Frau Claus, Sie gehören jetzt zu den Stellvertretern des Vorsitzenden Ihrer Bundespartei, Friedrich Merz. Wir gratulieren zu Ihrer Wahl. Vielen herzlichen Dank! Allerdings ist nicht zu übersehen, dass Sie mit 76 Prozent der Delegiertenstimmen ein Ergebnis erzielt haben, das noch Luft nach oben lässt. Haben Sie eine Erklärung dafür? Zunächst einmal freut es mich, dass Friedrich Merz mit 91 Prozent einen Superwert erreicht hat. Ich erinnere mich an Spekulationen vor dem Parteitag, die in eine ganz andere Richtung gingen. Im Übrigen lagen vier der sechs Stellvertreterkandidaten bei der Auszählung sehr nahe beieinander. Dass der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer und das Urgestein Karl-Josef Laumann so deutlich vorn landen würden, war von Anfang an klar. Drei Viertel der Delegierten haben mich gewählt. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Aber ein Viertel hat nicht für Sie gestimmt. Obwohl sich nur sechs Kandidaten um sechs Posten beworben haben. Außerdem galt zum ersten Mal die Frauenquote von 50 Prozent. Trotzdem haben die drei weiblichen Kandidaten schlechter abgeschnitten als die Männer. Ich nehme das Ergebnis mit Demut und Dankbarkeit an. Ich hätte früher nie damit gerechnet, eines Tages stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU zu werden, und bin meinem hessischen Landesverband sehr dankbar für die Nominierung. Und ich würde sagen: Jetzt gehen wir an die Arbeit. Lassen Sie uns noch einen Moment bei der Frauenquote bleiben. Waren Sie in der Debatte in Ihrer Partei dafür oder dagegen? Dafür. Ich gehöre zu den Erfahrungsfeministinnen. Jahrelang hatte ich mit dem Thema nichts am Hut. Aber dann fiel mir auf, dass wir in der Partei den besten Weg zur Frauenförderung noch nicht gefunden haben. Darum trete ich für die pragmatische Lösung ein: Wir nehmen den zweitbesten Weg und schauen, ob es funktioniert. Aber wir müssen weiter nach dem besten Weg suchen. Bildungsministerin Karin Prien, die als mögliche Kandidatin für das Bundespräsidialamt gehandelt wird, hat bei der Abstimmung auf dem Parteitag noch schlechter abgeschnitten als Sie. Ist sie damit aus dem Rennen? Ich gehe davon aus, dass die Entscheidung über die Kandidatur jetzt bald getroffen wird. Dann wird geguckt, wer die besten Voraussetzungen mitbringt, und dann geht’s voran. Sind Sie für ein weibliches Staatsoberhaupt? Wir hatten bislang keine Frau im Schloss Bellevue, insoweit liegt es nahe, dass die Zeit dafür gekommen ist. Aber auch dafür gilt das Kriterium der Eignung. Außerdem stellt sich die Frage, ob es eine Mehrheit gibt. Darum ist es klug, wenn sich Menschen zusammensetzen, um die beste Persönlichkeit auszusuchen. Könnte das Boris Rhein sein? Als hessischer Ministerpräsident führt er ein schwarz-rotes Bündnis. Hinter ihm könnten sich auch die Koalitionäre in Berlin versammeln. Sie wissen, dass ich ein großer Fan unseres Ministerpräsidenten bin. Er war ein großartiger Landtagspräsident und hat die Kraft zu integrieren. Und er leistet als Regierungschef erstklassige Arbeit. Er hat die Befähigung für das Amt auf jeden Fall. Aber wir sind auch froh, dass wir hier in Hessen einen sehr guten Ministerpräsidenten haben. Frau Prien fordert, dass im Zuge einer Reform des Wahlrechts auch geprüft wird, wie ein verfassungsmäßiger Weg zur Parität der Geschlechter im Parlament aussehen könnte. Wie würden Sie das finden? Das Verfassungsgericht in Thüringen hat bereits entschieden, dass das ein Verstoß gegen die Wahlgrundsätze wäre. Aber Frau Prien und mich verbindet das Ziel, dass mehr Frauen in die Parlamente müssen. Ich glaube nicht, dass die verpflichtende Parität dafür der richtige Weg ist. Wir müssen in den Kreisverbänden dafür sorgen, dass viele Frauen in den Wahlkreisen kandidieren. Das haben wir insbesondere in Nordhessen vorbildlich gemacht. Die Frauen, die dort kandidiert haben, sind jetzt alle direkt gewählte Landtagsabgeordnete. Und wie sieht es auf der Liste aus? In unserer Satzung steht, dass dort ausreichend Frauen vertreten sein sollen. Aber bei der Landtagswahl 2023 zog wegen der erfolgreichen Direktkandidaten kein CDU-Bewerber über die Liste ins Parlament ein. Dann ist an dieser Stelle nichts zu machen. Aber an weiteren, anderen Stellen. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass unsere Bürgermeisterinnen untereinander nicht vernetzt waren. Jetzt finden entsprechende Treffen statt. Dabei schauen wir auch, welche Frauen für eine Kandidatur infrage kommen und Unterstützung brauchen können. Außerdem gibt es das Format „LaDies & Das“ Wie funktioniert das? Drei Frauen, meistens die Landtagspräsidentin Astrid Wallmann, Familienministerin Diana Stolz und ich, laden zu öffentlichen Veranstaltungen mit einer Kommunalpolitikerin ein. Auf dem Podium diskutieren wir dann mit ihr über Themen, die gerade anliegen. Das haben wir inzwischen wohl zwanzigmal gemacht. Anschließend wird bei einem Glas Wein das Netzwerk gepflegt. Wie viele Frauen kommen zu solchen Veranstaltungen? In der vergangenen Woche waren wir im Idsteiner Kulturbahnhof insgesamt 80 Leute. Es sind auch schon mal 200 gekommen. Ist es für Frauen heutzutage in der Politik nicht relativ einfach aufzusteigen, wenn sie sich einmal entschieden haben, aktiv zu werden? Ob der Aufstieg leicht oder schwer ist, hängt sicher von den individuellen Umständen ab. Meine Perspektive ist eine andere: Die wichtige Frage ist doch, ob die Frauen, die es in führende Positionen geschafft haben, andere nachziehen. Die frühere amerikanische Außenministerin Madelaine Albright hat einmal gesagt: „Es gibt in der Hölle einen besonderen Platz für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.“ Das sollte nicht nur in der Politik gelten, sondern auch in der Wirtschaft. Wir Frauen müssen uns, wie die Männer, stärker vernetzen und sagen: Wir zeichnen uns nicht durch Konkurrenzdenken aus, sondern durch gegenseitige Unterstützung. Was hindert Frauen, in die Politik zu gehen? Zum einen die Rahmenbedingungen: In den Kommunen beginnen die Sitzungen oft, wenn die Kinder ins Bett müssen. Dafür hat die CDU Deutschland in ihrer Satzung digitale beziehungsweise hybride Formate eingeführt. Dass dies auch in offiziellen kommunalen Gremien möglich ist, haben wir in die hessische Gemeindeordnung geschrieben. Das kommt übrigens auch den Männern zupass, die abends die Kinder ins Bett legen. Verfolgen Männer andere Strategien als Frauen? Meine persönliche Erfahrung ist die: Wenn eine Frau gefragt wird, ob sie nicht für ein Amt kandidieren will, fällt ihr mindestens ein Argument ein, das dagegenspricht. Und das ist bei Männern anders? Ich bin nicht gern in Stereotypen unterwegs. Aber ja. So erleben es viele auf der Suche nach Kandidaten. Etwas Ähnliches gilt für Bewerbungsgespräche. Ich übertreibe etwas: Wenn zehn Anforderungen an das Profil genannt werden, sagt die Frau: Ich erfülle leider nur acht, darum weiß ich nicht, ob ich geeignet bin. Der Mann sagt: Ich erfülle drei und bin genau der Richtige für den Job. Ihr Parteifreund Horst Klee, der langjährige Alterspräsident des Hessischen Landtags, hat in Wiesbaden schon vor Jahrzehnten Frauen als Kandidatinnen gefördert: Kristina Schröder etwa, die spätere Bundesfamilienministerin, und Astrid Wallmann, die heutige Präsidentin des Hessischen Landtags. Einige Männer in der CDU waren also offenbar ziemlich früh recht modern. Absolut, und dafür bin ich auch sehr dankbar. Das betrifft einen Großteil von uns Frauen: dass wir durch Männer gefördert wurden. Aber das entbindet uns nicht von dem Auftrag, mehr Frauen auf die Listen zu bekommen. Wo steht Ihrem Erleben nach der CDU-Bundesvorsitzende und Bundeskanzler bei diesem Thema? Ich erlebe ihn als sehr zugewandten Menschen, der sehr interessiert ist an der Meinung von allen und gerade auch von Frauen. Er ist sehr empathisch und jemand, der bei Diskussionen darauf achtet, dass alle zu Wort kommen. Ich kann da überhaupt nichts Negatives sagen. Haben Frauen spezifische Fähigkeiten, die sie in die Politik einbringen und die auch Männern gut anstünden? Das sind natürlich wieder alles Stereotypen, aber grundsätzlich kann man Frauen, glaube ich, zuordnen: dass sie einen hohen Grad an Organisationsfähigkeit haben, dass sie zu Multitasking fähig sind, dass sie sehr schnell Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können und dass sie sich schon aufgrund ihres Alltags in sehr vielen Themen auskennen. Häufig ist die Kindererziehung in den Händen der Frauen, die Pflege von Angehörigen, die Organisation der Alltagsstrukturen. Und wenn das so ist, sieht man zum Beispiel die Auswirkungen der Inflation im Supermarkt. Das sind wirtschaftliche Zusammenhänge, und das sind Themen für Männer genauso wie für Frauen. Gibt es reine Frauenthemen? Immer wenn ich diese Frage höre, antworte ich, dass ich sie nicht verstehe. Wirtschaft, Sicherheit, alles, was unser Leben betrifft: Das sind alles Frauenthemen, und viele Frauen kommunizieren über diese Themen ganz selbstverständlich. Und die Aufgabe von uns Frauen in den Parteien ist es, ihnen aufzuzeigen: Genau das ist Politik, das ganze Leben ist Politik. Und wer sich mit dem Leben beschäftigt, hat auch das Rüstzeug, sich politisch zu betätigen. Die Teilzeit-Quote in Deutschland ist hoch, überwiegend Frauen sind mit reduzierter Arbeitszeit tätig. Ist der Begriff Lifestyle-Teilzeit einer, der Ihnen über die Lippen kommt? Nein. Das Wort war nicht gut, und es war falsch gewählt. Die Debatte ist richtig, aber der Zungenschlag anfangs war es nicht. Teilzeit ist Teil unserer Wahlfreiheit. Man muss allen Menschen zugestehen, dass sie ihre Lebensmodelle in der Arbeitswelt, in der Familie so leben, wie das für ihre familiäre Situation passt. Das ist im Teilzeit- und Befristungsgesetz ordentlich geregelt. Dahinter steht aber eine andere Frage: Wollen die Frauen in Teilzeit arbeiten? Oder müssen sie in Teilzeit arbeiten? Und wenn sie das müssen, dann müssen wir schauen, wie wir sie aus dieser Teilzeitfalle herausbekommen, und müssen für bessere Rahmenbedingungen sorgen. Da geht es um Kinderbetreuung, Arbeitszeitmodelle, die Gestaltung der Arbeit. Wir müssen darüber sprechen, wie wir Frauen die Möglichkeit geben können, Vollzeit arbeiten zu gehen. Sie bekennen sich, anders als manche Ihrer Parteifreunde, auffällig offensiv zum Christentum, Sie kommen aus der katholischen Gemeindearbeit. Finden Sie, dass Frauen in der katholischen Kirche mehr Rechte bekommen sollen? Ja, das habe ich schon immer so gesehen. Ich habe das Kirchenvolksbegehren 1997 unterschrieben. Ich akzeptiere Regeln, aber ich bin auch gerne im Dialog. Warum darf ich nicht Priesterin werden? Würde es uns nicht guttun, wenn auch Frauen ins Priesteramt, ins Diakonat gehen könnten? Wie stehen sie zur Wehrpflicht für Frauen? Dafür müsste man an das Grundgesetz gehen. Aber ja, ich bin dann dafür, dass auch Frauen zwischen Wehr- und Zivildienst wählen müssten. Das ist Gleichberechtigung in beide Richtungen.
