FAZ 22.12.2025
06:45 Uhr

Weltmeister im Zehnkampf: Wie Leo Neugebauer zum König des Athleten wurde


Bei der Leichtathletik-WM in Tokio krönt sich Leo Neugebauer zum besten Zehnkämpfer der Welt, weil er in der vielleicht wichtigsten Disziplin herausragt: der mentalen Stärke. Wie hat er das geschafft?

Weltmeister im Zehnkampf: Wie Leo Neugebauer zum König des Athleten wurde

Als Leo Neugebauer auf die letzte Runde einbiegt, ist das Nationalstadion in Tokio so laut, dass er seine eigenen Gedanken kaum noch hören kann. 17 Sekunden darf er nach seinem Konkurrenten Ayden Owens-Delerme ins Ziel kommen, keine Sekunde später. Er hält den Abstand zum Puerto-Ricaner, erst auf den letzten Metern zieht er nochmals an. Neugebauer quält sich sichtlich, geht beinahe über die Ziellinie, und bricht dahinter vor Erschöpfung zusammen. Als er wieder aufsteht, ist er Weltmeister. Weil er im entscheidenden Moment besser war als jemals zuvor. Um zu verstehen, wie Neugebauer dorthin gelangt ist, muss man etwas zurückgehen, zur WM 2023 in Budapest: Nach dem ersten Tag hatte Neugebauer in Führung gelegen, für ein paar Stunden war er der „König der Athleten“, wie die Zehnkämpfer genannt werden. Er jubelte mit dem Publikum, posierte für Fotos – seine Art, dem Druck, der auf ihm lastete, standzuhalten. „Auf einmal sind alle Augen auf dich gerichtet“, erinnert sich Neugebauer. Die Nacht, wenn plötzlich der Kopf ins Spiel kommt, machte es nicht besser. Leo Neugebauer lernt aus der WM 2023 Am nächsten Morgen startete Neugebauer mit schweren Beinen, trat gegen die erste, die zweite Hürde und rettete sich nur mit Glück ins Ziel. Auch im Diskuswurf blieb er deutlich unter seinen Möglichkeiten. Die Leichtigkeit, die ihn durch den Vortag getragen hatte, war verschwunden, die gute Ausgangsposition schon nach zwei Disziplinen dahin. Am Ende reichte es immerhin zu Platz fünf. „Ich bin noch jung und habe nicht so viel Erfahrung“, sagte Neugebauer später: „Das Wichtigste ist, dass ich mich dort wieder rausgekämpft habe.“ Er werde daraus lernen und „ein bisschen klüger, ein bisschen weiser“ ins nächste Jahr gehen. Budapest war ein Wettkampf, der Neugebauer formte. In der Rückschau ist diese WM der Punkt, an dem aus einem talentierten Mehrkämpfer auch ein reflektierter Athlet wurde. 2019 war Neugebauer dank eines Sportstipendiums in die USA gezogen, um Wirtschaftswissenschaften an der University of Texas zu studieren. Dort hatte er die Bedingungen eines Profis und begann, es ernst mit dem Sport zu meinen. Im amerikanischen College-System lernte er nicht nur, härter zu trainieren, sondern auch, sich selbst besser zu verstehen. 2023 gewann Neugebauer mit 8836 Punkten die Hochschulmeisterschaften und brach den 39 Jahre alten deutschen Rekord von Jürgen Hingsen. Ein Jahr später steigerte er ihn sogar auf 8961 Punkte. „Er erinnert sich sehr genau an seine Fehler“, sagt sein Trainer Jim Garnham, „und er weiß, wie er sie beheben kann.“ Neugebauer analysierte nicht nur, was bei der WM passiert war, sondern auch, warum: Warum war er am zweiten Tag nicht mehr bei sich? Warum war es ihm nicht gelungen, Rückschläge schneller abzuschütteln? Das Ergebnis war unbequem: Im Zehnkampf reicht ein starker Tag nicht, und über zwei Tage fehlte ihm noch die Stabilität. Verbesserter Speerwurf als Schlüssel zum WM-Erfolg Ein Jahr nach Budapest, bei den Olympischen Spielen in Paris, bekam Neugebauer die Chance, es besser zu machen. Wieder führte er nach dem ersten Tag die Gesamtwertung an, aber diesmal versuchte Neugebauer, Ablenkungen zu meiden. Lange kämpfte er um Gold, aber der Vorsprung auf seinen Konkurrenten Markus Rooth war knapp – und in den letzten beiden Disziplinen zog der Norweger noch an ihm vorbei. Als erster Deutscher seit Frank Busemann 1996 gewann Neugebauer Silber im Zehnkampf. Noch mehr zeigte dieser Erfolg jedoch, dass er aus der letzten WM gelernt hatte, dass er sich selbst und vor allem seinen Kopf unter Kontrolle hatte. Nach seinem Studienabschluss im vergangenen Jahr musste sich Neugebauer erst mal an das Leben als Profiathlet gewöhnen. Speerwurf war Leo Neugebauers Schwachstelle 2025 bestritt er weniger Zehnkämpfe als üblich, wodurch ihm etwas die Wettkampfpraxis fehlte. Bei den Deutschen Meisterschaften Anfang August trat er nur in sechs der zehn Disziplinen an, wollte unter Wettkampfbedingungen an seiner Technik feilen. Im Training fokussierten sich Neugebauer und Garnham vor allem auf den Speerwurf, eine Disziplin, die lange als Neugebauers Schwachstelle galt. Mit dem kurzen Anlauf kam er den 60 Metern, die man braucht, um mit der Konkurrenz mitzuhalten, schon recht nahe. Vor der WM wechselte Neugebauer auf den langen, technisch anspruchsvolleren Anlauf. Es war eine Umstellung, die sich auszahlen und zum Schlüssel auf dem Weg zum WM-Titel entwickeln sollte. In Tokio beginnt Neugebauer den Zehnkampf verhalten, liegt nach dem ersten Tag nur auf Platz vier. Früher hätte das gereicht, um ihn zu verunsichern. Diesmal bleibt er bei sich. Während seine Konkurrenten Fehler machen und disqualifiziert werden, arbeitet sich Neugebauer von Disziplin zu Disziplin. Als er im Speerwurf mit 58,99 Metern startet und übertritt, bleibt er gelassen, justiert seinen Rhythmus – und macht es besser: Im zweiten Versuch fliegt der Speer 61 Meter, im dritten Versuch sogar 64,34 Meter weit. Bis zur vorletzten Disziplin liegt Neugebauer auf Platz zwei, nach dem Speerwurf führt er plötzlich die Gesamtwertung an. Es ist der Gegenentwurf zu Budapest: Statt Punkte zu verlieren, gewinnt er welche. Die Entscheidung fällt im 1500-Meter-Lauf, dort, wo er in Paris die Goldmedaille verloren hatte. Neugebauer rennt die Strecke zehn Sekunden schneller als jemals zuvor: 4:31,89 Minuten. Nicht, weil er plötzlich ein besserer Läufer geworden ist, sondern weil er gelernt hat, im Moment zu bleiben. Neugebauer taumelt ins Ziel, sinkt zu Boden, hat sich so verausgabt, dass ihm von der Bahn geholfen werden muss. Die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren haben Neugebauer gelehrt, mit Druck umzugehen und ihn einzuordnen: Sich von einer schwachen Leistung nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, während eines Wettkampfs nicht schon im Kopf die Punkte zu addieren, sondern es auf sich zukommen zu lassen. Budapest war der Ort, an dem er gelernt hat, was ihm fehlt. Paris der Ort, an dem er zu sich selbst gefunden hat. Tokio der Ort, an dem er gezeigt hat, was er daraus gemacht hat. „Man wird niemals den perfekten Zehnkampf absolvieren können“, sagt Neugebauer. Es gewinnt derjenige, der die Fehler zu seinem Vorteil nutzt, statt sich von ihnen definieren zu lassen. Neugebauers stärkste Disziplin ist nicht das Laufen, das Springen, das Stoßen oder das Werfen – sondern die Kontrolle über den inneren Lärm. Deshalb ist er Weltmeister geworden, und deshalb wird er auch künftig nur schwer zu schlagen sein.