FAZ 20.01.2026
10:28 Uhr

Weltwirtschaftsforum Davos: Mit einer Idee aus Grönland im Gepäck


Wenn man die Welt verbessern will, darf man auch Geld verdienen. Diese Idee hat Saskia Bruysten von einer umstrittenen Insel mitgebracht. Ihre Heimat ist der Taunus, ihr Horizont ist weit.

Weltwirtschaftsforum Davos: Mit einer Idee aus Grönland im Gepäck

Saskia Bruysten ist im Taunus aufgewachsen und zur Schule gegangen. Auch die Welt, die sie im Studium kennengelernt hat, war eher behütet. Von den Krisen dieser Welt war da wenig zu spüren. Karriere, das war das Ziel, der Horizont war nicht besonders weit. Beraterin oder Investmentbankerin? Sie wurde Beraterin, mit 23 Jahren, bei der Boston Consulting Group. Jetzt, 23 Jahre später, sitzt Bruysten in einer Hotellobby des „Central Sporthotel“ am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos – und will mit einem besonderen Kapitalanlagemodell die Welt verbessern. Und damit auch Geld verdienen, denn beides geht, wie sie findet. Sie ist ein Musterbeispiel dafür, wie man sich die Welt erobern kann, wenn man nur will. Studiert hat Saskia Bruysten nach dem Abitur an einem Mädchengymnasium im Taunus an der European Business School im Rheingau, später auch in Argentinien und Amerika. Zur Boston Consulting Group ging sie, weil sie anderen zeigen wollte, „was die Blonde kann“. Und die BCG hatte nun mal den Ruf, eines der schärfsten Auswahlverfahren zu haben. Den Test hat sie seinerzeit bestanden, mit 23 Jahren. Als Beraterin betreute sie die Konsumgüterindustrie, zu tun gab es viel, sie kam herum – unter anderem nach New York. Und dann wollte sie doch noch einmal neu anfangen, war auf der Suche nach etwas für sie Sinnstiftenderem. Bruysten ist ausgestiegen bei der BCG, hat an der London School of Economics ihren Master gemacht. Und sie hat sich umgesehen, was man sonst noch so machen könnte. Inspiriert von Muhammad Yunus Mit dem Geburtsjahrgang 1980 zählt Bruysten „gerade so“, wie sie erleichtert betont, „noch“ zur sogenannten „Generation Y“. Und sie findet, dass diese Generation dafür steht, Prioritäten anders zu setzen als die davor. Das hat sie getan. In London lernte sie Muhammad Yunus kennen, der bangladeschische Friedensnobelpreisträger und heutige Premierminister hielt dort einen Vortrag, während der Weltfinanzkrise 2008/09. Er sprach über Mikrokredite, das Kreditmodell, das die Verleihung kleinster Geldbeträge erlaubt und Menschen in Entwicklungsländern den Aufbau einer Selbständigkeit ermöglicht. Während Bruysten Yunus zuhörte, verstand sie: Rendite und Wohltat müssen nicht strikt voneinander getrennt sein. Sie sprach ihn an, wurde eingeladen, man traf sich in Bangladesch. Und sie gründete kurze Zeit später, gemeinsam mit Yunus, ein Unternehmen: Yunus Social Business (YSB) versucht, die strukturellen Probleme hinter der Armut zu bekämpfen, indem es gemeinnützige Unternehmen in Entwicklungsländern unterstützt. Das ist jetzt rund 15 Jahre her – und inzwischen ist Bruysten weitergezogen, mit einer neuen Idee, von der sie in Davos in diesem Jahr begeistert berichtet. Gekommen ist sie in Grönland darauf, was eher Zufall war, auch wenn diese große Insel im Norden nun in aller Munde ist. Dort gab es ein Umwelt-Weiterbildungsprogramm, und eine aus den Vereinigten Staaten angereiste Expertin löste bei Bruysten einen „Aha-Moment“ aus: „Sie wies immer wieder darauf hin, dass es vor allem das Geld ist, das man anlegt, das für einen Kohlendioxid-Fußabdruck sorgt, ob es die Altersvorsorge ist, die Versicherungen, in die man einzahlt, oder das Haus, das einem gehört“, erinnert sich Bruysten. Dort also, bei den Investitionen, müsse sich etwas ändern. Geld für klimafreundlichen Strom und energieeffizientes Heizen Mit dieser Idee im Gepäck gründete Bruysten gemeinsam mit anderen Unternehmerinnen die Fondsgesellschaft „Carbon Equity“ mit Sitz in Amsterdam. Ihr Ziel ist die „Demokratisierung“ von Private Equity im Klimabereich, will heißen: Auch Anleger, die „nur“ 20.000 Euro investieren wollen und nicht etwa gleich fünf Millionen, sind bei Carbon Equity willkommen. Inzwischen ist Carbon Equity auch auf dem deutschen Markt aktiv. Das Geldanlegen geht über die Website schnell, der Ausstieg nicht ganz so zügig. Im Idealfall geht man die gesamte Laufzeit des jeweiligen Fonds mit, also zehn bis 15 Jahre. Doch lohnen soll es sich. Um Gutmenschentum gehe es nicht, die Rendite solle und werde stimmen, sagt Bruysten. Und im Laufe dieses Jahres soll es auch noch eine Anlagemöglichkeit geben, die jedenfalls so handelbar ist wie ein offener Immobilienfonds. „Denn viele Anleger schrecken schon davor zurück, lange nicht wieder an ihr Geld kommen zu können“, ist sie sich bewusst. Carbon Equity ist konkret ein Dachfonds, der sein Vermögen auf andere „Climate-Private-Equity-Fonds“ verteilt. Aus den Fonds werden zum Beispiel Unternehmen unterstützt, die mit Robotern dabei helfen, Windräder zu reparieren, die bestehende Windparks leistungsfähiger machen. Andere versorgen mit Atomenergie Rechenzentren mit Strom, suchen vom Weltall aus nach Waldbränden auf der Erde oder entwickeln energieeffiziente Heiz-, Kühl- und Belüftungssysteme für große Gebäude und Rechenzentren, um nur einige Beispiele zu nennen. „Seit einigen Jahren gehen die meisten davon aus, dass Klimaschutz teuer sein muss“, sagt Bruysten. Aber diese Wahrnehmung sei falsch: „Durch enorme Skalierungsvorteile und eine steile Lernkurve verringern Klimatechnologieunternehmen ihre Kosten seit Jahren signifikant.“ Auch Cloud-Anbieter setzen zunehmend auf erneuerbare Energien Sogenannte Hyperscaler, Anbieter riesiger Cloud-Infrastrukturen, greifen deshalb wohl immer öfter auf grüne Energiequellen zurück. Milliardäre wie der Microsoft-Mitbegründer Bill Gates oder der ehemalige Google-Manager Eric Schmidt investieren deshalb auf ähnlichen Gebieten. „Künstliche Intelligenz ist keine Software-Debatte. KI ist eine Energiefrage“, ist Bruysten überzeugt. Ihre These: Die Diskussion um KI und Klimaziele greife zu kurz. Die eigentliche Machtfrage sei: Wer hat die saubere, skalierbare und bezahlbare Energie, um KI zu betreiben? Sie sieht KI als Treiber einer Reindustrialisierung. Bruysten diagnostiziert Europa ein psychologisches Problem: „Europa leidet nicht an fehlenden Lösungen, sondern an mangelndem Vertrauen in die eigene Umsetzungsfähigkeit.“ Technologie und Kapital seien da, aber es fehle der Mut zur Skalierung und Umsetzung. Ihr Gedanke kreist darum, dass beinahe alle Klimalösungen in privaten, nicht börsennotierten Unternehmen entstehen. Die Investitionen in diesen Markt aber waren eben bisher Großanlegern vorbehalten. Sie will mit ihrem Anlagemodell diesen Zugang nun öffnen, um die Klimatransformation zu beschleunigen. Mit Ökoromantik hat Bruysten dabei nicht viel am Hut: „Impact und Rendite schließen sich nicht aus, sie verstärken sich.“ Klimaschutz ist für sie ein „Business Case“. Beschäftigt werden nach ihren Worten 25 Mitarbeiter, acht davon sind stets auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten. Der Investmentchef hat jahrzehntelange Erfahrung. Investiert wurden bisher 400 Millionen Euro. Die Beraterin in ihr ist nie ganz verloren gegangen, wie man an ihren Formulierungen merkt. Und an den Taunus denkt sie auch noch häufig, sonst würden ihre Gespräche nicht mit ihrer Jugend dort beginnen.