FAZ 14.02.2026
09:11 Uhr

Weniger Viehhaltung: Weideland wird knapp


Grasland ist Grundlage der Viehhaltung – doch die gerät ins Wanken. Der Klimawandel könnte mehr als die Hälfte der globalen Weideflächen unbrauchbar machen, mit dramatischen Folgen für Millionen Viehhalter.

Weniger Viehhaltung: Weideland wird knapp
Auf dem Dach wacht ein Scharfschütze, um das Geschehen der Sicherheitskonferenz im Blick zu haben. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Grasland, auf dem der Mensch Rinder, Schafe, Ziegen und anderes Vieh hält, bildet die größte Produktionsfläche auf der Erde, gut ein Drittel der Landfläche wird so bewirtschaftet. Doch dieses System ist offenbar labiler, als viele glauben. Es verändert sich rasant, wie sich jetzt zeigt. Und blickt man in die Zukunft, wie das chinesische und deutsche Forscher unter Zuhilfenahme von historischen Weidedaten und aktuellen Klimamodellen gemacht haben, dürften die Existenzsorgen vieler Viehhalter und -betriebe rund um den Globus eklatant anwachsen. Schon vor einigen Wochen hatten Wissenschaftler von der Arizona State University auf eine Entwicklung hingewiesen, die außerhalb der Agrarcommunity kaum wahrgenommen wurde: Auf den am stärksten bewirtschafteten Grasflächen, auf denen gut 42 Prozent des Viehs weltweit gehalten werden, geht die Zahl der Tiere immer weiter zurück: um zwölf Prozent innerhalb von 25 Jahren. Das betrifft Osteuropa, Nordamerika, Australien und Teile von Asien und Afrika. Das passiere überall dort, kurz gesagt, wo sich auch die Menschen auf dem Land zunehmend eine „industrielle Ernährung“ angewöhnen, schreiben die Forscher im Journal „PNAS“. Weniger Weidevieh könne sich ökologisch durchaus günstig auswirken, meinen die US-Wissenschaftler. In Afri­ka hingegen, ebenso wie in Süd- und Mittelamerika, wachsen die Viehbestände kontinuierlich. Und zwar vor allem in Gegenden, in denen auch die Bevölkerungszahl zunimmt und der Fleischbedarf und damit die Viehhaltung auf Grasland steigt. Viehhalter im globalen Süden in Existenznöten Ausgerechnet diese Regionen allerdings sind es, die in den kommenden Jahrzehnten eine Bedrohung ganz anderer Art fürchten müssen: Der Klimawandel werde weltweit ein Drittel bis die Hälfte der Weideflächen zumindest für die Viehbewirtschaftung unbrauchbar machen. Maximilian Kotz vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat mit chinesischen Kollegen für die aktuelle Ausgabe von „PNAS“ ausgerechnet, dass in den kommenden Jahrzehnten 1,4 bis 1,6 Milliarden Weidetiere von den raschen Temperatur-, Niederschlags- und Feuchtigkeits­änderungen – sprich Trockenheit – betroffen sein werden. Leiden müssten insbesondere die mehr als hundert Millionen ländlichen Viehhalter und ihre Familien in armen Ländern, die heute schon mit Hunger, niedrigem Einkommen und in politisch fragilen Verhältnissen leben müssen. Etwa 95 Prozent des Viehs werde heute in Gegenden gehalten, die ganz bestimmte klimatische Voraussetzungen erfüllen. Wo die 30 Grad Lufttemperatur über lange Zeit überschritten werden, sei etwa in Afrika nicht mehr an Weidehaltung zu denken. Das „thermische Limit“ werde selbst für die Haltung von Ziegen und Schafen zu einer Hürde. Futter für die Tiere und Wasser würden Mangelware. Die Klimaveränderungen machen auch die Subsistenzwirtschaft mit kleinen Herden zwischen dem zehnten und zwanzigsten südlichen Breitengrad Süd quasi unmöglich, sowohl in Afrika als auch in Südamerika. Mit Abermillionen Klimaflüchtlingen und Landaufgaben sei zu rechnen. Auch traditionelle Pastoralvölker, die es bisher gewohnt waren, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen, könnten angesichts des beschleunigten Wandels schnell an ihre Grenzen kommen.