FAZ 12.01.2026
19:43 Uhr

Weinbau im Klimawandel: Die Turbo-Weinlese wird zur Regel


Der Klimawandel verändert den Weinbau. Die Ernte beginnt früher im Jahresverlauf und muss wegen der Wärme und Fäulnisgefahr immer schneller vonstattengehen.

Weinbau im Klimawandel: Die Turbo-Weinlese wird zur Regel

Während die Rebstöcke in der Winterruhe sind, bilden sich die Winzer fort. Bis Donnerstag nutzen Winzer, Kellermeister und Wissenschaftler die 69. Rheingauer Weinbauwoche in Geisenheim, um fachliche, ökonomische und politische Trends zu diskutieren. Die Weinbauwoche findet in einem  schwierigen wirtschaftlichen Umfeld statt, weil Überproduktion und Konsumschwäche in Verbindung mit erhöhten Produktionskosten für manche Betriebe eine existenzgefährdende Krise bedeuten. In einem aktuellen „Sonderbericht“ des Deutschen Weinbauverbandes zum Weinkonsum in Deutschland wird festgehalten, dass im Weinwirtschaftsjahr 2024/2025 mit 17,8 Millionen Hektoliter Still- und Schaumwein vier Prozent weniger getrunken wurde als im Vorjahreszeitraum. Experten rechnen als Folge der Weinabsatzkrise mit einem Rückgang der Rebfläche um 25 Prozent oder mehr. Hinter den Winzern liegt abermals ein außergewöhnliches Jahr im Weinberg und Keller. Nach den Aufzeichnungen des Eltviller Weinbauamtes ging 2025 als das Jahr mit dem frühesten Lesebeginn seit 1955, seither werden die Daten aufgezeichnet, in die Annalen ein. Der Austrieb war fünf Tage vor dem dreißigjährigen Mittel (1991 bis 2020) am 17. April verzeichnet worden, die Blüte des Rieslings sogar sechs Tage früher. Der von viel Wärme begünstigte Reifebeginn (Referenzwert 25 Grad Öchsle) erreichte mit dem Datum 5. August nach den Jahren 2011, 2018 und 2007 Rang vier auf der Liste der frühesten Termine. Im Vergleich zum Vorjahr war die Pflanzenschutzsaison 2025 für die Winzer weniger schwierig. Die Hauptlese beim Riesling begann im Rheingau am 10. September und wurde von den meisten Betrieben noch vor dem Monatsende beendet. Damit, so die Bilanz des Weinbauamtes, war „die Lese des Jahrgangs 2025 schon beendet, bevor sie üblicherweise anfängt“. Wegen des vielen Regens und der schnellen Ausbreitung von Fäulnis musste schnell gearbeitet werden. Die Qualität habe die Erwartungen „meist erfüllt“, heißt es. Die Erntemengen blieben jedoch unter den Erwartungen. Lese beendet, bevor sie üblicherweise beginnt „Der Klimawandel zeigt deutliche Auswirkungen auf den Weinbau“, lautet die Bilanz. Die Bekämpfung von Schädlingen und Krankheitserregern erfordert neue Strategien. Die phänologische Entwicklung der Rebe beginnt im Jahreslauf immer früher und wird in ihrem Verlauf beschleunigt, heißt es. Der Zeitraum vom Ende der Blüte bis zum Lesebeginn wird deshalb immer kürzer. Im Jahr 2025 waren das nur 91 Tage. Der Mittelwert seit dem Jahr 1955 liegt bei 108 Tagen. Der längste Rekord von 1961 liegt bei 128 Tagen. Die Trauben reifen nicht mehr in einer vornehmlich kühleren Jahreszeit. Dadurch steigt nach starken Regenfällen die Gefahr von Fäulnis. Für eine entspannte Lese gesunder Trauben bleibt den Winzern immer weniger Zeit. Aus Sicht der Meteorologen war im Jahr 2025 mit Ausnahme des Februars  jeder Monat wärmer als das dreißigjährige Mittel. Markant „zu warm“ war mit einer Abweichung von 2,6 Kelvin der Juni. Die dadurch beschleunigte Rebenentwicklung hat „ein neues Niveau“ erreicht, heißt es. Im Winter reichen die frostigen Nächte für eine Eisweinlese meist nicht mehr aus. Am kältesten war es am 14. Januar mit minus sechs Grad. Danach kam wenig Regen. In der langen Geisenheimer Messreihe war es das vierttrockenste Frühjahr seit 1885 und der drittsonnigste März seit 1890. „Insgesamt verlief der Frühling viel zu trocken“, so die Bilanz. Die Frühlingstemperaturen lagen 1,1 Kelvin über dem Mittelwert von 1991 bis 2020. Gleichzeitig gab es einen Sonnenscheinbonus von 192 Stunden. Damit war es einer der sonnigsten Frühlinge im Rheingau. Und ein nasser September, der in Geisenheim mit 109 Litern je Quadratmeter Rang vier der seit 1884 geführten Bestenliste erreichte. Dank durchfeuchteter Böden kam der Wein im Weinbaujahr 2025 gut durch den ungewöhnlich trockenen Frühling. Die niederschlagsreichen Phasen verbesserten die Wasserversorgung, erhöhten allerdings den Krankheitsdruck. Größere Schäden durch Spätfrost und Hagel blieben aus. „Letztlich war die Witterung wieder einmal eine Überraschungskiste“, so die Bilanz. Bei der Ernte hatten Betriebe mit einer hohen Schlagkraft daher einen deutlichen Vorteil. „Wer rechtzeitig auf die Weinlese vorbereitet war und zügig ernten sowie eine rasche Traubenverarbeitung und Weinbereitung gewährleisten konnte, kann mit sehr guten Ergebnissen rechnen.“