FAZ 01.12.2025
12:42 Uhr

Welt-Aids-Tag: „HIV ist ein wirklich harter Gegner“


Wie viele Menschen infizieren sich in Deutschland mit HIV? Und welche Auswirkungen hat das auf ihr Leben? Ein Arzt gibt Auskunft.

Welt-Aids-Tag: „HIV ist ein wirklich harter Gegner“

Seit 1988 wird jedes Jahr am 1. Dezember der AIDS- und HIV-Infizierten auf der Welt gedacht. Dann tragen Politiker die rote Schleife als Zeichen der Solidarität am Revers, und auf Social-Media-Kacheln wird an Infizierte und Verstorbene er­innert. Doch was bedeutet es eigentlich im Jahr 2025, HIV-positiv zu sein? Stefan Esser ist leitender Oberarzt am Zentrum für HIV, AIDS, Proktologie und Geschlechtskrankheiten der Universitätsklinik Essen. Er sagt: „HIV ist selbst nicht mehr so stark im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Früher gab es große Kampagnen; manchmal ist man überrascht, dass nicht mehr ganz so viel Wissen über HIV öffentlich bekannt ist.“ Reden wir also darüber. AIDS steht für Akquiriertes Immun­-Defizienz-Syndrom. Die Krankheit bricht als Folge einer HIV-Infektion aus, die fast immer sexuell übertragen wird, in Deutschland am häufigsten bei Sex unter Männern. Er schätzt die Dunkelziffer auf 8500 Hierzulande leben 95.000 Menschen mit einer HIV-Infektion, im vergangenen Jahr gab es 3300 Neudiagnosen. Die Dunkel­ziffer schätzt Esser auf 8500, sie basiert auf Hochrechnungen des Robert- Koch-Instituts. Global lebten im Jahr 2024 40,8 Millionen Menschen mit dem Virus, 1,3 Millionen Neuinfektionen kamen hinzu, wie Zahlen des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/AIDS (UNAIDS) zeigen. HIV ist damit heute noch immer eine ernst zu nehmende Infektionskrankheit. Esser sagt aber auch: „AIDS-Erkrankungen sind heute überflüssig, wenn man die HIV-Infektion rechtzeitig diagnostiziert und behandelt.“ In Deutschland komme es auf die rechtzeitige Diagnose an. Denn je früher HIV diagnostiziert werde, desto besser sei die Krankheit in den Griff zu bekommen. „Durch Medikamente lässt sich die Replikation der HI-Viren erfolgreich stoppen“, sagt Esser. „Therapieziel ist, dass keine Viren mehr im Blut nachweisbar sind, sich dadurch das Immunsystem erholt und die eigene Körperabwehr wieder ihre Aufgaben übernehmen kann.“ Ein Drittel der Erstdiagnosen seien allerdings Spätdiagnosen mit einem fort­ge­schrit­tenen Immundefekt. Eine Therapie mit Tabletten ist gängig Eine antivirale Therapie in Tablettenform ist dabei die gängige Behandlung, meistens als tägliche Dosis. Diese Patienten sind dann, wenn sie die Tabletten ­konsequent einnehmen, nicht mehr an­steckend. Geforscht wird aber auch an sogenannten Long-Acting-Therapien. Dabei erfolgt die Medikamentierung dann nur noch einmal wöchentlich, bei Spritzen im Vier-Monats-Takt statt zweimonatlich. Esser sagt: „Das ist auch der große Wunsch von vielen Patientinnen und Patienten: Man wird nicht jeden Tag an seine Erkrankung erinnert. Man will mehr Normalität.“ Normalität sind Geschlechtskrankheiten nicht, obwohl sie weit verbreitet sind. „Geschlechtskrankheiten sind auf dem Vormarsch“, sagt Esser. Sie werden oft ­an­ders wahrgenommen als andere Krank­heiten. Esser erklärt das so: Geschlechtskrankheiten seien immer noch mit Scham und Schuld behaftet. „Jemand, der eine Ge­schlechtskrankheit hat, dem wird ­im­mer irgendwas unterstellt, obwohl Sex etwas Gesundes ist.“ So litten Erkrankte auch heute noch unter Stigmatisierung und Diskriminierung. Daher wünschten sich viele Neupatienten nicht, dass ihr Umfeld oder der Arbeitgeber von der ­Infektion erfahre, sagt der Oberarzt. Dabei gelte: „Wenn ich rechtzeitig diagnostiziert und behandelt bin, kann ich ein weitest­gehend normales Leben führen.“ Esser wünscht sich aber auch, dass mit dem Arzt über Sex geredet oder auch ein Test gemacht werden sollte. „Ich würde mir wünschen, dass Schutzmöglichkeiten mehr genutzt werden.“ Wenn man wisse, dass man häufig Sex mit unterschiedlichen Personen habe, die aus Risikogruppen stammten oder Drogen konsumierten, könne man beispielsweise eine Präexpo­sitionsprophylaxe (PrEP) einnehmen. Das verhindere eine HIV-Infektion. Die HIV-Forschung macht ebenfalls Fortschritte. So können mittlerweile HIV-infizierte Mütter Kinder auf natürlichem Weg gebären und müssen sich nicht mehr zwangsläufig für einen Kaiserschnitt entscheiden. Esser sagt: „Eine HIV-positive Frau, die gut behandelt wird, bekommt ein gesundes, ein HIV-negatives Kind.“ Auch Stillen sei kein Problem mehr. 70 Kinder seien in der Essener Universitätsklinik ­bereits von HIV-infizierten Müttern ge­bo­ren worden. Gegenwärtig werde an Antikörper­therapie geforscht, die ein großer Schritt in Richtung eines funktionierenden Impfstoffs sei, sagt Esser. Aber: „HIV ist ein Künstler im Sich-Verstecken und dem Entrinnen unseres Immunsystems – ein wirklich harter Gegner.“ Man geht davon aus, dass schon die antivirale Therapie in Afrika 26 Millionen Todesfälle verhindern konnte. Umso mehr ist Esser darüber verärgert, dass sich Geldgeber von AIDS-Hilfsprogrammen, allen voran die Vereinigten Staaten, zurückgezogen haben. „Dadurch brechen ganze Hilfsprogramme zusammen.“ Dabei hätten Konzepte mit Aufklärungsarbeit und antiviraler Therapie in Ländern mit schwieriger medizi­nischer Versorgung einen „irren Erfolg“ ­erzielt. Nun könne AIDS wieder zu einer tödlichen Krankheit werden. Auch erste Heilungen gibt es, durch Knochenmarktransplantationen bei ­Pa­tien­ten, die an Leukämie erkrankt sind und eine Transplantation ohnehin benö­tigen. Die Heilung gelingt, indem das ­Knochenmark eines Spenders mit einer bestimmten genetischen Mutation transplantiert wird, die gegen das HI-Virus ­resistent macht. Diese Therapie ist aber so risikobehaftet, dass sie kein allgemeiner Heil­ansatz ist. Stefan Esser sagt: „Die kann man nur rechtfertigen, wenn eine po­tentiell tödliche Krebserkrankung vorliegt.“ Esser nennt das Virus eine „Geißel der Menschheit“, wird aber nicht müde, zu ­betonen: „Wir haben alle Instrumente, um die HIV-Infektion in den Griff zu bekommen, auch wenn wir noch keine Impfung und keine Heilung haben.“