FAZ 19.01.2026
17:28 Uhr

Werkzeuggebrauch bei Tieren: Wenn die Kuh zum Besen greift


Bisher war der komplexe Gebrauch von Werkzeugen nur von Schimpansen bekannt. Nun zeigt ein Rindvieh aus Österreich: Kühe sind nicht zu unterschätzen.

Werkzeuggebrauch bei Tieren: Wenn die Kuh zum Besen greift

Schon vor 44 Jahren sagte der Cartoonist Gary Larson voraus, dass Kühe Werkzeuge nutzen – und dennoch scheint er die Tiere dabei unterschätzt zu haben, wie eine österreichische Kuh namens Veronika nun belegt. Im Jahr 1982 veröffentlichte Larson nämlich den Cartoon „Cow Tools“. Zu sehen ist eine Kuh. Grimmig dreinschauend steht sie aufrecht vor einem Tisch, auf dem – wie der Titel andeutet – allerhand Kuh-Werkzeuge drapiert sind: eine Art rustikale Handsäge, ein Stock und zwei weitere, undefinierbare Objekte. Obwohl der Cartoon zu Larsons abstrusem und surrealem Stil passte, ärgerten sich viele Leser. In Briefen forderten sie Larson auf, den Witz dahinter zu erklären. Es wurden so viele, dass der Cartoonist sich schließlich veranlasst sah, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen. „Cow Tools“ sei eine bloße „Übung in Albernheit“ gewesen. Er habe zwar noch nie eine Kuh getroffen, die Werkzeuge herstellen könne, aber wenn es so käme, wären diese Werkzeuge – da sei er sich sicher – „nicht besonders ausgeklügelt“. Mehr als bloßer Werkzeuggebrauch Auftritt Veronika. Die Kuh lebt bei Landwirt Witgar Wiegele im österreichischen Kärnten. Dort muss sie laut einer Pressemitteilung weder Milch geben, noch ist sie wegen ihres Fleisches zur Schlachtung vorgesehen. Wiegele halte sie als Haustier ohne direkten Nutzen. Schon vor über zehn Jahren fiel ihm auf, dass Veronika manchmal einen Stock nahm, um sich zu kratzen. Dass dahinter ein ungewöhnliches Verhalten für Kühe – ja sogar für Tiere an sich – steckte, fiel erst auf, als die Verhaltensbiologin Alice Auersperg von der Universität Wien Aufnahmen davon zu Gesicht bekam. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Antonio Osuna-Mascaró fuhr sie zu Veronika, um eine Reihe von Tests durchzuführen. Die Forscher legten der Kuh einen Besen hin und filmten sie anschließend. Veronika nahm den Besen auf, um sich zu kratzen. Sie nutzte ihn also im Sinne der Verhaltensbiologie als Werkzeug. Schon das wäre besonders, denn von Rindern war derartiges Verhalten noch nicht bekannt. Aber da kam noch mehr. Die beiden Enden des Besens Um sich am Rücken zu kratzen, nutzte Veronika vornehmlich das borstige Ende des Besens. Wollte sie jedoch an weiche und empfindliche Bereiche ihres Unterkörpers wie etwa ihren Bauch ran, drehte sie das Werkzeug um und verwendete den glatten Stil des Besens. Während sie sich am Oberkörper mit weiten, kräftigen Bewegungen kratzt, verfährt sie am Unterkörper langsam, vorsichtig und kontrolliert. Diese „unerwartete“ Beobachtung zeige, dass die Kuh das Werkzeug flexibel und vielseitig einsetze, schrieben die Forscher im Fachmagazin „Current Biology“. Zwar verwenden auch andere Tiere Werkzeuge. Krähen etwa können sich mit Drähten Futter angeln. Entscheidend bei Veronika ist aber, dass die Verwendung beider Enden des Besens die Nutzung eines Mehrzweckwerkzeugs darstelle, „bei dem die unterschiedlichen Eigenschaften eines einzigen Objekts für verschiedene Funktionen genutzt werden“, schreiben die Wissenschaftler. „Ein vergleichbares Verhalten wurde bisher nur bei Schimpansen durchgängig dokumentiert.“ Die besonderen Lebensumstände der Kuh Veronika Das Rind – eine heimliche Intelligenzbestie? In jedem Fall zeugt die Studie von einem Potential, das die Tiere haben, das aber nur in besonderen Fällen wie dem von Veronika zutage treten kann. Im Vergleich zu ihren Artgenossen hat sie ein langes Leben und eine vielseitige Umgebung, in der sie sich ausprobieren kann. „Die Möglichkeiten von Rindern, werkzeugorientiertes Verhalten zu zeigen, sind wahrscheinlich durch die kargen Umgebungen eingeschränkt, die für viele Tierhaltungssysteme typisch sind und in denen selten Gegenstände vorhanden sind, die solche Handlungen ermöglichen“, heißt es in der Studie. Die Forscher sind nun auf der Suche nach ähnlichen Verhaltensweisen bei Nutztieren, die bisher unbemerkt geblieben sind. So wollen sie die ökologischen und sozialen Bedingungen für den Verkehrsgebrauch entschlüsseln. In der Studie gehen die Autoren darauf ein, dass Veronika ihr Werkzeug natürlich nicht selbst gebaut hat, so wie Larsons Cartoon es damals nahelegte. Dennoch ist die Art, wie sie den Besen benutzt, sehr wohl ausgeklügelt. Was der Zeichner 44 Jahre nach seinem Cartoon von der wissenschaftlichen Erkenntnis um Veronika hält, ist noch nicht bekannt. Vielleicht freut sie ihn. In seiner damaligen Pressemitteilung gab er zumindest zu, eine Vorliebe für Rinder zu haben.