Lindsey Vonn hatte vor der ersten Weltcup-Abfahrt der Saison davon gesprochen, „in der besten Form ihres Lebens“ zu sein. Mit 41 Jahren. Nach 82 Weltcupsiegen, Olympiagold, zwei WM-Titeln. Im Jahr zwei ihres Comebacks nach zuvor fünf Jahren Wettkampfpause. Mit einer Teilprothese im Knie. Und dann fuhr die „Speed-Queen“, die neuerdings „Vintage-Vonn“ genannt wird, bei der Abfahrt in St. Moritz tatsächlich eines der besten Rennen ihrer Karriere. Die Amerikanerin gewann die Schussfahrt auf der Corviglia nicht nur, sie dominierte sie und siegte nach knapp 90 Sekunden Fahrtzeit mit fast einer Sekunde Vorsprung vor der zweitplatzierten Österreicherin Magdalena Egger (+0,98). Dahinter drängten sich die Geschlagenen, darunter die Deutschen Emma Aicher auf Rang fünf (+1,41) und Kira Weidle-Winkelmann auf acht (+1,58). Bei hervorragenden äußeren Bedingungen und strahlendem Sonnenschein im Engadin zeigte Lindsey Vonn vor allem im technisch anspruchsvollen Mittelteil eine herausragende Abfahrt. Sie fuhr nach Aussage des ARD-Experten Felix Neureuther „wie auf Schienen“, blieb trotz kleiner Wellen stets auf Zug, und demonstrierte auch durch Körpersprache sowie ihrer Position über dem Ski absoluten Siegeswillen. Schließlich rauschte sie mit Höchstgeschwindigkeit ins Ziel und zu ihrem ersten Weltcupsieg seit März 2018. Erst die Werbebande konnte sie stoppen, lachend fiel Vonn in den Schnee. „Je schwieriger der Kurs, desto schneller ist sie“ „Ich war überrascht, als ich im Ziel diesen großen Vorsprung gesehen habe“, sagte die überlegene Siegerin später: „Ich dachte, dass ich ein paar Fehler gemacht habe“. Auch sei sie sich vor dem Sprung nicht sicher gewesen, „ob ich hundert Prozent Power habe, aber es hat gereicht!“ Rhetorischen Kniffe dieser Art zeichneten Lindsey Vonns Stil schon immer aus: Sie kündigt erstaunliche Taten an, wenn keiner an sie glaubt – und sie stapelt tief, wenn auch der letzte Nörgler gesehen hat, zu was sie in der Lage ist. Als ihr dann im Interviewbereich ein Handy gereicht wurde, begann sie zu weinen. Auch öffentlich gezeigte Emotionen gelten als Markenzeichen der Promi-Sportlerin. Einer der ersten Gratulanten im Zielraum war ihr früherer Weltcup-Weggefährte Aksel Lund Svindal, den sich Lindsey Vonn im Sommer in ihr Trainerteam geholt hatte. Die Symbiose der beiden hat ebenfalls schon zu einem neuen Spitznamen geführt – dem Team„Lundsay“. Der coole Norweger genießt offensichtlich die Zusammenarbeit mit der extrovertierten Amerikaner. Und er lobt ihr skifahrerisches Können in den höchsten Tönen: „Je schwieriger der Kurs, desto schneller ist sie.“ Ausgerichtet ist das Comeback-Projekt auf die Olympischen Spiele im Februar. Dort strebt sie nichts weniger als einen weiteren Olympiasieg an. Der Kurs liegt ihr: zwischen 2008 und 2018 gewann Vonn auf der „Olympia delle Tofane“ nicht weniger als zwölf Weltcuprennen in Abfahrt und Super G. Ihren Erfolg in St. Moritz widmete Lindsey Vonn einstweilen all den Experten, die sie für ihr Comeback harsch kritisiert hatten: „Vielen Dank für die Motivation, sie hat mir geholfen“.
