Es ist kein Raumschiff, unter das man im sechsten Stock des Whitney Museums treten kann, wenn sich die Fahrstuhltüren öffnen. Doch das ist eine der Assoziationen, sie sich aufdrängen unter dem blauen, runden Firmament der sich drehenden Videoinstallation „Pandemonium“ von Michelle Lopez aus Philadelphia. Ein Himmel muss es wohl sein, und unablässig regnet es im Video Zeitungen, Dokumente, ist das ein Schnipsel der Unabhängigkeitserklärung? Schon ist er weg, und es dauert nicht lange, bis beim Blick nach oben ein leichter Schwindel einsetzt. Nicht ganz unpassend für die Whitney-Biennale, die Schau, die nach dem Stand der Kunst in den USA fragt, zufällig im 250. Jahr der Nation. Die 82. Ausgabe kommt diesmal ganz ohne Titel aus, und auf einen erkennbaren gemeinsamen Nenner, auf den sich die Werke bringen ließen, verzichtet man auch. Dennoch will das Museum am Westufer Manhattans einen Überblick über relevante Arbeiten der Gegenwart bieten. Besonders viele der 56 Künstler und Kollektive befassen sich laut den Kuratoren Marcela Guerrero und Drew Sawyer mit der Existenz des Menschen in Beziehung, in Verwandtschaften und Wahlverwandtschaften – eine Beschreibung, die auch auf vorige Ausgaben der Biennale gepasst hätte. „Spannungen, Zärtlichkeit, Humor und Unruhe“ Diesmal konzentriere man sich allerdings weniger auf „definitive Antworten“, denn im Gespräch mit den Künstlerinnen und Künstlern sei es immer wieder um das Bedürfnis gegangen, Zwischentöne auszuloten, sagte Sawyer bei der Vorschau der Ausstellung. Die Zuschauer seien eingeladen, sich einzulassen auf „Umgebungen, die Spannungen, Zärtlichkeit, Humor und Unruhe evozieren“, heißt es im Begleittext. Tatsächlich sind all diese Elemente auf den zwei Etagen der Schau zu finden. Gleich zu Beginn überrascht ein großformatiges Video des Duos Kekahi Wahi aus Honolulu. Sancia Miala Shiba Nash und Drew K. Broderick setzen eine Gymnastikstunde vor einem weißen Monument in Szene, überschrieben mit bunten Schriftzügen, Neonherzchen und Flaggen, die über die Leinwand laufen. Das Denkmal an der Kealakekua Bay auf Hawaiis Big Island ehrt den britischen Offizier James Cook, der laut der Inschrift im Jahre 1770 „diese Inseln entdeckt“ habe. Doch das Werk von Nash und Broderick soll an Chief Kalani’ōpu’u erinnern, der hier 1779 der Entführung durch Cook entkommen sei. Vor der Touristenattraktion vollführen junge Frauen und Männer in knappen, bunten Aerobicanzügen Sit-ups und Dehnübungen. Immer wieder werden die Sportler, deren Körpern die Kamera sehr nahe kommt, vor historische Gemälde montiert, Schlachtszenen, Märsche. Das 2024 gefilmte Werk, das einfach „20-Minute-Workout“ heißt, ist durchaus lustig, die satirische Aneignung des Ortes wird aber erst durch den Begleittext verständlich. Nichts auf den ersten Blick vermitteln müssen die großen, sattfarbigen Arbeiten von Teresa Baker, die die Fläche nebenan einnehmen. „The Harvest Melting on Our Tongue“ hängt von der Decke, eine tiefblau-violette Stoffarbeit, deren Unterteilung an einen Horizont denken lässt, ihn aber nicht abbildet. Baker stammt von den indigenen Völkern der Mandan und Hidatsa aus North Dakota ab und lebt in Kalifornien. Ihr Werk befasst sich mit der Beziehung zur Natur und der kolonialen Geschichte des Landes, ohne erkennbare Didaktik. Bakers raumgreifende Arbeiten aus Kunstfellstücken, Teppichfragmenten und Holz wirken für sich, unterlaufen aber auch kolonial geprägte Formen von Landschaftsdarstellung. Zerstörung und Trauer Eine völlig andere Stimmung entsteht direkt neben ihren Arbeiten durch einen riesigen aufblasbaren Narrenkopf von Pat Oleszko, der an Karnevalsumzüge oder die New Yorker Thanksgiving-Parade denken lässt und den Raum bis zur Decke ausfüllt. „Blowhard“ war erstmals 1995 auf der World Trade Center Plaza zu sehen. Nun erinnert das Werk auch an die überraschende Leichtigkeit, die trotz der Bürohektik vor der Zerstörung der Türme im Sommer zwischen ihnen herrschen konnte. Verlust und Trauer sind wie heimliche Themen, die sich durch die Ausstellung ziehen, vielleicht ganz passend für eine Schau, die den Puls der Kunst in Amerika im Jubiläumsjahr fühlt. Draußen auf der Terrasse läuft man auf einen Ofen mit Schornstein aus Glaskacheln zu, der einsam in der Landschaft steht; das Haus, das einmal da war, ist nicht mehr. So standen nach dem Feuer in Los Angeles vergangenes Jahr viele Öfen und Schornsteine als einzige Überbleibsel. Kelly Akashi erinnert sich mit „Monument“ an ihr verlorenes Heim in Altadena – und mit „Imprints“, filigranen Papierarbeiten hinter Glas, an die Spitzendecken ihrer Großmutter, die im Feuer verloren gingen. Drinnen verbreiten ein paar wie Zombies aussehende Skulpturen auf andere Art düstere Stimmung: Isabelle Frances McGuire fühlte sich durch die Geschichte der Hexenverfolgung in Salem zu Figuren inspiriert, die sie „Satan in America and Other Public Evils: Experiments in Public Sculpture“ nannte. Für die Umrisse verwendete die 1994 in Texas geborene Künstlerin Computertomographien sowie Modelle aus dem Videospiel „Doom“. Die Plastikzombies scheinen von einem namenlosen Unheil zu künden. Säkulare Altäre als Skulpturen queerer Identität Mit großer Zärtlichkeit nähert sich indessen das Werk des in Puerto Rico geborenen New Yorkers Agosto Machado den Verlusten seines Lebens. Fotos, Masken, bunte Alltagsgegenstände sind auf seinen Altären zu sehen. Knete, Streichholzbriefchen oder Sticker werden zu bunten Schreinen, die von einem Menschenleben übrig blieben. Machado, der schon in den Siebzigern Teil der Kunstszene von Downtown war, hat mit den Andachtsorten Skulpturen spiritueller, queerer Identität geschaffen, die das Heilige und das Profane verbinden. Seit den Achtzigerjahren wurden die Altäre auch zu Symbolen gegen die Ausgrenzung HIV-Infizierter. Spuren von Trauer könnte man durchaus auch in den Arbeiten lesen, die sich mit Künstlicher Intelligenz und der Beziehung des Menschen zu ihr befassen. „CULTUS“ etwa, eine 2023 entstandene Video- und Skulptureninstallation von Zach Blas, zeigt die KI als eine Art Religion, der in einer tempelartigen Umgebung aus LED-Lichtern und geometrischen Formen gehuldigt wird. Die Biennale begrenzt sich weder, was das Alter der Künstler, noch was den Entstehungszeitraum der Werke angeht. Auch geografisch ist der Rahmen weit gesteckt: Künstler aus 25 amerikanischen Bundesstaaten stellen aus, aber auch solche aus Chile, Afghanistan oder Vietnam – Orte, die von Machtausübung der USA betroffen sind, wie die Kuratoren erklären. Die Definition von amerikanischer Kunst wird absichtlich geweitet und verkompliziert. Manch einer wird diese Schau vielleicht ein wenig ratlos verlassen. Erste Kritiker nannten sie schwach und „ruderlos“. Die Frage, was eine Biennale ohne Titel und erkennbaren Schwerpunkt über den Stand der Kunst in Amerika aussagt, ist berechtigt. Viele der Werke scheinen zu zeigen, dass Trauer und Zweifel die Kreativität vieler Künstler prägen, die sich heute mit sich und mit Amerika auseinandersetzen. Je näher der Unabhängigkeitstag und das Jubiläum rücken, desto grandiosere und lautere Töne wird man aus Washington hören. Eine leisere Biennale kann vielleicht einen kleinen Kontrapunkt dazu setzen. Whitney Biennial 2026. Whitney Museum of American Art, New York; bis zum 23. August. Der Katalog kostet 50 USD.
