FAZ 29.11.2025
12:35 Uhr

Weinbau im Rheingau: „Wir werden ein großes Wasserproblem bekommen“


Trockenstress bedroht die Rheingauer Weinberge. Innovative Wassermanagement-Strategien sollen die Erträge sichern. Ein Pilotprojekt startet im Rüdesheimer Berg.

Weinbau im Rheingau: „Wir werden ein großes Wasserproblem bekommen“

Die Weinbauregion Rheingau gilt als Gewinnerin des Klimawandels. Denn anders als noch bis in die Achtzigerjahre hinein müssen sich die Winzer um die Ausreifung der Trauben und um ausreichend hohe Mostgewichte keine Sorgen mehr machen. Qualitativ dürftige Jahrgänge oder gar Missernten gehören am 50. Breitengrad längst der Vergangenheit an. Aus einem weinbaulichen Blickwinkel von vor 50 Jahren häufen sich nun die Jahrhundertjahrgänge, ohne dass sie als solche gewürdigt werden. Doch es gibt negative Begleiterscheinungen: Bislang unbekannte Schädlinge und Krankheiten breiten sich in den Weinbergen aus, lange Dürrephasen führen zu Trockenstress der Reben, Trauben leiden unter Sonnenbrand, Spätfröste haben wegen des frühen Austriebs fatale Schäden zur Folge. Häufiger Starkregen und Hagel fördern die Erosion ebenso wie die Ausbreitung von Pilzkrankheiten. Das Zeitfenster für eine Ernte gesunder Trauben ist im Kalender um Wochen vorverlegt und wird immer kleiner. „Die Risiken sind gewachsen“, sagt Eckhard Jedicke vom Institut für Landschaftsplanung und Naturschutz der Hochschule Geisenheim. Dazu gehört aus seiner Sicht die zentrale Frage der Wasserversorgung. Der Klimawandel führt nach den Beobachtungen der Hochschule in der Jahressumme bislang nicht zu weniger Niederschlägen im Rheingau, aber zu einer sehr ungleichen Verteilung der jährlich 540 Millimeter Regen. Ohne Bewässerung geht es nicht Das Wassermanagement steht deshalb im Mittelpunkt der Strategien zur Klimaanpassung. „Wir werden ein großes Wasserproblem bekommen“, sagt Jedicke. Für den Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbandes, Dominik Russler, werden bedeutende Weinbaustandorte wie der Rüdesheimer Berg ohne Bewässerung nur noch schwierig zu bewirtschaften sein. Laut Jedicke sticht der Berg mit seinen renommierten Lagen Schlossberg, Roseneck und Rottland in der Trockenstress-Kartierung der Hochschule negativ heraus. Die gemeinsam mit dem Zweckverband Rheingau entwickelte Strategie zur Klimaanpassung lässt sich unter dem Stichwort Schwammregion zusammenfassen. Es geht darum, Regen nicht ungenutzt und schnell in Richtung Rhein abfließen zu lassen. Er soll möglichst in Wald und Weinlandschaft zurückgehalten werden und langsam versickern. Wie das gehen kann, darüber gibt ein von Laura Kellner verfasster „Praxisleitfaden naturnaher Wasserrückhalt“ Aufschluss, der Winzer, Bauern, Förster und den Mitarbeitern der Kommunalverwaltung das notwendige Wissen vermitteln und Impulse geben soll. Bei der Neubestockung von Weinbergen oder im Zuge der Flurbereinigung gibt es beispielsweise die Chance einer behutsamen Modellierung des Geländes. Der Regen soll versickern Durch Gräben, Baumreihen oder Terrassen kann Regenwasser verlangsamt, gleichmäßig und großflächig verteilt und versickert werden. Auch Erosionsschutzstreifen, begrünte Abflussmulden sowie Gehölzstreifen und Hecken können dazu beitragen. Die Pflanzung von Bäumen in den Weinbergen verlangsamt ebenfalls den Abfluss, mindert die Erosion, fördert die Versickerung und verbessert durch die Durchwurzelung die Bodenqualität. Russler weiß allerdings, dass die Vorbehalte vieler Winzer gegenüber Bäumen in den Rebzeilen schwer überwindbar sind. Um Wasser im Weinberg zurückzuhalten, gilt die Querterrassierung als besonders effizient, weil die Terrassen das Wasser abfangen und versickern lassen. Das reduziert die Erosion auf ein Minimum und verbessert die Wasserversorgung der Reben. Die Winzer können zudem durch eine Dauerbegrünung zwischen den Rebzeilen den Regenabfluss stark bremsen. Auch das Graben von Versickerungsmulden und die Umgestaltung von Entwässerungsrinnen können helfen. Ein Instrument der Klimaanpassung soll ein „Wasser- und Bodenverband Rheingau“ sein. Diese Körperschaft des öffentlichen Rechts soll 2027 gegründet werden und ihre Arbeit aufnehmen. Noch sind viele Fragen zu klären, doch laut Russler steht fest, dass dem Rüdesheimer Berg die Rolle einer Pilotregion zugedacht ist. Hier soll die Infrastruktur einer Bewässerung aufgebaut werden. Wasserleitungen in diesen Weinbergen mit ihren besonders kargen, wasserdurchlässigen Böden könnten aus dem Rhein, aus dem Klärwerk oder aus noch zu bauenden Wasserrückhaltebecken gespeist werden. Zudem könnte der Verband unkompliziert den Flächentausch unter Winzern fördern, der wegen der absehbaren Aufgabe von Rebfläche an Bedeutung gewinnen wird.