Als sich der Gründer und jahrzehntelange Patriarch des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, im vergangenen Jahr nach schweren Auseinandersetzungen mit dem Verwaltungsrat unfreiwillig zurückzog, sahen nicht wenige Beobachter die Zukunft des Forums gefährdet. Heute lässt sich sagen: Der bevorstehende Jahrgang 2026 des Weltwirtschaftsforums in Davos verspricht eine besondere Aufmerksamkeit. Hierfür wird vor allem Donald Trump an der Spitze einer sehr großen amerikanischen Delegation sorgen. Trump will sich, wie die „Financial Times“ schreibt, in Davos mit wichtigen europäischen Staats- und Regierungschefs sowie mit dem ukrainischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj treffen, um über die Zukunft der Ukraine zu beraten. Unter anderem soll es, wie aus verschiedenen Quellen zu erfahren ist, um amerikanische Sicherheitsgarantien sowie um ein 800 Milliarden Dollar schweres Investitions- und Wiederaufbauprogramm für das vom Krieg geplagte Land gehen. Nicht nur die europäischen NATO-Partner möchten wissen, ob die Vereinigten Staaten tatsächlich robuste Sicherheitsgarantien bereitstellen werden. Doch wird nicht nur die Ukraine im Mittelpunkt des Interesses stehen. Auch weitere aktuelle außenpolitische Themen wie Iran, Grönland und Venezuela dürften in Davos besprochen werden. Trump will sich nach den bisherigen Informationen Zeit nehmen. Dem amerikanischen Präsidenten gefällt die Veranstaltung offenkundig. Er hatte das Forum schon in seiner ersten Amtszeit für zwei Auftritte genutzt. Für Trumps Debüt hatte Schwab sogar Alphornbläser auf der Bühne des Großen Saals spielen lassen. Im vergangenen Jahr ließ sich Trump, wenige Tage nach seiner zweiten Amtseinführung, aus Washington zuschalten. In diesem Jahr wird er voraussichtlich am kommenden Mittwochnachmittag sprechen. Wie der Vorstandsvorsitzende des Forums, der frühere norwegische Außenminister Børge Brende, mitteilte, wird Trump in diesem Jahr unter anderem von Außenminister Marco Rubio, Finanzminister Scott Bessent, Handelsminister Howard Lutnick, dem Sondergesandten Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner begleitet. Die Vereinigten Staaten werden in diesem Jahr in Davos auch noch auf eine andere Weise sehr sichtbar sein. Eine neben dem Konferenzzentrum gelegene Kirche wird in diesem Jahr, durch Spendengelder aus der amerikanischen Wirtschaft finanziert, zu einem „USA House“ umfunktioniert. Das starke amerikanische Interesse am Weltwirtschaftsforum belegt, dass Bekenntnisse zu einer neuen Monroe-Doktrin, die auf die Kontrolle der amerikanischen Hemisphäre abzielt, keineswegs mit einem Verzicht auf Interessenpolitik auf anderen Kontinenten einhergehen. Die große Politik wird in diesem Jahr Themen wie Technologie verdrängen, die im offiziellen Veranstaltungsprogramm gleichwohl eine wichtige Rolle spielt. Mehr als 2500 Teilnehmer reisen in diesem Jahr nach Graubünden, darunter allein 65 Staatspräsidenten. Deutschland wird unter anderem mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil vertreten sein. An der Spitze der chinesischen Delegation steht Vize-Premierminister He Lifeng. Wie in den vergangenen Jahren entsendet die Ukraine eine große Delegation, während russische Vertreter nach wie vor keine Einladung erhalten. An dieser Praxis, die Schwab nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine etabliert hatte, wurde im vergangenen Jahr zwar vor allem von nicht blockgebundenen Staaten vernehmliche Kritik geäußert: Allerdings hat diese Praxis auch nach Schwabs Ausscheiden noch Bestand. Davos bleibt aber in erster Linie ohnehin ein Treffpunkt für Wirtschaftsvertreter; die einmalige Netzwerkfunktion des Treffens, die sich die Wirtschaft viel Geld kosten lässt, garantiert die dauerhafte Existenz des Weltwirtschaftsforums. Kurz vor dem Beginn des Forums, das seine Türen offiziell am heutigen Montagabend öffnet, ist der „Global Risk Report“ erschienen, der auf der Befragung von mehr als 1300 Führungskräften und Fachleuten aus Wirtschaft und Wissenschaft, Politik, internationalen Organisationen und der Zivilgesellschaft beruht. „Das multilaterale System steht unter Druck“, heißt es in dem Bericht. „Sinkendes Vertrauen, ein Abnehmen von Transparenz und Achtung der Rechtsstaatlichkeit sowie zunehmender Protektionismus bedrohen langjährige internationale Beziehungen, Handel und Investitionen und erhöhen die Konfliktbereitschaft.“ Eine geoökonomische Konfrontation großer Mächte lässt die Besorgnis wachsen: „In einer Welt, die bereits durch zunehmende Rivalitäten, instabile Lieferketten und langwierige Konflikte mit dem Risiko regionaler Ausbreitung geschwächt ist, hat eine solche Konfrontation systemische und weitreichende globale Folgen und erhöht die Fragilität von Staaten.“ Zum politischen Konfliktpotential gesellen sich für zahlreiche Befragte erhebliche wirtschaftliche Gefahren. Nicht zufällig wird in diesem Zusammenhang die Staatsverschuldung genannt, die in zahlreichen Ländern beängstigende Höhen erreicht hat und in einer Welt, in der Wohlfahrtsstaaten schwer reformierbar erscheinen und gleichzeitig die Verteidigungsausgaben zunehmen, in Zukunft eher weiter steigen als fallen wird. Die Diskussionen über die Nachhaltigkeit der Staatsverschuldung in Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Frankreich haben in den vergangenen Monaten zugenommen. Vom technologischen Wandel erwarten die Befragten nicht nur positive Wirkungen. „Technologische Entwicklungen und neue Innovationen eröffnen Chancen mit enormem Potential – von Gesundheit und Bildung bis hin zu Landwirtschaft und Infrastruktur –, führen aber auch zu neuen Risiken in verschiedenen Bereichen, von den Arbeitsmärkten über die Informationsintegrität bis hin zu autonomen Waffensystemen“, ist in dem Bericht zu lesen. Fehlinformationen und Cyberunsicherheit werden als bedeutende Risiken wahrgenommen. Eine alte Erfahrung des Weltwirtschaftsforums sieht viele Veranstaltungen zu Beginn von einem starken Pessimismus geprägt, an den sich im Laufe der Tage eine Zuversicht anschließt, dass die Weltwirtschaft in der Lage sein wird, sich an die jeweiligen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen anzupassen. Die wachsende Neigung zum Protektionismus in der Welt verursacht selbstverständlich erhebliche wirtschaftliche Kosten, sie ist aber zumindest bisher nicht in der Lage gewesen, das Wachstum der Weltwirtschaft zu einem Halt zu bringen. Und noch immer stand am Ende eines Forums ein Vertrauen in die großen Mächte, ihre Rivalität nicht eskalieren zu lassen. Noch nicht geklärt ist die langfristige Nachfolge Schwabs. Die im vergangenen Jahr installierte Doppelspitze aus Larry Fink (Blackrock) und André Hoffmann (Roche) amtiert nur als Übergangslösung. Schwab wünschte sich die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, als Nachfolgerin, deren Vertrag in Frankfurt noch bis zum Herbst 2027 läuft. Ob Lagarde zur Verfügung steht, ist allerdings unbekannt.
