Als Überbringer der Botschaft wurde der Weltbiodiversitätsrat IPBES 2019 bekannt. Mit seinem „Global Assessment“ führte das Gremium mit Sitz in Bonn, dem knapp 150 Länder angehören, den Ernst der Lage vor Augen: Dreiviertel der Landflächen stark verändert und in einer Weise genutzt, die Ökosysteme schwächt oder kollabieren lässt – ein fortschreitender und, im Vergleich zu Zeiten, als der Mensch eine Art unter vielen beziehungsweise noch nicht auf die planetare Bühne getreten war, um das Zehn- bis Hundertfache potenzierter Artenschwund; Rückgang der Biomasse der wild lebenden Säugetiere um 82 Prozent. Diese, also die Biomasse aller auf der Erde atmenden, essenden, stoffwechselnden Säugetiere, stellen nun zu 96 Prozent der Mensch und seine Nutztiere. In den folgenden Berichten verschob IPBES den Fokus vom alarmierenden Sachstand auf dessen Analyse: die (Über-)Nutzung wildlebender Arten wurde dargelegt, die Frage behandelt, wie Natur bewertet wird, die Interdependenzen bei den Problembereichen der Erde-Mensch-Beziehung – Artenvielfalt, Klima, Wasser, Ernährung, Gesundheit – wurden aufgezeigt. In seinem am Montag erschienenen Report adressiert der Weltbiodiversitätsrat nun jenen Bereich, der entscheiden wird, ob die Natur in Zukunft noch die Lebensgrundlagen sichern und sogar, so schreiben die Wissenschaftler, ob die Menschheit überleben wird: nämlich ausdrücklich die Wirtschaft. Nicht Mahner, sondern Coach IPBES tritt dabei nicht als Mahner auf, sondern als Coach: Es steckt eine Chance darin, die Transformation zu nachhaltigem Handeln anzupacken, so die Botschaft, abgesehen davon, dass sie alternativlos ist. Naturzerstörung wird als systemisches Risiko für Unternehmen identifiziert. „Jeder Job ist ein Naturjob“, spitzte einer der Leitautoren des Berichts im Gespräch zu. Konservativer, aber mit eindeutiger Tendenz bewertet die Europäische Zentralbank die Abhängigkeit von Unternehmen von den Ökosystemleistungen der Natur: 72 Prozent der 4,2 Millionen Firmen im Euroraum sind laut einer Studie auf sie angewiesen. Die Notwendigkeit zu erkennen, dass die meisten Geschäftsmodelle ohne intakte Natur irgendwann hinfällig werden, wird fast mehr betont als die zweite Aufgabe, die auf Unternehmen zukommt und für die es inzwischen ebenfalls eine Reihe von Messinstrumenten gibt: die Auswirkungen des eigenen unternehmerischen Handelns auf die Natur zu erkennen bis hin zu den am Beginn der Lieferketten stehenden Rohstoffen. Wer die Zukunft seines Unternehmens sichern will, so darf man den Bericht lesen, an dem neben Wissenschaftlern Experten aus der Privatwirtschaft gearbeitet haben, der schützt die Natur – ganz im Sinne des aktuellen Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums, der den Biodiversitätsverlust auf die nächsten zehn Jahre bezogen erneut als eines der größten Risiken für die Weltwirtschaft beurteilt. Mehr als ein Insektenhotel Damit tritt der IPBES-Report in Konkurrenz zur dem Zeitgeist mehr entsprechenden Erzählung, in der Naturschutz zum Hemmnis für eine Erholung der Wirtschaft wie für die Aussendung vom Wähler gewünschter Wir-tun-was-Signale wird. Das neue „Infrastruktur-Zukunftsgesetz“ der Bundesregierung schreibt Straßen, Brücken, Autobahnen ein „überragendes öffentliches Interesse“ zu. Umweltprüfungen werden abgeschwächt oder entfallen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie begrüßt das Gesetz. Was auf lange Sicht von überragendem öffentlichen Interesse ist, muss so wohl auf die schmerzhafte Art gelernt werden. Das im Dezember auf den Weg gebrachte Brüsseler „Vereinfachungspaket“ schränkt unter anderem die künftige Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung so sehr ein, dass laut IHK 90 Prozent der Unternehmen nicht mehr betroffen sind. Gerade begannen sie sich damit zu beschäftigen, dass Schutz der Biodiversität nicht heißt, am Firmensitz ein Insektenhotel aufzustellen; da erfahren sie, dass sie sich das sparen können. Hört man sich bei Initiativen um, die Unternehmen dabei beraten, wie sie sich über die Konsequenzen ihrer Praktiken für Tiere und Pflanzen oder über die Folgen von Verunreinigungen klar werden können, erfährt man, dass das Interesse schwindet. Auch weil Bemühungen um Nachhaltigkeit und Transparenz nicht belohnt werden, etwa durch Steuererleichterungen. Umweltschädliches Verhalten dagegen wird belohnt, laut IPBES-Bericht global mit Subventionen von 2,4 Billionen Dollar jährlich.
