FAZ 11.01.2026
22:33 Uhr

Weltcup in Oberhof: Schweres Gepäck der Biathleten


Beim Thüringer Biathlon-Wochenende ist das Gedenken an den verstorbenen Norweger Sivert Guttorm Bakken allgegenwärtig. Seine Freunde weinen und siegen. Antworten auf offenen Fragen werden sie wohl nicht so bald bekommen.

Weltcup in Oberhof: Schweres Gepäck der Biathleten

Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel über dem tief verschneiten Thüringer Wald, als Vetle Sjåstad Christiansen am Sonntagmittag die Ziellinie in der Oberhofer Biathlon-Arena überquerte. Dann klopfte er sich auf die Brust, hob den rechten Arm und seinen Kopf, ehe er den Zeigefinger nach oben in die Luft streckte, als Gruß an einen abwesenden Freund. Team Norwegen hatte die Staffel, bei der die Deutschen Fünfte wurde, zum Abschluss der Männerwettbewerbe des Weltcupwochenendes am Grenzadler gewonnen. Und es war unschwer zu erkennen, wem das Quartett den Sieg widmete. Er galt Sivert Guttorm Bakken, ihrem am 23. Dezember 2025 verstorbenen Teamkollegen. Diesen emotionalen Erfolg nehmen die weiterhin von Bakkens Tod tief betroffenen Norweger mit auf ihre Heimreise, die sie an diesem Montag nach Lillehammer führt. Dort beginnt um elf Uhr die Trauerfeier für Bakken mit der anschließenden Beerdigung. Oberhof war die erste Weltcupstation nach dem Unglück. Deshalb war Bakkens Tod seit dem Beginn der Wettkämpfe am Donnerstag allgegenwärtig in der Arena am Rennsteig. Beim Sprintrennen, dem Wettkampfauftakt, war Startnummer eins symbolisch Bakken vorbehalten. Der spätere Sieger war der Italiener Tommaso Giacomel. Der 25 Jahre alte Südtiroler jubelte am Donnerstag so wie Christiansen am Sonntag. Giacomel trug am rechten Arm einen Trauerflor und reckte ihn nach der Überquerung der Ziellinie nach oben in den Nebel des eiskalten Vormittags, ehe er seinem norwegischen Kollegen Johannes Dale-Skjevdal um den Hals fiel, dem Tagesdritten. Tränen flossen bei beiden. Giacomel empfand es als surreal, gewonnen zu haben, er sagte mit stockender Stimme: „Es ist einer meiner besten Tage im Biathlon und gleichzeitig ist es einer meiner schlechtesten, weil Sivert nicht mehr da ist.“ Giacomel und Bakken waren eng befreundet. Die beiden waren am Todestag zum Skifahren verabredet, „aber Sivert tauchte nicht auf“, teilte Giacomel kurz darauf bei Instagram mit. Bakken war einen Tag vor Heiligabend während des Trainingslagers im italienischen Lavazè in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden worden. Er wurde 27 Jahre alt. Der trauernde Giacomel gewann am Samstag schließlich auch noch das Verfolgungsrennen. Wieder war er sehr gerührt, in diesem Fall aber auch wegen seines unverhofften Erfolges nach sechs Fehlern in den Schießeinlagen. Diesmal bedankte er sich vor der Ziellinie mit einer Verbeugung bei dem ihm zujubelnden Publikum und übernahm nach seinem ersten Triumph in diesem Wettkampfformat des Biathlons sogar das Gelbe Trikot des Führenden der Weltcupgesamtwertung – von dem Norweger Johan-Olav Botn. Er hatte den toten Bakken im Hotelzimmer gefunden. Verwunderung über italienische Behörden Nach dem insgesamt fünften Weltcuperfolg seiner Karriere sprach Giacomel am Samstag vor allem über seine Leistung, aber nicht mehr über seine Trauer. Eigentlich fühle er sich derzeit nicht als der Beste von allen, auch wenn er es ist, der jetzt das Weltcupklassement anführt: „Ich bin nur deshalb vorn, weil Johan-Olav Botn in Oberhof nicht dabei ist.“ Der Norweger verzichtete aus gesundheitlichen Gründen auf die Reise nach Thüringen. Giacomel weiß noch nicht, ob er es zur Beerdigung nach Lillehammer schafft, denn am Mittwoch beginnt in Ruhpolding schon die nächste Weltcupwoche, er sagt aber: „Ich wäre gern dabei.“ Team Norwegen reist schon am Dienstagabend wieder zurück nach Deutschland, um Ruhpolding rechtzeitig zu erreichen. Die Beerdigung ist nun möglich, weil die italienischen Behörden die Obduktion des Leichnams abgeschlossen haben. Für große Irritation sorgte allerdings die Tatsache, dass die Ergebnisse der Autopsie erst Anfang März vorliegen sollen, neun Wochen nach dem Todestag. „Wir haben uns auch darüber gewundert. Aber uns wurde mitgeteilt, dass die ermittelnden italienischen Stellen alle gesammelten Daten sehr sorgfältig auswerten, was eben eine solch lange Zeit in Anspruch nimmt“, sagte Norwegens Teamsprecher Halvor Lea der F.A.Z. Man wolle gleichwohl so schnell wie möglich wissen, was zu Bakkens Tod geführt habe, um auch emotional mit dieser Causa abschließen zu können. Bekannt war, dass Bakken wegen einer 2022 diagnostizierten Herzmuskelentzündung zwei Jahre pausieren musste. Und ebenfalls, dass er zum Zeitpunkt seines Todes eine Höhenmaske trug. Die italienischen Behörden untersuchen derzeit auch, ob sie die Ursache für den Tod war. Mit einem solchen – legal einsetzbaren – Gerät soll Höhentraining simuliert werden, um die Produktion der roten Blutkörperchen zu erhöhen. Der Gebrauch verwunderte in diesem Fall auch deshalb, weil der Ort Lavazé, an dem Bakken starb, bereits auf 1800 Meter Höhe liegt. Als Ad-hoc-Reaktion auf Bakkens Tod untersagte der norwegische Skiverband die Verwendung von Höhenmasken. Zunächst bis auf Weiteres.