, Ängste vor Migrations- und Fluchtbewegungen und immer neue Drohungen Russlands. Trotzdem ist die EU dank der Vorteile eines großen Binnenmarkts nach vor die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, und noch blicken mehr als die Hälfte der Europäer optimistisch in die Zukunft der EU. Genau in dieser positiven Richtung sollten künftig alle europäischen Institutionen arbeiten: Zentrale Entscheidungen müssen schneller und einfacher getroffen werden, die überbordenden Regularien sollten zurückgefahren, die europäischen Gesetze zielgerichteter werden. Mehr als nur Lippenbekenntnisse Mehr Optimismus, klare Ziele und weniger bürokratische Hindernisse für Innovationen in allen Bereichen, von der Verwaltung über die Wirtschaft bis hin zur Anpassung des Bildungswesens an die digitale Revolution: Auf diesen Feldern geht es nicht um Kompetenzen, sondern um politische Konzepte und gemeinsame Kommunikationsstrategien von europäischen Institutionen und Nationalstaaten. Und wer hier nicht mitmachen will, sollte die EU verlassen. Gleichzeitig braucht es endlich nicht nur Lippenbekenntnisse zur globalen Außenpolitik und zu strategischen Partnerschaften, sondern konkrete Vereinbarungen – vor allem mit dem globalen Süden, um dort die Abhängigkeiten von China und den USA zu reduzieren und den Aggressor Putin-Russland zu isolieren. Gäbe es einen europäischen Henry Kissinger, hätte dieser die EU längst davon überzeugt, mit allen ökonomischen Mitteln Indien und Brasilien von der Finanzierung der russischen Kriegswirtschaft durch Ankauf russischer Waren und russischen Erdöls abzubringen. Selbst mit China hätte eine derartige Strategie vor dem Hintergrund der dortigen ökonomischen Probleme wenigstens erwogen werden können. Warum soll nur Trump Deals anbieten können? Aufrüstungspolitik ohne strategische Konzepte der Intensivierung der Sanktionen gegen Russland wird den blutigen Krieg in der Ukraine nicht beenden. Im Kalten Krieg beispielsweise haben die Ostpolitik von Brandt/Scheel und die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) wesentlich zu der Erosion der kommunistischen Regime beigetragen – trotz Skepsis und Kritik aus den USA. Das Ende des Kalten Krieges ist nicht nur dem NATO-Doppelbeschluss und der Rüstungspolitik unter Ronald Reagan zu verdanken. Zu einem neuen strategischen Denken inmitten der digitalen Revolution gehört strategisches wirtschaftliches Denken und damit eine Abkehr von der Politik, zentrale Produktionskapazitäten aus Kostengründen in Regionen außerhalb Europas zu verlagern. Völlig blauäugig waren die Europäer (wie die Amerikaner) auch bei den sogenannten Seltenen Erden, die eine wesentliche Basis für die Chipindustrie darstellten. Beide Regionen wurden von China ausgebremst. Das jüngste Abkommen zwischen der EU und Südafrika über Mineralien und Metalle gibt Hoffnung, aber es bedarf noch wesentlich mehr Wirtschaftsverträgen mit möglichst vielen Staaten des globalen Südens, um die Versorgung Europas mit Rohstoffen zu sichern. Die EU braucht trotz ihrer wirtschaftlichen Größe Partner, um im immer brutaler werdenden globalen Wettbewerb zu bestehen. Doch während China Afrika mit einem System aus teuren Bauprojekten mit chinesischen Arbeitskräften und mit neokolonialer Ausbeutung von Rohstoffen überzogen hat, haben sowohl die europäische Privatwirtschaft als auch EU-Entscheidungsträger diesen Kontinent völlig außer Acht gelassen. Auch im Kalten Krieg haben die Europäer auf wirtschaftlicher und kultureller sowie wissenschaftlicher Ebene mit kommunistischen Diktaturen zusammengearbeitet, ohne aber die Frage nach der Achtung der Menschenrechte aufzugeben, Oppositionsbewegungen aufzugeben und die ideologische Auseinandersetzung einzustellen. Diese Doppelstrategie der „friedlichen Koexistenz“ ist heute wieder in den Beziehungen mit totalitären und autoritären Staaten gefragt, um militärische Konflikte oder gar eine atomare Auseinandersetzung zu verhindern. Derartige strategische Ziele sind leider 1989/1991 verloren gegangen, da der Westen in seiner Überheblichkeit dachte, die Demokratie und der Turbokapitalismus wären überall auf dem Siegeszug – eine groteske Fehleinschätzung. China, Russland und die USA als die drei großen Imperien, die momentan neuerlich in einer Art drittem Kalten Krieg um die Weltherrschaft ringen, eint inzwischen die gemeinsame Verachtung Europas. Mit seinen rechtlich fundierten Wertesystemen und demokratischen Prozessen gilt es ihnen als ein zum Verschwinden bestimmtes Relikt der Vergangenheit. Aber liegt nicht darin die Stärke von Demokratien, sich besser neuen ökonomischen und politischen Herausforderungen zu stellen, anstatt alle Schwierigkeiten und Krisensymptome unter den autoritären Propaganda-Teppich zu kehren? Die kommunistische Sowjetunion und der Ostblock sind letztlich auch daran zerbrochen. Mehr als 25 Jahre für ein Abkommen Durch eine eigene, solidarische Strategie hätte die EU durchaus geopolitisch wirkungsmächtige Möglichkeiten, den bisher meist vernachlässigten globalen Süden stärker an die EU heranzuführen und die eigene koloniale Vergangenheit durch konkrete gemeinsame Zukunftsprojekte aufzuarbeiten. Bisher hat diese Strategie manch guten Ansätzen zum Trotz nicht funktioniert. So ist es erst nach mehr als 25 Jahren gelungen, ein Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Lateinamerikas zu schließen, vorausgesetzt, das Europäische Parlament stimmt im März 2026 zu. Das CETA-Abkommen mit Kanada und damit mit einem Land, das der EU demokratiepolitisch und ökonomisch näher steht als die USA, ist seit neun Jahren nur vorläufig wirksam – und das, obwohl es die einseitigen ökonomischen Abhängigkeiten reduzieren und Wirtschaftswachstum in Europa fördern würde. Zwar sind fast 98 Prozent der Zölle gesunken, und der Handel boomt, aber der wechselseitige Investitionsschutz, Finanzdienstleistungen sowie Steuern liegen auf Eis. Seit der Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der EU-Staaten zu dem Mercosur-Abkommen ist auch wieder von einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien die Rede – hoffentlich nicht erst nach nochmals 25 Jahren. Und wo bleibt der globale strategische Wirtschaftsplan der EU mit Blick auf Afrika? Mit einer globalen Wirtschaftsdiversifizierungsstrategie hätte die EU die Chance, die zu starke Abhängigkeit von den USA und von einer völlig unberechenbaren Trump-Regierung zu reduzieren, die Aggression Russlands in der Ukraine zu beenden und künftige Aggressionen zu verhindern. Aber dazu bedarf es mehr als Binnenmarktdenken und zahlloser Regulierungen. Nötig sind neue visionäre strategische Konzepte, die nicht auf Machtpolitik oder Militärallianzen aufbauen, sondern auf einer gemeinsamen sozialen und ökonomischen Zukunft inmitten einer fast schon unkontrollierten Turboglobalisierung, die die Menschheit zunehmend lähmt, durch Ängste blockiert sowie Demokratie und Achtung der Menschenrechte ernsthaft gefährdet. Sicherheitsstrategisch muss sich die EU damit abfinden, dass die Trump-Regierung die Europäer als „Schmarotzer“ auf Regierungsebene eingestuft hat, die eigentlich nichts militärstrategisch mitzureden haben und nur für die NATO zahlen sollen. Mit seiner darwinistischen Außenpolitik bestätigt Trump aber letztlich China und Russland in ihrer geopolitischen Strategie, da beide ebenfalls das Recht des Stärkeren auf ihrer Seite wissen und sich nicht um Völkerrecht oder friedliche Konfliktbeilegung scheren. Es ist daher an der Zeit, zusätzlich eine eigenständige „Europäische Verteidigungsgemeinschaft“ unter Einschluss Großbritanniens ins Auge zu fassen, um sich militärtechnologisch und strategisch aus der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu lösen. Freilich ist die militärische Integration Europas heute wie beim Scheitern des ersten Versuchs im Jahr 1954 eine auch emotional noch heiklere Angelegenheit als die Forderung nach einer starken politischen europäischen Integration. Um auf die Ausgangsthese und die Zukunft Europas in der aktuellen Weltunordnung zurückzukommen: Letztlich bleibt die soziale Inklusion, wie Ralf Dahrendorf betont hat, die zentrale Stärke Europas und der Demokratie. Nur soziale Institutionen schaffen Wohlstand für breitere Schichten in der Gesellschaft und setzen gleichzeitig innovative Kräfte zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung frei, wie dies die Wirtschaftsnobelpreisträger 2024, Daron Acemoğlu, Simon Johnson und James A. Robinson, auf der Basis ihrer Langzeitstudien seit der Zeit des Kolonialismus vom 16. Jahrhundert an nachgewiesen haben. Selbst der Aufstieg Chinas zur globalen Wirtschaftssupermacht geht auf die Öffnung und Übernahme dieser Ansätze zurück, wohingegen politischer Interventionismus und die brutale Unterdrückung demokratischer Partizipation durch die KP dieses Erfolgsmodell gefährden. So prophezeit ein anderer Nobelpreisträger, der Ökonom Paul Krugman, eine Ära der Stagnation und Enttäuschung und letztlich ein Scheitern des chinesischen Modells, das immer restriktiver und innovationsfeindlicher wird. Dann werden die liberalen Demokratien vor ihrer größten Herausforderung stehen. Sie erfordert schon jetzt ein neues geostrategisches, visionäres Denken.