FAZ 20.11.2025
07:00 Uhr

Weltraumwirtschaft: Europa braucht eine ambitionierte Strategie fürs All


Die Weltraumwirtschaft könnte in wenigen Jahren einen Umsatz von einer Billion Dollar erzielen. Doch Europa überlässt bisher den Amerikanern das Geschäft. Das könnte sich Ende November mit dem Treffen der Raumfahrtminister ändern.

Weltraumwirtschaft: Europa braucht eine ambitionierte Strategie fürs All

Das All ist inzwischen auch für Europa von strategischer Bedeutung. Gleichwohl wird der Nutzen der Raumfahrt für die Volkswirtschaft und für die Sicherheit und Verteidigung in Deutschland und Europa immer noch unterschätzt. Dabei ist der Nutzen der Weltraumwirtschaft für die Gesamtwirtschaft noch erheblich größer als die 600 Milliarden Dollar, die der Sektor weltweit schon im vergangenen Jahr erwirtschaftet hat. Ihre zentrale Bedeutung ist nur zu vergleichen mit der grundlegenden Bedeutung der IT-Branche und künftig der Künstlichen Intelligenz und eventuell Quantentechnologien. Das inzwischen seit Jahren wirtschaftlich schwächelnde Europa kann es sich nicht erlauben, in einer derart wichtigen Wachstumsbranche gegenüber Ländern wie den USA und China zurückzufallen. Eine gemeinsame Studie des European Space Policy Institutes und der Boston Consulting Group hat auf diese systemische Bedeutung der Raumfahrt hingewiesen. Das Wachstum der globalen Weltraumwirtschaft hat sich im vergangenen Jahr mit 7,8 Prozent weiter beschleunigt. Die unabhängige amerikanische Space Foundation erwartet, dass bereits 2032 ein Marktvolumen von einer Billion US-Dollar erreicht wird. Europa hinkt im All hinterher Unser Kontinent hat einen Anteil von knapp 25 Prozent an der globalen Wirtschaftsleistung. Es sollte das Ziel Europas sein, auch einen vergleichbaren Anteil an der globalen Raumfahrtwirtschaft zu erreichen, der derzeit bei 17 Prozent liegt – Tendenz fallend. Für eine Trendumkehr ist es erforderlich, die staatlichen und privatwirtschaftlichen Investitionen deutlich auszuweiten. Europa ist führend in Raumfahrtanwendungen für Erdbeobachtung und Meteorologie (Copernicus) und Navigation (Galileo), hat jedoch in anderen Bereichen Defizite. Dieses gilt zum Beispiel für den Zugang zum Weltraum, der aufgrund der verspäteten Einführung der Ariane 6 gar vorübergehend verloren gegangen war. Sie hinkt der Konkurrenz technologisch weit hinterher, insbesondere der Falcon 9 von Space X des Multimilliardärs Elon Musk. Da es Space X gelungen ist, die Boosterstufe der Falcon 9 zur Erde zurückzubringen und wiederzuverwenden, konnten die Frachtkosten pro Kilogramm Gewicht drastisch reduziert werden. Die noch größere Schwerlastrakete Starship von Space X ist sogar weitgehend wiederverwendbar, was eine weitere Kostenreduktion zur Folge haben wird. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos hat mit seinem Unternehmen Blue Origin Anfang November mit seiner teilweise wiederverwendbaren Schwerlastrakete New Glenn zwei Satelliten der National Aeronautics and Space Administration (NASA) in den Weltraum transportiert. Beide Unternehmen liefern sich einen harten Wettbewerb um die lukrativen NASA-Missionen des Mondprogramms Artemis. Die sich derzeit in der Entwicklungsfrühphase befindende Ariane 7 muss ebenfalls zumindest teilweise wiederverwendbar sein, um gegenüber den USA und anderen Unternehmen (etwa aus Indien) wieder konkurrenzfähig zu werden. Dem amerikanischen Erfolgsrezept folgend, auch die Privatwirtschaft stärker einzubeziehen, hat die European Space Agency (ESA) fünf private Firmen – darunter drei deutsche – animiert, eigene Weltraumraketen zu entwickeln, von denen sich inzwischen eine in der Testphase befindet. Schutz der Satelliten ist zwingend für die Sicherheit Erst durch die drastische Reduktion der Frachtraten ins All und immer kleinere Satelliten wurde der Aufbau von Satelliten-Megakonstellationen wie Starlink wirtschaftlich. Bis Ende des Jahres will Space X seine Konstellation auf 12.000 Satelliten erweitern, für weitere 30.000 liegt die Genehmigung vor. Auch hier hinkt Europa gegenüber den USA und China weit hinterher. Mit IRIS² hat Europa zwar aktuell ein eigenes Satellitennetz zur sicheren Kommunikation im Aufbau, das aber nur den eigenen Kontinent abdecken wird. Auch Europa benötigt mittelfristig ein globales Netz, das technologisch mit den amerikanischen und chinesischen Konstellationen mithalten kann. Sichere Kommunikation ist für die Sicherheit und Verteidigung von fundamentaler Bedeutung. Für Europa war hier der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine der Weckruf, denn kurz vorher hatte Russland mit einer Störung von Viasat-Satelliten die ukrainische Satellitenkommunikation und das Internet lahmgelegt.  Erst durch die Freischaltung des Starlink-Netzes durch Elon Musk konnte (und kann) sich die Ukraine effektiv gegen die Invasoren verteidigen. Verteidigungsfähig im Weltraum Den Weltraum betrachten immer mehr Staaten als Domäne der Kriegsführung und geopolitischen Einflussnahme. Der Weltraumvertrag von 1967 hat dieses nicht verhindern können, und für seine Anpassung fehlt aufgrund der Spannungen zwischen den wichtigsten Raumfahrtnationen derzeit der politische Wille. Das führt dazu, dass auch Europa für seine Verteidigung im Weltraum sorgen muss. Insbesondere die Satellitennetzwerke sind zur Achillesferse moderner Gesellschaften geworden. Satelliten können gestört, geblendet, manipuliert und kinetisch zerstört werden. Das hat Russland gezeigt, indem es nur wenige Stunden vor seinem großflächigen Angriff auf die Ukraine deren Satellitenkommunikation ausgeschaltet hat. Und wenige Wochen zuvor hatte Moskau einen eigenen Satelliten zerstört, auch wenn die Trümmer die ISS und deren Besatzung akut gefährdeten, darunter einen russischen Kosmonauten und den deutschen Astronauten Matthias Maurer. Russische Aktivitäten im Weltraum richten sich inzwischen direkt gegen Teile der europäischen Weltrauminfrastruktur. So hat Russland Aufklärungssatelliten in unmittelbarer Nähe von Weltraumsystemen der Bundeswehr und westlicher Staaten positioniert und verfolgt Intelsat-Satelliten, die auch von der Bundeswehr genutzt werden. Europa benötigt eine umfassende Weltraumstrategie Raumfahrt ist grundsätzlich dual in ihren Nutzungsmöglichkeiten. So sind Wetterdaten sowohl für die Landwirtschaft als auch für das Militär von hohem Wert.  Die Weltrauminfrastruktur ist kritisch für das Militär und gleichzeitig in hohem Maße für den Staat, die Privatwirtschaft und nicht zuletzt für den Alltag jedes Einzelnen. Diese Infrastruktur ist zugleich in hohem Maße verwundbar und muss daher – so gut es geht – geschützt werden. Dazu bedarf es etwa des Aufbaus von Redundanzen und der Fähigkeit, verlorene Infrastruktur schnell und autonom zu ersetzen – auch durch Starts von Weltraumbahnhöfen auf dem europäischen Kontinent. Da die Weltrauminfrastruktur dadurch nur bedingt gesichert werden kann, müssen Angriffe darauf zusätzlich durch eine glaubhafte Abschreckung verhindert werden. Dazu müssen auch offensive Fähigkeiten entwickelt werden. Angesichts der Bedeutung der Raumfahrt für die Sicherheit und die wirtschaftliche Zukunft Europas braucht unser Kontinent eine umfassende und ambitionierte Weltraumstrategie. Die Raumfahrt in Europa ist stark fragmentiert zwischen nationalen Raumfahrtinstitutionen, der EU-Weltraumagentur und der ESA. Circa 80 Prozent der öffentlichen Raumfahrtmittel sind in nationalen Haushalten verankert. Hinzu kommt das wachsende Engagement privater Akteure. Daher dürfte die Einigung auf eine solche Strategie ein anspruchsvolles Unterfangen sein – in einer Zeit, in der nationale gegenüber gemeinsamen Prioritäten wieder die Oberhand gewinnen. Trotz der rasanten Kommerzialisierung der Raumfahrt stammen immer noch 85 Prozent der weltweiten Investitionen in die Raumfahrt aus öffentlichen Kassen. Auch das Hauptgeschäft der führenden Raumfahrt-Start-ups Space X und Blue Origin stammt aus Aufträgen der amerikanischen Weltraumagentur NASA und aus dem Pentagon. Allerdings: Die USA investieren etwa fünfmal so viel in die Raumfahrt wie die Europäer. Auch zwischen den europäischen Nationen gibt es deutliche Unterschiede. So investiert Deutschland bisher nur halb so viel wie Frankreich, das deshalb die führende Raumfahrtnation Europas ist. Insbesondere für Deutschland dürfte allerdings die Bedeutung der Weltrauminfrastruktur für die Sicherheit zum „Gamechanger“ werden. Die von Verteidigungsminister Boris Pistorius angekündigten Investitionen in Höhe von 35 Milliarden Euro bis 2030 in verteidigungsrelevante Weltraumprojekte sind ein starkes Indiz dafür. Gleiches gilt für die derzeit vom Auswärtigen Amt und dem Bundesverteidigungsministerium erarbeitete erste Weltraumsicherheitsstrategie Deutschlands. Ein entsprechendes Signal auf europäischer Ebene wird auf der am 26./27. November in Bremen stattfindenden ESA-Ministerratskonferenz erwartet. Neben Deutschland dürften einige andere Mitgliedsländer ihren Beitrag für die nächste Dreijahresperiode erhöhen, sodass das Budget den Rekordhaushalt von 2022 erneut übertreffen dürfte. Erwartet werden Zusagen in einer Gesamthöhe von 20 Milliarden Euro (plus x) sowie die überfällige explizite Erweiterung des ESA-Mandats um sicherheitsrelevante Projekte.