Die europäische Raumfahrt steht an einem Scheideweg. Zwar hat die Ariane 6 nach ihrem verspäteten Erststart 2024 inzwischen Routineflüge absolviert und Europas direkten Zugang zum All wiederhergestellt. Doch der globale Kontext hat sich radikal verschoben. Das Elon-Musk-Unternehmen SpaceX beherrscht die Schlagzeilen, China baut seine Präsenz im Orbit massiv aus. Indien hat gezeigt, wie man kosteneffizient zum Mond fliegt. Und vor allem wird souveräne Weltraumtechnologie auch für die Verteidigung Europas immer wichtiger. Josef Aschbacher, der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) mit ihrem wichtigen Standort in Darmstadt, räumt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein: Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, die den Weltraum längst als strategische Domäne erster Ordnung behandeln und das Sechsfache investieren, müsse Europa noch viel mehr tun. Und das, obwohl 2025 aus der Sicht von Aschbacher das beste Jahr in der bisherigen Geschichte gewesen ist: Die europäischen Staaten investieren nach den Beschlüssen der letzten Ministerratskonferenz im November 2025 in Bremen mit 22 Milliarden Euro für die nächsten drei Jahre mehr Geld in die ESA. Und mit 46 Starts und Missionen gab es auch an dieser Stelle einen operativen Rekord. Aschbacher lobt die Ariane 6 als „hochpräzise“ So ist die Ariane 6 zwar eine Wegwerf-Rakete in einer Welt der Wiederverwendbarkeit, allerdings startet sie absolut zuverlässig und erfüllt auch komplexe Missionsaufgaben wie gewünscht und hochpräzise: „Da muss man unseren europäischen Ingenieuren ein ganz großes Kompliment machen.“ Deshalb will Aschbacher die Ariane 6 auf keinen Fall als Misserfolg verstanden wissen, ganz im Gegenteil: Die Starts seien weit im Voraus für die kommenden Jahre ausgebucht, inzwischen sei auch klar, dass man für das Unternehmen Amazon Satelliten ins All schießen werde. „Die Amerikaner kommen jetzt zu uns“, sagt er stolz. Aber Aschbacher weiß auch, dass es nur ein Teilerfolg ist: „Ich bin der Generaldirektor der ESA, und ich setze die Vorgaben um, meistens sehr erfolgreich. Aber ich bin nicht derjenige, der sagt, wir müssten jetzt auf den Mond fliegen. Das müssen die politischen Führer sagen, wie das Kennedy gemacht hat.“ Um in der europäischen Raumfahrt mehr möglich zu machen, hat Aschbacher in den vergangenen zwei Jahren einen Kulturwandel forciert, der als seine wichtigste Hinterlassenschaft gelten könnte: den Wandel der ESA vom „Architekten“ zum „Kunden“. Chancen für die deutsche Start-up-Szene Nach dem Vorbild der NASA kauft die ESA nun Dienstleistungen ein – etwa beim kommerziellen Frachttransport zur ISS und zu zukünftigen Stationen. „Dieser Schritt kam spät, vielleicht zehn Jahre später als in den USA, aber er ist nun unumkehrbar“, sagt Aschbacher. Für die deutsche Start-up-Szene, für Firmen wie Isar Aerospace oder Rocket Factory Augsburg, sei das die Chance, auf die sie gewartet haben. Beim Thema astronautische Raumfahrt wird der ESA-Generaldirektor noch emotionaler. Der Betrieb der ISS endet in einigen Jahren. Aschbacher will nicht, dass europäische Astronauten nur als zahlende Gäste bei der NASA mitfliegen. Er kämpft für eine eigene europäische Fähigkeit, Menschen ins All zu bringen, beginnend mit der Frachtkapsel, die sich zu einem Crew-Vehikel weiterentwickeln lässt. Und wenn die Zusammenarbeit mit der NASA unter den aktuellen politischen Umständen vielleicht auch insgesamt schwieriger würde, so sei doch auch klar, dass man bei den „Artemis“-Mondmissionen auf die Europäer angewiesen sei. „Ohne unsere Kapsel kommen keine Astronauten zum Mond und wieder zurück“, sagt Aschbacher. Auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung (Space Science) im All könne ein Rückzug der Amerikaner – anders als in der sogenannten Exploration – für die Europäer sogar hilfreich sein. „Wir haben die Fähigkeiten“, ist Aschbacher überzeugt. „Aus dem Weltraum ist noch mehr leistbar“ Überhaupt könne die europäische Privatwirtschaft viel stärker von der Raumfahrt profitieren, wenn sie die Chancen stärker ergreife. Darum geht es ihm in diesem Jahr in Davos auf dem Weltwirtschaftsforum: „Aus dem Weltraum ist noch mehr leistbar in vielen Bereichen, zum Beispiel in der Pharmazie, der Energie, dem Transport und der sicheren Telekommunikation.“ Viel zu tun, die anderen Nationen schlafen nicht. Sie investieren die Hälfte ihres Weltraumbudgets aus Mitteln für die Verteidigung. Da habe Europa mit einem bisherigen Anteil von 15 Prozent noch viel Luft nach oben, findet Aschbacher – trotz des jüngsten Finanzierungsrekords. Ein weiteres großes Thema in Davos ist die Energie aus dem All, entweder für im All selbst stationierte Rechenzentren – oder um sie auf der Erde zu nutzen. Physikalisch sei es möglich, man habe es geprüft und begleite die Entwicklungen auch mit dem ESA-Projekt „Solaris“. Wirtschaftlich zu betreiben sei das aber alles noch lange nicht. Zudem stelle sich die Frage, was die Menschen in den Regionen, in denen die Energie über Mikrowellen ankommt, dazu unter Umweltaspekten sagen. In der realen Welt wendet sich der Blick da schnell nach Hessen. Das ESOC-Kontrollzentrum in Darmstadt, traditionell seit mehr als 50 Jahren das Kontrollzentrum für ESA-Satellitenmissionen, steht vor einem Funktionswandel. Mit Tausenden neuen Satelliten von Starlink, Kuiper und chinesischen Konstellationen wird der Orbit eng. Die ESA betreibt „Space Traffic Management“ Aschbacher sieht die Rolle des Darmstädter ESOC künftig weniger im bloßen „Steuern“ einzelner Sonden, sondern zunehmend im Management des Verkehrs. „Space Traffic Management“ ist das Schlagwort. Hier verknüpft Aschbacher Ökologie mit Ökonomie. Die von ihm initiierte „Zero Debris Charter“ – das Ziel, von 2030 an keinen Weltraumschrott mehr zu hinterlassen – ist für ihn ein Qualitätsmerkmal. „Made in Europe“ soll im Weltraum für Nachhaltigkeit stehen. Aschbacher ist überzeugt: Wenn Europa hier Regeln setzt, werden diese, ähnlich wie in der Klimapolitik, mittelfristig zum globalen Standard werden, weil Versicherer und Investoren das Risiko von Kollisionen minimieren wollen. Darmstadt wird dabei zum Kompetenzzentrum für Weltraumsicherheit (Space Safety), auch um die digitale Infrastruktur auf der Erde vor Sonnenstürmen zu schützen – ein Bereich, in dem Aschbacher noch Investitionsbedarf sieht. Zudem wird in Darmstadt investiert, das Gelände durch das entstehende neue Kontrollzentrum weiter aufgewertet und durch das neue Besucherzentrum bald für die Öffentlichkeit zugänglicher. „Und am Freitag, dem 13. April 2029, wird Darmstadt ohnehin ganz im öffentlichen Interesse in Deutschland und darüber hinaus stehen.“ Denn dann zieht ein Asteroid so nah an der Erde vorbei, dass man ihn mit bloßem Auge wird sehen können. Begleitet wird der Asteroid mit dem Namen Apophis von der „Ramses“-Mission der ESA – und die wiederum wird aus Darmstadt gesteuert werden.
