Wer von Basel aus mit dem Auto Richtung Zürich, Zug, Luzern oder zum Bodensee fährt, kommt alsbald durch den Aargau. Kein Grund anzuhalten, mögen Sie denken. Und doch bietet der Kanton eine Reihe von Attraktionen, darunter auch Weine, die einen Abstecher lohnen. Zumal die gefaltete Landschaft ein ruhiges (im Winter sogar schrecklich ruhiges) Idyll ist, da die meisten Reisenden immer nur durchfahren anstatt mal auszusteigen und im „Hirschen“ essen und trinken zu gehen, dem feinen Restaurant von Albi von Felten in Erlinsbach. Der Aargau ist Teil des Gebirges Schweizer Jura, was zunächst irritieren mag, weil Jura auch ein Schweizer Kanton ist, der aber im Nordwesten an der Grenze zu Frankreich liegt. Auch dieser Kanton ist wie der Aargau Teil des Juragebirges, das in Frankreich seinen Lauf nimmt und in der Schweiz bis nach Schaffhausen reicht, aber weiter nördlich auch die Schwäbische und Fränkische Alb gestaltet. Einen Arbois aus dem französischen Jura werden Sie vielleicht mal getrunken haben, hoffentlich aber schon den berühmten Vin Jaune, ebenfalls aus dem französischen Jura, der perfekt zum gereiften Comté-Käse passt. Teil gibt es nur wenige hundert Flaschen Falls Sie hier „blank“ sind, fragen Sie doch mal Ihren Sommelier nach einem Schweizer Jura-Wein, und Sie gehen 1:0 in Führung. Diese Gattung kennt da draußen nämlich so gut wie niemand, und doch gibt es sie. Unterhalb der Grasnarbe finden sich im Schweizer Jura dieselben, vor 145 bis 201 Millionen Jahren aus Meeresablagerungen entstandenen Gesteine der Jurazeit, deren Böden zu 40 Prozent aus Kalk und Mergelkalk bestehen. Sie prägen den eleganten, feinfruchtigen und harmonischen Charakter der seriös strukturierten Weine ebenso maßgeblich wie das von Jura und Schwarzwald geschützte trockene und warme Klima. Im fruchtbaren Fricktal, genau genommen in Oberhof, einem Ort mit 570 Einwohnern, hat diesen Spätsommer ein erstaunlicher Schweizer Winzer seinen 18. Jahrgang vorgestellt: Tom Litwan seine 2023er. Der vom Maurer zum Winzer mutierte Litwan erzeugt auf acht verstreut liegenden, biodynamisch kultivierten Hektaren nicht nur feine, burgundisch geprägte Pinot Noir und Chardonnay, sondern auch zwei der eindrucksvollsten Schaumweine der Eidgenossenschaft: Jahrgangssekte auf Basis von Grundweinen, die über ein Jahr in kleinen Burgunderfässern ausgebaut werden, um nach weiteren drei Jahren der traditionellen Versektung auf der Flasche als Extra Brut in den Markt zu kommen. Der charaktervolle 2020er Petit Meslier – eine alte, rare Sorte aus der Champagne – ist ein intensiver, strukturierter und komplexer Essensbegleiter, während man mit dem 2020er Blanc de Noir den ganzen Abend verbringen kann, so delikat ist die weinige Fruchtintensität und finessenreiche Eleganz dieses weiß gekelterten, hier leicht pinkfarben auftretenden Pinot Noir. Neben zwei vorzüglichen 2023er Chardonnay – Schinznach Wanne (füllig, mild und fruchtintensiv) und Wittnau Büel (kraftvoll, fest und nachhaltig in seiner Vielschichtigkeit) – verblüffen die Pinot Noir (Spätburgunder), von denen Litwan sieben verschiedene Lagenweine füllt, teils aber nur wenige 100 Flaschen. Mehr als 2000 gibt es aber vom 2023er Rüeget aus Elfingen. Dies ist ein so duftiger wie tiefgründiger, erfrischender Klassiker des Ein-Mann-Betriebs, der mit Aromen von Cassis, Kirsche und Kreide durch und durch vom Jurakalk geprägt ist und zu jedem Anlass eine gute Wahl ist. (Bezugsquellen finden sich über www.litwanwein.ch.)
