Am Dienstag wartet das wichtigste Spiel ihrer Laufbahn auf Jenny Behrend. Die Neunundzwanzigjährige will mithelfen, dem Deutschen Handballbund (DHB) den größten Erfolg seit 2008 zu verschaffen: Heim-Weltmeisterschaft in Dortmund. Viertelfinale vor 10.000 Zuschauern in der Westfalenhalle gegen Brasilien. Direkt übertragen im Vorabendprogramm des ZDF. Mehr geht nicht im Frauenhandball. Zehn Tage später wird Jenny Behrend in den Alltag zurückkehren. Beim VfL Oldenburg spielt sie und arbeitet nebenher als Minijobberin für 556 Euro im Monat bei einem Logistikunternehmen im Büro. Behrend ist nach der Pleite der HB Ludwigsburg in Niedersachsen untergekommen. Beim einstigen Branchenriesen aus Schwaben hatte sie vier Jahre vollprofessionell gespielt: „Das war eine schöne Zeit“, sagt die Rechtsaußen. Wertschätzung und Sichtbarkeit In ihre Karriere gestartet war sie noch als Vollzeitangestellte in Oldenburg: Training morgens um sieben und abends nach der Arbeit. „Die Gehälter im Frauenhandball sind ungerecht“, sagt sie, „wir arbeiten so hart wie alle anderen.“ Damit meint sie die Männer. In deren Bundesliga verdienen Nationalspieler 30.000 Euro brutto im Monat und mehr. Bei den Frauen ist es in der Bundesliga (HBF) oft nur ein Zehntel. Oder weniger – gerade zu Beginn des Werdegangs beißen sich viele Spielerinnen mit einer Mischkalkulation aus Sporthilfe, Minijob und elterlicher Unterstützung durch. So erging es Viola Leuchter oder der gleichaltrigen Nieke Kühne, beide 21 Jahre alte und Aufsteigerinnen dieser WM. Leuchter, ebenfalls Geschädigte der Ludwigsburger Insolvenz, hat sich in Odense deutlich verbessert: „In Dänemark sind in jeder Erstligamannschaft nur sehr gut verdienende Spielerinnen“, sagt sie, „das Gehalt ist der leichteste Indikator, an dem man feststellen kann, wie viel in diesen Sport reingesteckt wird. Die Wertschätzung und Sichtbarkeit des Frauenhandballs ist dort viel größer.“ Was auch an den gewonnenen Medaillen liegt. Kühne empfand einen Verbleib in Blomberg ihrer Laufbahn als förderlich. Dort fährt sie ein Vereinsauto, zahlt die Miete ihrer Wohnung aber selbst – weil sie es wollte. Leuchter war, Kühne ist in der Sportfördergruppe in Warendorf. Das sind 1500 Euro brutto im Monat. Bis zu 800 Euro können von der Sporthilfe hinzukommen. Kühne sagt, bezogen auf die Männer: „Für mich ist besser, nicht zu wissen was sie verdienen.“ Um das Konto zu füllen, wird sich Kühne nach Dänemark, Frankreich, Ungarn oder Rumänien orientieren müssen. Dort spielt oder spielt das Gros der DHB-Auswahl. Verdienst pro Spielerin: bis zu 8000 Euro – netto. Vorbild aus den Niederlanden Mit dem Thema Gehaltsunterschiede konfrontiert, sagt DHB-Sportvorstand Ingo Meckes: „Die Frauen-Bundesligisten haben im Schnitt 1,2 bis 1,5 Millionen Etat. Das ist ein Bruchteil der Männer. Wir als DHB können den Markt nicht ändern. Aber wir müssen die Basis entwickeln, damit Spielerinnen auch in Deutschland mehr verdienen.“ Dafür allerdings müsste der Markt irgendwann nachziehen. Ab 2027 wird der DHB deshalb in den Akademien von Stuttgart und Leipzig pro Jahr 20 Mädchen im Alter von 15, 16 Jahren montags bis freitags ausbilden, ehe sie zu ihren Vereinen fahren. Das Zusatzangebot lässt er sich bis zu 250.000 Euro pro Stützpunkt und Jahr kosten. Hamburg sowie ein Standort im Westen kommen ab 2029 hinzu. Das Vorbild ist das niederländische Papendal: 90 Prozent der Nationalmannschaft stammen aus der dortigen Akademie. „Wir unterstützen die Vereine bei der Ausbildung und ergänzen die bisherige Förderung“, sagt Meckes, „wir investieren, damit die Top-Talente über die neuen Stützpunkte besser ausgebildet werden.“ Das Ziel ist eine stärkere Liga, eine bessere Nationalmannschaft. DHB-Präsidiumsmitglied Verena Svensson, Vorsitzende der Gleichstellungs-Kommission, sagt: „Wir müssen den Vereinen helfen, mehr Geld in die Strukturen zu stecken. Ohne die HBF weiter zu professionalisieren, werden wir abgehängt. Champions League in der Turnhalle funktioniert nicht.“ Die DHB-Auswahl als wichtigen Hebel nimmt sie in die Pflicht: „Wir brauchen eine erfolgreiche Frauen-Nationalmannschaft. Wir müssen am besten schon dieses Viertelfinale gewinnen.“ Der DHB rät Spielerinnen zur dualen Karriere. Deswegen studiert Annika Lott Sportmanagement, Katharina Filter Medizintechnik, Lisa Antl Soziale Arbeit. Julia Maidhof ist ausgebildete Lehrerin. Kapitänin Antje Döll, 37, arbeitet bei der Kriminalpolizei. „Wenn ich im Januar zurückkomme, wird mein Schreibtisch voll sein“, sagt die Spielerin der SU Neckarsulm, ebenfalls Leidtragende des Ludwigsburger Missmanagements mit bitterem Ende. Die klarsten Worte für das Missverhältnis findet die erfahrenste Auslandsprofessionelle. Emily Vogel spielt seit sechs Jahren in Ungarn bei Ferencváros. Für sie liegt ein Teil der Schuld bei ARD und ZDF: „Ihre Argumente sind Ausreden. Sie wollen Frauenhandball nicht pushen. Alles steht und fällt nun einmal mit medialer Aufmerksamkeit. Dann ist es leichter, Sponsoren zu finden, auch Individualsponsoren.“ Durch die zwei-Millionen-Menschen-Metropole Budapest läuft Emily Vogel nie unerkannt. „Alle kriegen mit, was im Sport passiert, weil alles übertragen wird und weil es in der Zeitung steht: Handball, Wasserball, Schwimmen, Fechten, Volleyball, Basketball“, sagt Vogel. Die Wertschätzung sei ungleich größer. Und es fehlt an nichts. Die Rahmenbedingungen sind ähnlich wie in Dänemark und Rumänien und ganz anders als in Deutschland: ein großer Stab samt Teamarzt, eigene Kabine, Halle, Gym, Sauna. Kaum Reisestrapazen. Wohnung und Auto vom Verein. Auch die Siebenundzwanzigjährige will eine bessere Bundesliga: „Richtlinien für die Professionalisierung müssen sein. LED-Banden, einheitlicher Boden.“ Doch überreguliert dürfe der Markt nicht werden, sonst würden kleine Vereine überfordert. „Tribünen auf beiden Seiten zum Beispiel sind unnötig. Das hat in Ungarn auch nicht jede Halle. Trotzdem sind die TV-Bilder von dort gut“, erzählt Vogel. Es wirkt mühsam, hiesigen Frauenhandball zum Premiumprodukt auszubauen. Ist es also naiv, auf eine einträgliche HBF zu hoffen? Werden die Spielerinnen nur im Ausland Vollprofis? Jenny Behrend sagt: „Wir kämpfen dafür, dass die Bundesliga besser wird und wir in Deutschland bleiben können. Die Männer haben vorgemacht, wie man die stärkste Liga der Welt wird.“
