FAZ 08.12.2025
14:45 Uhr

Weinbau in der Krise: Was sollen Winzer pflanzen?


Überproduktion und Konsumschwäche werden zur Rodung von vielen Rebflächen führen. Der Rheingau diskutiert Konzepte, wie die Kulturlandschaft dennoch reizvoll bleiben kann.

Weinbau in der Krise: Was sollen Winzer pflanzen?

Die Frage ist nicht mehr, ob Rebstöcke gerodet werden, sondern nur, wie viele. Die Krise des Weinbaus, die eine Folge mehrerer sich wechselseitig verstärkender Ursachen ist, wird zur Aufgabe der Bewirtschaftung von Weinbergen führen. Darin sind sich nahezu alle Experten einig. Der Präsident der Hochschule Geisenheim, Hans Schultz, berichtete zum Auftakt einer Tagung über den Strukturwandel im Weinbau und die Folgen für die Kulturlandschaft davon, dass in Frankreich nach 109 Millionen Euro im vergangenen Jahr gerade weitere 130 Millionen Euro zur Finanzierung der Stilllegung von Weinbergen bewilligt wurden. Davon ist Deutschland noch weit entfernt, obwohl in allen Weinregionen Flächenverluste für den Anbau erwartet werden. Für den Rheingau gehen Experten von einem Viertel bis einem Drittel der Rebfläche von 3200 Hektar aus. Der Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbands, Dominik Russler, ist mit seiner Schätzung von 250 bis 500 Hektar zurückhaltender. Doch dass Überproduktion, Konsumzurückhaltung, ein ruinöser Preiswettbewerb und steigende Kosten ohne Folgen für die Weinlandschaft bleiben werden, erwartet zwischen Hochheim und Lorch niemand. Die Krise kam im Eiltempo Die anmutige Kulturlandschaft zwischen Wald und Rhein ist für Russler aber die „Basis von allem“ im Rheingau. Doch wie kann die Existenz der Eigentümer und Pächter gesichert werden, wenn nicht mit der Produktion von Trauben? „Eigentlich müssten wir die Lösung schon in der Tasche haben“, sagte Hochschulpräsident Schultz. Doch die Krise habe den Weinbau in Eiltempo erreicht, obwohl die sinkende Nachfrage schon vor 20 Jahren erkennbar gewesen sei. „Umfang und Tiefe“ der Krise seien neu, bestätigte der Vorsitzende der Bürgerstiftung Rheingau-Taunus, Klaus Werk. Zwar habe es historisch gesehen immer wieder Einschnitte beim Weinbau gegeben, doch diesmal falle die Entwicklung mit dem Klimawandel zusammen und den aufgeworfenen Fragen der Anpassung im Weinbau. Vor allem die „Steil- und Steilstlagen“ seien gefährdet. Weinbauprofessor Manfred Stoll wies darauf hin, dass zwischen 1986 und 2017 die Rebfläche allein in den steilen Hängen des Mittelrheintals um 40 Prozent auf rund 450 Hektar und an der Mosel um 30 Prozent auf rund 8500 Hektar zurückgegangen sei. Die Gründe dafür sind hohe Produktionskosten und ein enormer Aufwand für den Pflanzenschutz, ohne dass der Markt höhere Preise als für Weine aus Flachlagen gewährt. Der absehbare Flächenrückgang habe „eine andere Dimension“ als in der Vergangenheit, so Stoll. Lavendel statt Weinstöcken Wie frei werdende Rebflächen genutzt werden können, um die Kulturlandschaft nicht nur zu erhalten, sondern ökologisch aufzuwerten und in eine Strategie zur Klimaanpassung zu integrieren, dazu hat Ilona Leyer von der Hochschule Geisenheim Vorschläge entwickelt. Eine an ihrem Institut produzierte Simulation soll den Winzern und Bürgern eine Vorstellung geben: Einzelne Rebzeilen werden gerodet, um Platz für Blühstreifen und Hecken zu schaffen. Betonrinnen werden zu Wasserläufen umgestaltet, die im Sinne einer Schwammlandschaft das Wasser möglichst lange im Weinberg halten und dort versickern lassen. Steinhaufen bieten Kleinstlebewesen Schutz und Lebensraum. Schattenspendende Bäume werden gepflanzt und Sitzgelegenheiten für Wanderer und Ausflügler geschaffen, um die Attraktivität einer erlebbaren Kulturlandschaft zu erhöhen. Wo flächig Reben gerodet werden, könnten Mandel- und Olivenbäume oder Lavendel gepflanzt und Streuobstwiesen angelegt werden. Den Wissenschaftlern stellen sich viele Forschungsaufgaben. Beispielsweise muss die ökologische Interaktion zwischen Bäumen und Reben im Hinblick auf den Wasser- und Nährstoffhaushalt im Boden sowie das Mikroklima weiter untersucht werden. Noch sind viele Winzer skeptisch gegenüber Bäumen im Weinberg, auch wenn es genau dafür ausgeklügelte Konzepte gibt, die vereinzelt von Winzern im Rheingau schon angewandt werden. Laut Leyer beginnt im nächsten Jahr ein neues Forschungsvorhaben „FlurWin“, das Konzepte für eine Weinbaulandschaft im Umbruch in den Blick nimmt. Für Verbandsgeschäftsführer Russler geht es vor allem darum, die Wertschöpfung auf der Fläche zu erhalten und Einkommen der Grundeigentümer zu sichern. Gegebenenfalls müsse den Winzern ein sozial verträglicher Ausstieg ermöglicht werden. Der Rheingau müsse als soziales, ökonomisches und ökologisches Gefüge gesehen werden. Eine immer wichtigere Rolle wird überdies dem Weintourismus zugeschrieben. Russler verweist auf vier Millionen Tagesgäste in der Region und fast 750.000 Übernachtungen. Das Potential sei immer noch groß. Nicht nur wegen der 800.000 Fluggäste, die vor ihrem Weiterflug mehr als acht Stunden Aufenthalt in Frankfurt haben und zu einem Kurzbesuch im Rheingau animiert werden könnten. Auch in der Mainmetropole sieht Russler Chancen: „50 Prozent der Frankfurter haben keine Ahnung, was der Rheingau ist.“