Wenn Kinder ihre Eltern fragen, wer an Weihnachten die Geschenke bringt, ist die Antwort meist eindeutig – das Christkind. In manchen Regionen darf auch der Weihnachtsmann mal ran. Aber der ist meist verdächtig groß, riecht nach Onkel und trägt ein rotes Karnevalskostüm mit weißem Kunstbart, der schon nach dem zweiten Satz verrutscht. Wer keinen Weihnachtsonkel hat, bei dem wird meist ein großes Bohei um die Frage gemacht, wie denn nun die Geschenke unter den Baum wandern. So ist es auch in meiner Familie. Seit mehr als 23 Jahren. Und ja, ich bin zu alt, um an das Christkind zu glauben. Aber solange ich nicht verstehe, wie sich das Wohnzimmer in unserer kurzen Abwesenheit in ein liebevoll dekoriertes Geschenkparadies verwandelt, lasse ich ein bisschen Weihnachtsmagie zu. Seit ich mich zurückerinnern kann, läuft Heiligabend nach demselben bewährten Plan ab: Die ganze Familie verlässt gemeinsam das Haus, geht in die Kirche und kommt genauso geschlossen wieder zurück. Eltern, Geschwister, Tante und Großeltern gehören selbstverständlich dazu. Tradition ist schließlich Tradition. Jeder noch so entfernte Verwandte quetscht sich mit uns in die Kirchenbank. Alle sind da. Keiner fehlt. Hungriges Christkind hinterlässt keine Spuren Auf dem Heimweg steigt die Spannung: War das Christkind schon da? Und vor allem: Haben wir es vielleicht diesmal erwischt? Zu Hause – und so wird es aller Voraussicht auch in diesem Jahr sein – werden unter dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum wunderschön verpackte Geschenke liegen. Viele. Kleine und große. Alle sorgfältig arrangiert. Alles wie immer. Der Keksteller, den meine Schwester liebevoll mit „Nervennahrung für das Christkind“ vorbereitet hat – wird leer sein. Komplett. Kein Krümel mehr übrig. Alle Jahre wieder. Unsere Eltern haben es tatsächlich geschafft, dass wir drei Schwestern, 15, 20 und 23 Jahre alt, offiziell noch immer an das Christkind glauben. Was bleibt uns auch anderes übrig? Wir haben schlichtweg keine Erklärung dafür, wer in so kurzer Zeit die Geschenke unter den Baum legt, wenn doch die ganze Familie geschlossen das Haus verlässt. Die Nachbarn haben ihr Wort gegeben, dass sie mit der Sache nichts zu tun haben. Freunde der Familie streiten ebenfalls jede Form der Beteiligung ab. Wir haben schon oft versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Ein Schriftprobenvergleich zwischen dem „Danke“-Zettel auf dem Keksteller und den Handschriften von Familienmitgliedern wurde erstellt. Ergebnis: keine eindeutigen Hinweise. Das Christkind bleibt anonym. Also werde ich auch in diesem Jahr wieder fragen: „Mama, wer legt eigentlich die Geschenke unter den Weihnachtsbaum?“ Und ihre Antwort wird auch in diesem Jahr wieder mit einem Grinsen kommen: „Das Christkind.“ Es ist fest abgemacht, dass meine Mama mir das Geheimnis endlich verrät, wenn ich selbst Mutter werde – damit ich diese kleine Weihnachtsmagie eines Tages genauso weitergeben kann. Aber ich ahne schon. Während ich da sitze, bereit, Notizen zu machen, um ja nichts zu verpassen, wird die Antwort auf die immer gleiche Frage, wer denn nun den Geschenkeservice übernimmt, die gleiche, vertraute sein: das Christkind – wer denn sonst?
