FAZ 19.11.2025
17:36 Uhr

„Wicked: Teil 2“ im Kino: Es herrscht ein Faschist im Lande Oz


Die opulente Musicalverfilmung „Wicked“ geht in die zweite Runde. Als Hexen Elphaba und Glinda singen die Hauptdarstellerinnen Cynthia Erivo und Ariana Grande auch neue Songs. Bringt die Fortsetzung ein befriedigendes Ende?

„Wicked: Teil 2“ im Kino: Es herrscht ein Faschist im Lande Oz

Der Bau des gelben Ziegelsteinwegs ist fast vollendet, die böse Hexe treibt in den himmlischen Sphären von Oz ihr Unwesen. Zumindest, wenn man der Propaganda des Zauberers glauben mag. „Wicked: Teil 2“ schließt ziemlich nahtlos an den ersten Teil an, der im vergangenen Dezember erschienen ist und an den Kinokassen eine Rekordsumme von mehr als 750 Millionen Dollar einspielte. Mit zehn Oscarnominierungen legt Teil eins die Messlatte hoch. Und dem zweiten Akt des Musicals, auf dem der Film basiert, wird gemeinhin nachgesagt, schwächer als der erste zu sein. Was trägt sich nun zu im Lande Oz? Die Tiere flüchten vor den Repressalien des Zauberers. Ihnen wurde die Sprache genommen, sie sind keine gleichberechtigten Bürger mehr. Weniger Klamauk, mehr Ernsthaftigkeit Die zur PR-Marionette des Zauberers verkommene Glinda, mit engelsgleicher Stimme verkörpert von Ariana Grande, setzt alles daran, in der Smaragdstadt den Schein zu wahren. An ihrer Seite der aus der Historienkitsch-Serie „Bridgerton“ bekannte Jonathan Bailey, der als Fiyero in „Wicked“ ganz hinreißend gleich zwei Hexen die Aufwartung macht. Und natürlich Cyn­thia Erivo, die auch hier wieder mit Leichtigkeit die schwierigsten Töne trifft, in der Rolle der grünen Hexe Elphaba, die sich für die Tiere einsetzt und als böse Hexe des Westens diffamiert wurde. Trotz der stattlichen Länge von rund zweieinhalb Stunden ist die Fortsetzung kurzweiliger als der erste Teil, der sich viel Zeit fürs „Worldbuilding“ ließ und erst im zweiten Drittel so richtig Fahrt aufnahm. Die Fortsetzung kommt ernster daher, weniger leichtfüßig, hält sich aber weiterhin eng an die Bühnenfassung des Musicals „Wicked – Die Hexen von Oz“ von Stephen Schwartz. Das Bühnenstück basiert auf dem 1995 erschienenen Buch von Gregory Maguire, das die Vorgeschichte zum Kinderbuchklassiker „Der Zauberer von Oz“ (1900) von L. Frank Baum erzählt. Die Originalgeschichte wiederum fand vor allem dank der Kinofassung von 1939 mit Judy Garland in der Hauptrolle des Mädchens Dorothy Eingang in die amerikanische Kulturgeschichte. Neue Songs für Elphaba und Glinda Erweitert wird die Musicalfassung für die Leinwand nun um zwei neue Songs. Elphaba singt „No Place like Home“, um die Tiere davon zu überzeugen, trotz aller Widrigkeiten in Oz zu bleiben. Und Glinda fragt sich in „The Girl in the Bubble“, wo das Sein hinter dem Schein steckt. Gebraucht hätte der Film diese doch eher blass bleibenden Beigaben nicht. Zwar liefert die Fortsetzung keine Showstopper wie „Defying Gravity“, die Liebeshymne „As long as you’re mine“ und die Ode an die Freundschaft „For Good“ können musikalisch trotzdem mithalten. Besonders eindrücklich ist die in einer Schlossruine vorgetragene Selbsterkenntnis „No Good Deed“, in der Elphaba sich schwört, niemals mehr Gutes zu tun, weil sich all ihre gut gemeinten Handlungen ins Gegenteil verkehrt haben. Auch die Sprachspiele, die man zu Beginn des ersten Teils irrtümlicherweise als Übersetzungsfehler verstehen konnte, finden sich in Teil zwei wieder. So ist Glinda „überwältiglicht“, als Madame Akaber (englisch: Madame Morrible) ihr einen „sphärischen Transportglobulus“ überreicht: eine riesige rosafarbene Seifenblase, mit der sie sich fortbewegen kann. Denn Glinda verfügt immer noch nicht über Zauberkräfte. Oscarwürdige Kostüme und Kulissen Akaber (Michelle Yeoh) ist die eigentliche Antagonistin des Films, kalkulierend und bitterböse wie eh und je. Der Zauberer, wunderbar leicht vertrottelt gespielt von Jeff Goldblum, erweist sich abermals als Versager, der eigentlich gar nichts auf dem Kasten hat. Und Elphabas Schwester Nessarose ist nach dem Tod des Vaters zur tyrannischen Gouverneurin von Manschkinland aufgestiegen. Die Beziehung zu Moq ist deutlich abgekühlt, den Manchkins und Tieren verwehrt die liebeskranke Despotin die Reisefreiheit. Das Musicalepos des amerikanischen Regisseurs Jon M. Chu übertrumpft sich auch in Teil zwei wieder selbst mit opulentem Design, quietschbunten Farben und Kostümen in Steampunk-Optik. Die sich wie Stalagmiten in die Höhe schraubenden giftgrünen Türme der Smaragdstadt und das Manschkinland mit dem eigens für den Film gepflanzten Tulpenfeld sind als Kulissen schon aus dem ersten Film vertraut. Für das Szenenbild von Nathan Crowley und die Kostüme von Paul Tazewell hat der Vorgängerfilm bereits zwei Oscars gewonnen, beide sind abermals für die Ausstattung verantwortlich. Mit Glitzer, Glanz und Gloria gegen das Böse Nun schlägt Teil zwei düstere und mystischere Töne an. Elphaba, die sich wie eine Waldnymphe in einer von Glühwürmchen beleuchteten Baumkrone versteckt, erhebt sich später zur Königin einer Schlossruine in brauner Ödnis, durch die dunkler Nebel wabert. Fast, als fliege sie nach Mordor, zu einer romantisierten Version von Tolkiens Reich der Finsternis. Allerdings wirkt das alles dann doch zu glatt poliert, zu schön. „Wicked“ kommt als glitzerndes amerikanisches Märchen daher, unter dessen Oberfläche eigentlich so viel Bedeutenderes liegt. Vor allem die Ausgrenzung der Tiere führt im zweiten Teil noch einmal deutlicher vor Augen, worum es in „Wicked“ eigentlich geht. Es herrscht ein Faschist im Lande Oz, der einen Sündenbock sucht und geflügelte Affen als Spione hält. Das bedeutet: Gefangenschaft, Flucht, Zensur und Propaganda. Die Flugblätter, die immer wieder im Film zu sehen sind, stilisieren Elphaba zur rachsüchtigen weiblichen Monstrosität. Beim „Marsch der Hexenjäger“ macht sich der Mob schließlich auf, die böse Hexe zu töten. „Weil sie jemanden brauchen, der böse ist, damit du gut sein kannst“, sagt Elphaba zu Glinda, die in der Fortsetzung die größte Charakterentwicklung durchmacht. Am Ende ist „Wicked“ eine Geschichte, die vom Dualismus zwischen Gut und Böse erzählt. Eine Geschichte, die mit Glitzer, Glanz und Gloria etwas überfrachtet scheint, aber mit ihren ruhigen Momenten ein durchaus befriedigendes Ende findet.