FAZ 14.01.2026
15:21 Uhr

Wellness in Irland: Heißes Glück im Algenbad


Ein nostalgisches Erlebnis nach einem traditionellen irischen Rezept verspricht Gesundheit, Vergnügen, Entspannung – und eine zarte, geschmeidige Haut.

Wellness in Irland: Heißes Glück im Algenbad

Eine kräftige Brise weht vom Atlantik her und wirft dem Wanderer, der den weiten Strand von Enniscrone abläuft, ihren Sprühregen ins Gesicht. Bei aller Liebe zur Natur – das wird allmählich doch recht kühl und ungemütlich, da wäre ein warmes Bad genau das Richtige. Und tatsächlich taucht direkt am Strand, hart an die Klippen gelehnt, eine weiße Burg mit Türmen und Zinnen auf mit dem verheißungsvollen Namen „Cliff Bath“. Das ist zwar keine Fata Morgana, aber dennoch eine Enttäuschung: Das Tor ist verschlossen, die Burg seit Jahren verlassen. Doch die Rettung liegt nur hundert Schritte entfernt: ein neues Bad, das Entspannung in heißem Seewasser und Meeresalgen verspricht. „So neu sind wir auch nicht mehr“, schmunzelt Edward, der in dritter Generation das „Kilcullen’s Hot Seawater and Seaweed Bath“ leitet. Im Jahr 1910 hat sein Großvater das damals „moderne Badhaus“ gebaut, das heute eher mit seinem historischen Charme der vorletzten Jahrhundertwende trumpft. Ursprünglich war es nicht als Touristenattraktion, sondern für die Bauern aus der Umgebung gedacht, die hier Erholung von der harten Arbeit und dem rauen Küstenklima fanden. Damals waren solche Algenbäder sehr populär und galten als die irische Version eines Kurorts, wenn auch deutlich bescheidener als die Vorbilder auf dem Kontinent. Von weit her kamen die Gäste, um Linderung ihrer rheumatischen Gelenkbeschwerden oder verspannten Muskeln zu erhalten. Besonders die Damenwelt schätzte die unvergleichlich pflegende Wirkung auf den Teint, schließlich hat das Badewasser fast die gleiche Konsistenz wie Olivenöl und macht die Haut zart und geschmeidig. Vor allem aber erfährt der Gast eine tiefe körperliche und seelische Entspannung, die noch lange danach anhält. Ein Erlebnis wie vor 100 Jahren Die therapeutische Wirkung eines Algenbads wird der hohen Konzentration an Jod zugeschrieben, das von Natur aus im Meer vorkommt. Während ihres Wachstums filtern die Pflanzen das Element aus dem umgebenden Seewasser und konzentrieren es in ihren Blättern, sodass manche Algen die zwanzigtausendfache Konzen­tration an Jod gegenüber der Umgebung haben, in der sie leben. Das besonders effektive Zusammenwirken von Jod und Salzwasser ist kaum erforscht, wird aber in vielen Kurorten erfolgreich bei der Behandlung von Hautkrankheiten und Asthma eingesetzt. Jahrzehntelang führten die Badehäuser ein Schattendasein, als in den 1970er- und 1980er-Jahren die Menschen die billigen Urlaubsziele in Südeuropa entdeckten. Erst in den letzten Jahren kam es zu einer Renaissance und Rückbesinnung auf diese traditionelle Form der Erholung. Familien schätzen den Strand von Enniscrone, das flache Wasser ohne Strömungen und Steine, in dem die Kinder gefahrlos spielen können. „Auch der Trend zu urtümlichen, ökologisch unbedenklichen Wirkstoffen kommt uns zugute“, sagt Edward Kilcullen. „Schließlich besteht so ein Bad nur aus natürlichen Zutaten, ohne chemische Zusätze.“ Den Seetang holt sein Sohn jeden Tag mit dem Traktor von den Klippen vorm Haus, das Wasser wird direkt aus dem sauberen Atlantik, nur einen Steinwurf von der Wanne entfernt, auf das Hausdach gepumpt, wo es erhitzt wird. „Frischer und natürlicher geht es nicht!“, sagt Edward. Nach dieser vielversprechenden Vorgeschichte wird es aber höchste Zeit für einen Selbstversuch! Auf beiden Seiten des Ganges öffnen sich Türen zu kleinen Badekammern, in denen ein Erlebnis wie vor 100 Jahren wartet. Diese Einzelzimmer waren damals für die gehobenen Klassen reserviert und deshalb liebevoll gestaltet. Alte Fliesen mit zarten Blumenornamenten verzieren die Wände, ein Hauch von Art déco weht hier. Gleich am Eingang fällt ein hölzerner Kasten mit runder Öffnung auf. „Das ist ein Dampfbad nach alter Art“, erklärt Edward. Tatsächlich kann man sich in den Verschlag hocken und die Klappe schließen, sodass nur noch der Kopf herausragt. Dann wird heißer Dampf eingeführt, und der Kunde erlebt Sauna und türkisches Dampfbad auf engstem Raum – nur Platzangst darf man nicht haben. Wir ersparen uns dieses zweifelhafte Erlebnis und steuern direkt auf die massive alte Badewanne aus Delfter Porzellan zu, die eine halbe Tonne wiegt. Als Edward die bronzene Armatur aufdreht, zischt sprudelnd heißes Wasser hervor, im Nu ist der ganze Raum von Dampf erfüllt. In der Wanne schwimmt brauner Seetang, der sich unter der Hitze hellgrün verfärbt. Die Zellkörper brechen auf und setzen ätherische Öle und Mineralien frei. Ein angenehmer Geruch breitet sich aus. Nackt steigt man in das wohltuend warme Wasser, deckt sich mit den Algen zu und fühlt sich sofort angenehm behütet wie unter einer Kuscheldecke. Spielerisch kann man die Pflanzen nach Lust und Laune in der Wanne verteilen und entwickelt plötzlich eine kindische Lust am Unfug. Auf den Kopf damit wie ein Wassermann, die Hände voller Blätter wie gruselige Tentakel! Wie mit einem Schwamm kann man sich mit dem Tang genüsslich vom Kopf bis zu den Füßen abreiben. Das Wasser fühlt sich auf der Haut so weich an wie Olivenöl. Das Salzwasser aus dem Meer trägt und bewirkt dadurch noch einen ganz besonderen Effekt: Beim Einatmen steigt der Körper hoch, beim Ausatmen sinkt er wieder ab. Regelrecht schwerelos treibt man so im Wasser, träumt und vergisst darüber die Zeit. Irgendwann aber kehrt man sanft in die Gegenwart zurück, denn das Wasser kühlt allmählich ab. Wer besonders tapfer ist, stellt sich in der Wanne unter die Dusche und lässt sich mit einem Riesenschwall kalten Meerwassers schockartig in die Wirklichkeit zurückholen. Nach dem Abtrocknen aber ist man tiefenentspannt, müde und vor allem: glücklich! Informationen unter www.kilcullenseaweedbaths.net.