Es gibt solche und solche Pinguine in der Antarktis: Einer folgt seiner Kolonie zum Südpolarmeer. Da findet er Fische, auch kleine Krebse, sogenannten Krill. Aber es gibt auch einen anderen. Der watschelt plötzlich in die entgegengesetzte Richtung. Nur einmal blickt er zu seinem Kollegen zurück. Doch sein Ziel hat er am anderen Ende der Eiswüste ausgemacht: die Berge, gut 70 Kilometer weit weg. Sie sind, so heißt es, sein sicherer Tod. Weswegen Werner Herzog fragt: „But why?“ Diese Szene ist Teil eines Dokumentarfilms des damals 64 Jahre alten Regisseurs. Der mehrfach preisgekrönte Bayer („Fitzcarraldo“, „Lektionen in Finsternis“) ist für derlei Fallstudien bekannt. Auch seine 99-minütige Antarktisanschauung mit dem Titel „Begegnungen am Ende der Welt“ wurde für einen Oscar nominiert. Das war 2009. Gewonnen hat er damals nicht. Der Film lief unter der Rubrik „Independent“, auf gut Deutsch gesagt: die Nische. Viele kümmerte es nicht. Der Pinguin ist zum Meme geworden Erst heute, anderthalb Jahrzehnte später, erreicht das Leben (und Sterben) des Pinguins Bekanntheit. Auf der Plattform Instagram hat ein elfsekündiger Videoschnipsel der Doku mehr als sechs Millionen Aufrufe. „Ich kann diesen Moment, als er sich umdrehte und hinausschaute, seit Tagen nicht aus meinem Kopf bekommen“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer antwortet: „Manche Reisen beginnen dort, wo die Menge endet.“ Beide Kommentare sammeln Hunderte Likes. Wenn etwas aus dem Nichts so trendet, stellt sich wieder die Frage: „But why?“ Klar: Herzogs Versuch zu verstehen, was Pinguine treiben, hat eine philosophische, weil menschliche Qualität. Sie handelt von einer im Ganzen stets schleierhaften Entscheidungsfindung: der Art und Weise zu leben. Mehr oder weniger selbstbestimmt. Und mehr oder weniger gut. Dass die Frage nach einem „guten Leben“ auch die Gen Z befällt, ist insofern weniger seltsam als vielmehr logisch. Sie ist zeitlos. „Wir müssen uns einen glücklichen Pinguin vorstellen“, spielt so auch ein anderer Nutzer auf eine Zeile aus Albert Camus’ lebensbejahendem „Mythos des Sisyphos“ an. Ein anderer Clip desselben Stoffs wird mit Friedrich Nietzsche überschrieben: „Ich kenne keinen besseren Lebenszweck, als beim Versuch des Großen und Unmöglichen zu Grunde zu gehen.“ Darunter tapst er wieder, der Pinguin, sei er nun nihilistisch oder nicht. Die Sinnfrage einer ganzen Generation ist ein möglicher Erklärungsversuch. Romantisieren lässt sich der Pinguin gut, weil der Protagonist an sich und der Welt verstirbt. Der irre Vogel taugt als postmoderner Werther. Beinahe menschlich Eine andere Theorie ist klarer und kürzer: Pinguine faszinieren. Wie sie da über das Eis wackeln, die Flügelflossen flabbern wild umher, zum Fliegen genügen sie zwar nicht, aber da hängen die Ärmchen nun einmal trotzdem am verletzlichen Körper. So lächerlich-lustig Pinguine sind, wirken sie beinahe menschlich. Und dennoch: Was bei all der Pinguin-Euphorie in den sozialen Medien unbeantwortet bleibt, ist die Frage: Ja, warum? Selbst wenn man den einsamen Irren einfinge und zurückbrächte, begäbe er sich wieder auf seinen Weg, sagt der Pinguin-Forscher David Ainley in Herzogs Dokumentarfilm. Dessen Einlassung ist in vielen Social-Media-Fetzen oft gar nicht mehr zu hören, der Naturforscher wirft sie aber nichtsdestotrotz ganz thetisch ein: Verstehen kann sie der Zuschauer nicht. Nun sagt die Wissenschaft, manche Pinguine würden von einem Parasiten befallen, so der Redakteur des Wissenschaftsmagazins „Geo“, Lars Abromeit, auf dem magazineigenen Instagram-Kanal. Der kleine Irrläufer sei mitnichten selbstbestimmt, sondern nur ein unglücklicher Fall. Das Phänomen habe Abromeit auf seinen Reisen schon bei anderen Pinguinen gesehen. Erklärt habe ihm das Verhalten übrigens eben jener David Ainley, der auch in Werner Herzogs Film spricht. Adeliepinguine, wie auch der „Herzog-Pinguin“ einer sei, verfügten per se über einen phantastischen Orientierungssinn, sagt Abromeit: Sie besäßen „eine Art inneren Kompass“. Der Pinguin, das wäre damit klar, wurde womöglich nur getäuscht. „Sie glauben aber, sie laufen in die richtige Richtung.“ Tatsächlich watschelten sie wegen des Parasiten in den Tod. Vielleicht ist das mit sozialen Medien nicht gerade kompatibel. Vielleicht aber deshalb auch die bislang beste Antwort auf die seit knapp 20 Jahren offene Frage: „But why?“
